ADHS: Die Geschichte vom Zappelphilipp

Unaufmerksamkeit, erhöhte Ablenkbarkeit und motorische Überaktivität bei Kindern waren schon im letzten Jahrhundert ein Problem für Eltern, Pädagogen und Ärzte. Dies belegen die bekannten Geschichten des Frankfurter Nervenarztes Heinrich Hoffmann aus dem Jahre 1854, die Erzählungen vom Zappelphilipp und Hans-guck-in-die-Luft.

Heute sprechen wir ( nach eingehender Diagnostik ) von einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom - ADS . 

Es handelt sich hierbei um keine „Modekrankheit“, sondern um eine neurobiologisch bedingte Störung der Informations-Verarbeitung. Es besteht eine Auffälligkeit in der Hirnstoffwechsel-Aktivität bei den Botenstoffen Dopamin und Noradrenalin.

Durch mehr medizinisches und psychologisches Wissen und durch  die zunehmende Komplexität unserer Informationsgesellschaft wurde die Störung deutlicher erkennbar.

 

Man geht davon aus, dass  zwischen  8 und 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen von einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung betroffen sind.

Jungen sind dabei wesentlich häufiger zu finden als Mädchen. Dies bedeutet, dass in jeder Schulklasse durchschnittlich  2 bis 3 Kinder an ADS  leiden.

 

Das Störbild beginnt meist schon im Kindergartenalter und tritt dann mit dem Schuleintritt deutlich hervor. 

Entgegen der früher oft vertretenen Meinung, die Störung „verwachse“ sich in der Pubertät, weiß man heute, dass  50 %  der  ADS – Kinder auch noch als Erwachsene mit den typischen Problemen dieser Störung kämpfen.

Erwachsene mit ADS haben ein erhöhtes Risiko einen Alkohol – und / oder Drogenmissbrauch zu entwickeln. Deshalb ist es wichtig, schon im Kindesalter gezielt gegen diese Störung vorzugehen.

 

Wichtig ist :  ADS  ist kein Erziehungsproblem, keine Bösartigkeit , schlechter Charakter oder Dummheit ! 

Bei  90 Prozent der betroffenen Kinder lässt sich keine eindeutige Ursache für die Störung feststellen. Durch eine familiäre Häufung kann man davon ausgehen, dass die Genetik eine gewisse Rolle spielt.

 

Sicher ist jedoch, dass Alkohol-oder Drogenmissbrauch in der Schwangerschaft, frühkindliche Hirnschädigungen ( z.B. durch Sauerstoffmangel bei der Geburt ), Heimerziehung, emotionale Mangelzustände, Überforderung und rigide Erziehung, Konflikte im Elternhaus und Reizüberflutung  zur Entstehung einer Aufmerksamkeitsstörung beitragen.

 

ADS  Kinder haben eine andere Art, Informationen aufzunehmen, zu sortieren, zu verarbeiten und abzuspeichern. Deshalb reagieren sie bei bestimmten Anforderungen so anders.

Die Ursache für dieses Dilemma liegt im Kopf :  der Aufnahmefilter für Informationen und das Zusammenspiel in der Verarbeitungszentrale , dem Gehirn, funktionieren nicht optimal.

 

Die drei Hauptsymptome einer Aufmerksamkeitsstörung sind :

Unaufmerksamkeit , Hyperaktivität ( motorische Unruhe ), und Impulsivität.

Diese drei Kernbereiche können gemeinsam oder getrennt auftreten. 

So ist bei manchen Kindern die motorische Unruhe besonders stark ausgeprägt, während diese Hyperaktivität bei anderen Kindern völlig fehlt.

 

Kinder mit ADS sind meist unaufmerksam und leicht ablenkbar.

Sie haben Schwierigkeiten, Einzelheiten zu beachten und können sich nur kurz konzentrieren.

Sie verlieren rasch das Interesse an Sachen, mit denen sie augenblicklich beschäftigt sind und wenden sich ständig neuen Dingen zu. Aufgaben bringen sie deshalb häufig nicht zu Ende und wirken so sprunghaft und unstet. Sie können ihre Aktivitäten nur schlecht organisieren und verlieren ihr eigentliches Ziel aus den Augen, vergessen vieles und wirken unordentlich und unzuverlässig.  Die Kinder entwickeln häufig eine Abneigung gegen länger andauernde geistige Anstrengungen.

 

Mit Impulsivität ist das vorschnelle und unbedachte Verhalten gemeint. Die Kinder handeln oft ohne nachzudenken und leben ihre Gefühle sofort aus.

 Abwarten oder planvolles Vorgehen fallen ihnen schwer. Durch dieses „einfach drauflos arbeiten“ unterlaufen ihnen häufig Fehler und sie müssen dann mit vielen Misserfolgen fertig werden.

 

Im Umgang mit anderen verstoßen sie oft gegen soziale Regeln . Sie können die Stimmungen und Gefühle anderer Menschen nicht richtig einschätzen und unterbrechen oder stören häufig.

