( Un-)Ruhestand

 

 

Die meisten Menschen sehnen  irgendwann ihren Ruhestand herbei. Sie freuen sich darauf, keine Termine mehr einhalten zu müssen, endlich ausschlafen zu können und keinen Ärger mehr mit Kunden, Kollegen oder Chef zu haben.

Die ersten Wochen in ihrem neuen Leben als Rentner fühlen sich auch gut an, - eben wie ein schöner, langer Urlaub. Doch schon nach kurzer Zeit beginnen sich viele zu langweilen, sind nervös und gereizt und auch in der Partnerschaft kriselt es gewaltig.

Dies liegt zum einen daran, dass sich viele nicht wirklich auf ihren Ruhestand vorbereitet haben, zum anderen daran, dass sie mit falschen oder überhöhten Erwartungen die Sache angehen. So wird dieser Lebensabschnitt zu einer echten Herausforderung, da sich alles verändert, was bisher im Alltag gut funktioniert hat.

 

Zunächst einmal ist das Ganze ja auch ein psychisches Problem : Es wird einem bewusst, dass nun endgültig der letzte Lebensabschnitt  begonnen hat.

Schon der Begriff „Rentner“ hat für die meisten einen eher negativen Beigeschmack. Schon als junger Mensch hat man damit „alt und krank“ verbunden – und jetzt soll man selbst so sein ?  Viele Betroffene haben das Älterwerden lange Zeit verdrängt. Man hat mit jüngeren Kollegen zusammen gearbeitet und hat an diese die eigenen Erfahrungen weitergeben können. Solange man berufstätig war, war man aktiv und ein „nützliches“ Mitglied der Gesellschaft. Viele haben sich über ihren Beruf identifiziert,-  der Beruf war nicht eben nur ein Job, sondern Lebensinhalt, Aufgabe und Bestätigung. Die eigene Stimmungslage, das Selbstwertgefühl und manchmal auch die gesellschaftliche Stellung hingen stark von beruflichem Erfolg ab. Vor allem Führungskräften fällt es oft schwer, mit dem Verlust von Macht und Prestige fertig zu werden, wenn sie nur noch Privatpersonen sind.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass man während seiner Berufstätigkeit oft nur wenig Zeit für sich selbst hatte und im Lauf der Jahre viele Hobbys und Interessen zugunsten von Beruf und Familie aufgegeben hat. Jetzt hat man plötzlich mehr Zeit, weiß aber nichts damit anzufangen. Den ganzen Tag Zeitung lesen oder fernsehen will man auch nicht – man langweilt sich !

 

Durch die Berufstätigkeit hatte der Tag auch eine feste Struktur, die nun fehlt. Man freute sich auf das Wochenende und auf den Urlaub. Doch worauf soll man sich freuen, wenn theoretisch jeder Tag ein „Sonntag“ ist und man das ganze Jahr Urlaub hat ?

Vor allem Männer haben oft nur wenige soziale Kontakte. Man hat sich mit Kollegen  unterhalten und sich vielleicht auch mal außerhalb der Firma getroffen. Diese Kontakte brechen meist mit dem Ruhestand ab. Nun stellt man betroffen fest, dass man keine oder nur wenige Freunde hat, mit denen man sich verabreden oder etwas unternehmen könnte.

Bei den Frauen sieht es da manchmal etwas besser aus. Sie haben oft ein stabileres soziales Netzwerk, pflegen ihre Freundschaften sorgfältiger und sind  auch in der Familie traditionell für Kontakte zu Verwandten und Freunden zuständig. Aber auch viele Frauen, die immer berufstätig waren und daneben noch Haushalt und Kinder versorgen mussten, hatten nur wenig Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und aufrecht zu erhalten.

 

Schwierig wird es auch, wenn mit dem Ruhestand zu hohe oder falsche Erwartungen verbunden waren. Man hatte bestimmte Vorstellungen oder Ziele, die man verwirklichen wollte und muss nun feststellen, dass daraus nichts wird. Viele Menschen planen jahrelang für ihren Ruhestand bestimmte Aktivitäten „wenn ich erst mal in Rente bin, werde ich ...“ und übersehen dabei, dass manches im Alter nicht mehr so einfach, bzw. nicht mehr möglich ist, weil z.B. die eigene Gesundheit oder die des Partners manche Dinge nicht mehr zulassen.

 

 

Ein großes Problem sind aber die Auswirkungen, die der Ruhestand auf Ehe und Partnerschaft hat. Es wird oft mehr gestritten, als je zuvor ! Die meisten Paare sind das enge und ständige Zusammensein nicht gewöhnt. Jeder hatte vorher seinen persönlichen Alltag gut organisiert und viele haben sich jahrelang nur kurz abends oder am Wochenende gesehen. Zudem herrschte bei vielen Paaren noch eine klassische Rollenverteilung : der Mann war voll berufstätig, die Frau in Teilzeitbeschäftigung und/ oder hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert. Mit dem Auszug der Kinder konnte die Frau ihren Alltag selbst einteilen und gestalten und fühlt sich jetzt, wenn der Ehemann den ganzen Tag zu Hause ist, regelrecht überwacht. Manche Männer mischen sich mehr in die Haushaltsführung ein, andere verweigern nach wie vor ihre Mitarbeit – beides sorgt für Zündstoff ! Die bisherige Arbeitsteilung funktioniert nicht mehr und die Pflichten und Zuständigkeitsbereiche müssen neu aufgeteilt werden.

Oft ist auch die Erwartungshaltung an den Partner zu hoch. Man möchte von jetzt an die meiste Zeit mit ihm / ihr zusammen sein, vielleicht auch Verpasstes nachholen und erwartet, dass der andere nun ständig zur Verfügung steht und eigene Interessen und Kontakte aufgibt – was dann schnell ein Gefühl von Kontrolle und Einengung beim anderen hinterlässt.

 

Zudem ist mit dem Ruhestand meist auch eine finanzielle Einbuße verbunden. Auch hier sind neue Absprachen nötig, um Streit darüber zu vermeiden, wer , wofür und wie viel ausgeben darf.

Am schlimmsten aber dürfte für viele die Erkenntnis sein, dass sie sich schon lange auseinander gelebt haben und sich fremd geworden sind. Davon haben der Beruf und der getrennte Alltag bisher abgelenkt. Daher kommt es in den letzten Jahren auch vermehrt zu Scheidungen bei Menschen um die Sechzig.

 

Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig und bewusst mit den Veränderungen, die der Ruhestand mit sich bringt, auseinander zu setzen und sich entsprechend darauf vorzubereiten:

Welche Tätigkeiten haben mir in meiner berufstätigen Zeit Spaß gemacht und wie könnte ich diese vielleicht noch in irgendeiner Form weiterführen ? Könnte ich in meiner alten Firma noch Urlaubs- oder Krankheitsvertretung machen, habe ich Lust mir noch einen Teilzeitjob zu suchen ? Wo und in welchem Bereich kann ich mein Wissen und meine Fähigkeiten noch einsetzen ? Möchte ich ehrenamtlich tätig sein, z.B. in Sportvereinen, in Kirchengemeinden oder Wohlfahrtsverbänden ? In vielen Städten und Gemeinden, aber auch im Internet gibt es Kontaktstellen, die ehrenamtliche Arbeit organisieren. Die meisten Menschen fühlen sich besser, wenn sie in ihrem Leben noch eine echte Aufgabe haben, bzw. ein Ziel verfolgen.

 

Was hat mich schon immer interessiert oder welche Hobbys und Aktivitäten  habe ich in den letzten Jahren vernachlässigt ? Manchmal hilft es, sich daran zu erinnern, was einem als junger Mensch Spaß gemacht hat. Aber bleiben Sie dabei realistisch! Nicht alles, was man in der Jugend versäumt hat, lässt sich im Alter nachholen. Vor allem bei sportlichen Aktivitäten sollte man die Erwartungen an das eigene Leistungsniveau deutlich herunterschrauben.

Oft muss man aber auch erst verschiedene Dinge ausprobieren, weil man gar nicht mehr weiß, was einen interessieren könnte. Dafür bieten die Volkshochschulen die unterschiedlichsten Kurse an, an Universitäten kann man sich als Senior-Gasthörer einschreiben und auch Sportvereine haben oft ein extra Angebot für ältere Sportbegeisterte.

 

Pflegen Sie Ihren Freundeskreis, reaktivieren Sie alte Kontakte oder suchen Sie sich neue.