 

 ADS Kinder neigen zu gefährlichen Aktivitäten  ( z.B. riskante Klettereien ), die verbunden mit ihrer Unaufmerksamkeit, vor allem im Straßenverkehr, zu einem risikoreichenVerhalten führen. Die Kinder kennen keine Gefahren beim Spielen und verletzen sich ständig.  

 

Unter Hyperaktivität versteht man die motorische Unruhe der Kinder. Sie können nicht ruhig sitzen, zappeln ständig herum und können sich nur selten ruhig beschäftigen. Sie wirken wie „aufgezogen“.

Ihre extreme Unruhe und ihr übermäßiger Rededrang sind eine Herausforderung für Eltern und Lehrer.

 

Wenn man sich die Symptomatik eines ADS Kindes betrachtet, ist klar, dass es deshalb zu großen Problemen in der Familie, in der Schule und im Umgang mit anderen kommt.

Eltern beklagen ausgeprägtes Trotzverhalten, Wutausbrüche, Streit mit Geschwistern und unruhige Nächte . Vor allem für Mütter bedeutet ein ADS Kind ein einziger Kraftakt.

Besonders haben Eltern unter dem Unverständnis ihrer Umgebung zu leiden – ihnen wird vorgeworfen ihr Kind nicht vernünftig zu erziehen.

 

In der Schule sind Lehrer und Mitschüler vor allem durch die motorische Unruhe belastet.  Durch die mangelnde Aufmerksamkeit, das planlose Vorgehen bei Aufgaben und die schlechte Organisation des Schulalltags kommt es dazu, dass die ADS Schüler häufig schlechte Leistungen erbringen und  eine Klasse wiederholen müssen.

 

Aufmerksamkeitsgestörte Kinder werden oft wegen ihrer Aggressivität, ihrer mangelnden Disziplin und ihres negativen Sozialverhaltens von Gleichaltrigen gemieden.

Diese Isolation verstärkt noch den Teufelskreis ihrer Problematik .

Die Erfahrungen mit sich selbst und die Reaktionen anderer Menschen verunsichern das Kind sehr und verschlechtern das meist ohnehin mangelnde Selbstwertgefühl. Die Kinder erhalten im Laufe der Störung ein sehr negatives Selbstbild, das sie manchmal durch unangepasstes Verhalten zu kompensieren versuchen.

 

Für die Diagnose ist wichtig,  dass die Symptomatik mindestens sechs Monate besteht und dass das Verhalten des Kindes nicht dem einer altersgemäßen Entwicklung entspricht.

Deshalb sollte die Diagnose nur von einem Kinderarzt oder Psychologen gestellt werden.

Vor allem dann, wenn im Rahmen der Therapie auch Medikamente ( z. B. Ritalin ) zum Einsatz kommen. Leider taucht oft das Gerücht auf, dass ADS Kinder mit Beruhigungsmitteln  ruhig gestellt werden. Das ist völlig falsch !

Zum Einsatz kommen vielmehr Stimulantien, die den Stoffwechsel von Botenstoffen im Gehirn positiv beeinflussen.

Medikamente , richtig ausgewählt und dosiert, können den Kindern helfen, mit ihrer Umgebung besser zurechtzukommen, ihre schulischen Leistungen zu verbessern und ihre Isolation zu verlieren -  das ist für die persönliche Weiterentwicklung enorm wichtig !

 

Ein wichtiger Teil der Therapie ist die psychotherapeutische Betreuung von Eltern und Kind.

Zuerst einmal werden das Kind und die Eltern genau über ADS informiert.

Die Eltern bekommen wichtige Tipps, wie sie ihren Erziehungsalltag besser meistern und wie sie ihrem Kind mit bestimmten Maßnahmen helfen können. Durch  Gespräche soll die häufig schlechte Beziehung zwischen dem ADS Kind und seinen Eltern und Geschwistern verbessert werden.

 

 

Auch das Thema Schule wird in die Therapie mit einbezogen. Die Eltern bekommen Anregungen, wie sie ihr Kind besser fördern können und wie sich der Kontakt mit den Lehrern gestalten lässt.

Wenn die Eltern es wünschen , wird sich der Therapeut auch gern mit den Lehrern in Verbindung setzen , um die spezifische Problematik des Kindes zu erkennen und zu verbessern.

Die Kinder selbst erlernen in einem Basistraining bestimmte Fertigkeiten  ( z.B. genau hinsehen  und hinhören ). I

n einem anschließenden Strategietraining wird den Kindern vermittelt, wie sie sich bedachter und kontrollierter verhalten und wie sie dann das Gelernte auf Alltag und Schule übertragen können.

In Gesprächen werden die Kinder motiviert und gestärkt. Besonders auf ihre Probleme mit Familienmitgliedern  und anderen Kindern wird eingegangen und angemessenes soziales Verhalten wird besprochen und eingeübt.

 

Durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern, Kind, Lehrern, Ärzten und Therapeuten kann eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung beherrschbar werden und das Kind kann sich zu einer stabilen Persönlichkeit entwickeln.