Haben Sie langjährige Freunde, für die Sie bisher aber zu wenig Zeit hatten und die vielleicht inzwischen auch im Ruhestand sind ? Verabreden Sie sich regelmäßig zu gemeinsamen Aktivitäten oder rufen Sie einen „Stammtisch“ ins Leben. Forschen Sie Ihr Adressbuch einmal durch : von wem haben Sie schon lange nichts mehr gehört und hätten aber gerne wieder Kontakt ? Rufen Sie einfach mal an ! Vielen geht es genauso wie Ihnen, aber sie haben nicht den Mut sich nach so langer Zeit wieder zu melden.

Neue Kontakte knüpfen Sie am einfachsten mit Menschen, die gleiche oder ähnliche Interessen wie Sie selbst haben. Auch diese treffen Sie am ehesten in Vereinen, Kursen, Vorträgen und Seminaren.

 

Kümmern Sie sich mehr um Ihre Gesundheit ! Jetzt gibt es keine Ausrede mehr, dass man für Sport keine Zeit hat. Es muss ja nicht gleich in Hochleistungssport ausarten – schon ein bisschen regelmäßige Bewegung sorgt dafür, dass man sich besser fühlt und fit bleibt.

Auch für  eine Ernährungsumstellung ist es noch nicht zu spät. Viele haben sich jahrelang von Kantinenessen und fast-food in der Mittagspause ernährt und abends gegessen, was der Kühlschrank eben so hergab, andere waren „gezwungen“ durch häufige  Geschäftstermine zu viel zu essen. Auch das lässt sich jetzt ändern !

 

Geben Sie Ihrem Tag oder Ihrer Woche eine feste Struktur. Es liegt an Ihnen, inwiefern sich der Sonntag künftig von einem Dienstag unterscheidet.

 

Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre und seine Erwartungen und Bedürfnisse. Wie stellt sich mein Partner, bzw. meine Partnerin die Zeit vor, wenn wir im Ruhestand und zusammen zuhause sind ? Es ist wichtig, neue Vereinbarungen zu treffen, wer für was zuständig ist und die anstehenden Pflichten und Aufgaben neu aufzuteilen. Jeder sollte dann seine Bereiche frei einteilen und gestalten können, ohne dass der andere sich zu sehr einmischt.

Entwickeln Sie neue Rituale. Diese vermitteln ein Gefühl der Geborgenheit und Zusammengehörigkeit. Ein Ritual kann es z.B. sein, jeden Morgen gemeinsam zu frühstücken, ein Mal die Woche ins Kino zu gehen oder ein täglicher kleiner Abendspaziergang vor dem Schlafengehen.

Sprechen Sie über Ihre Finanzen. Wie soll das zur Verfügung stehende Geld eingeteilt

werden ? Wie viel Geld soll noch zurückgelegt werden und wofür ? Bewährt hat sich auch ein kleines „Taschengeld“  über das jeder frei verfügen kann, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen.

Brauchen die erwachsenen Kinder noch Unterstützung ? Wie kann diese aussehen ? Möchte man sich mehr um die Enkel kümmern und sie ab und zu ( gemeinsam ) betreuen ? Auch darüber sollte man sich einig werden.

Sorgen Sie für ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz. Gemeinsame Aktivitäten machen Spaß und ein ( neues ) gemeinsames Hobby tut jeder Partnerschaft gut.

Ebenso wichtig ist es aber, dass beide Partner auch getrennt voneinander etwas unternehmen.

Dies trägt dazu bei, dass jeder sein Leben noch individuell gestalten kann und schafft neuen Gesprächsstoff, der den Alltag interessanter macht. Worüber sollte man sich auch noch unterhalten, wenn man 24 Stunden am Tag gemeinsam verbringt ?  Zu viel Nähe erstickt jede Beziehung !

 

Vielen Menschen fällt es schwer, mit diesem neuen Lebensabschnitt zurecht zu kommen. Sie werden antriebslos und depressiv oder streiten sich ständig mit ihrem Partner. Dann könnten Gespräche mit einem Therapeuten sehr hilfreich sein. Eine neutrale Person kann Ihnen helfen, sich eigener Bedürfnisse bewusst zu werden, einander richtig zuzuhören, Kompromisse zu schließen, Wünsche angemessen zu formulieren, alte Konflikte aufzuarbeiten und neue Sichtweisen zu entwickeln.

 

Die meisten Menschen haben sich ihren Ruhestand hart erarbeitet und es wäre schade, wenn am Ende dann nur Frustration, Langeweile und eine zerbrochene Partnerschaft übrig bliebe.