ADHS bei Erwachsenen




Lange Zeit galt ADHS als eine Art „Kinderkrankheit“, die sich nach der Pubertät zurückbildet. Diese Einschätzung war leider falsch. Heute weiß man, dass diese Erkrankung zwar immer im Kindesalter entsteht, aber dass auch viele Erwachsene noch davon betroffen sind. Nur rund ein Drittel aller ADHS-Kinder hat im Erwachsenenalter keinerlei Probleme mehr. Alle anderen kämpfen auch später noch mehr oder weniger stark mit den Symptomen und deren Auswirkungen.
Studien zeigen eine Erkrankungsrate von ca. 4 %  in Deutschland. Anders als bei Kindern, sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen.

Bei vielen Menschen wird diese Störung sogar erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Dies liegt sicherlich daran, dass diese Erkrankung noch vor 30 Jahren weitgehend unbekannt war. Die davon betroffenen Kinder galten oft einfach als wild, faul, dumm oder schlecht erzogen.
Diese Erwachsenen mit ADHS haben oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich : Massive Probleme in der Schule, Ausbildungen häufig abgebrochen, später immer wieder Konflikte am Arbeitsplatz, Partnerschaften sind wiederholt gescheitert und Freundschaften oft nur von kurzer Dauer. Der Eindruck, dass ihnen im Leben nichts gelingt , sie ständig Probleme haben oder überall anecken, führt bei den Betroffenen zu starker Frustration und einem geringen Selbstwertgefühl.  Daher haben  Erwachsene mit ADHS auch ein höheres Risiko alkohol-oder drogenabhängig zu werden, bzw. leiden oft an Angststörungen oder Depressionen.

ADHS ist eine neurobiologische Funktionsstörung und genetisch bedingt. Untersuchungen haben ergeben, dass insbesondere die Transmittersysteme Dopamin und Noradrenalin beteiligt sind. Daher kommt es zu Beeinträchtigungen in bestimmten Hirnregionen, die unser Verhalten kontrollieren und steuern und die dafür zuständig sind wie Informationen, Wahrnehmungen und Gefühle verarbeitet werden.
Spannungen und Konflikte in der Familie ( z.B. der Erziehungsstil der Eltern )  und dem sozialen Umfeld gelten zwar nicht als Ursache für ADHS. Sie können aber bei einer bestehenden Veranlagung die Störung auslösen, sowie die Stärke der Symptomatik und den Verlauf beeinflussen. Denn gerade Menschen mit ADHS brauchen eine gut strukturierte, ruhige und stressfreie Umgebung.

Die Diagnose einer ADHS – Störung erfolgt zunächst durch eine Eigen-und Fremdeinschätzung  ( z.B. durch Partner, Eltern, Geschwister ). Da diese Störung schon in der Kindheit vorhanden war, können auch Schulzeugnisse ein wichtiger Hinweis sein. Allerdings  zeigt jeder Mensch zeitweise in seinem Leben das eine oder andere Symptom. Betroffene jedoch erfüllen über Jahre hinweg etliche dieser Verhaltensmuster und dadurch kommt es auch zu deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag. Die endgültige Diagnose erfolgt dann durch Psychiater oder Neurologen mit Hilfe spezieller Testverfahren.

Die Symptome  sind :

1. Aufmerksamkeitsstörung : 
Die Betroffenen können ihre Aufmerksamkeit nicht lange auf etwas richten und sind leicht ablenkbar, vergesslich, sprunghaft und zerstreut. Es fällt ihnen schwer, ihr Wissen gezielt abzurufen und sie zeigen deshalb keine konstanten Leistungen. Im Beruf kommt es zu Problemen, weil sie anderen oft nicht zuhören und Anweisungen dann nicht richtig oder vollständig ausführen.

2. Arbeitsstil und Motivation :
Gerade im Arbeitsleben zeigt eine ADHS-Störung gravierende Auswirkungen. Das Durchhaltevermögen und die Selbstmotivation können stark eingeschränkt sein, was zu schneller Resignation und Mutlosigkeit führt. Erwachsene mit ADHS beginnen Aufgaben oft sehr motiviert, sind dann aber schnell gelangweilt und schließen nichts ab. Aus einer anfänglichen Begeisterung wird schnell eine totale Verweigerung. Viele schwanken stets zwischen „workaholic“ und „Null-Bock-Haltung“.
Etliche Betroffene haben große Schwierigkeiten eine Tätigkeit zu beginnen und schieben gern Dinge vor sich her, vor allem wenn diese sie nicht interessieren oder eine längere geistige Anstrengung erfordern.
Viele arbeiten nur unter Termindruck, was zu Flüchtigkeitsfehlern führt. Der Arbeitsstil ist entweder sehr hastig oder extrem langsam.
Zudem können sie sich oft nur schwer ein-oder unterordnen. Daher kommt es fast immer zu Problemen mit Vorgesetzten und Kollegen, vor allem wenn Teamarbeit gefordert ist.
Aufgrund dieser Arbeitsweisen erreichen Menschen mit ADHS oft nicht den Schulabschluss, der ihrer Intelligenz und Möglichkeit entspricht, sie brechen oft Ausbildung oder Studium ab und wechseln später häufig die Arbeitsstelle.

3. Motorische Hyperaktivität :
Während Kinder noch die klassischen „Zappelphilippe“ sind und nicht still sitzen können, zeigt sich die Störung bei Erwachsenen etwas anders und abgeschwächter. Die innere Unruhe, nicht abschalten zu können und das Gefühl unter Strom zu stehen sind typisch. Viele sind immer in Bewegung  und ständig auf dem Sprung : sie wippen mit den Füßen oder spielen mit den Fingern. Sie können nicht warten oder ruhig sitzen, sondern laufen ständig umher. In Ruhesituationen langweilen sie sich schnell und neigen zu künstlicher Überaktivität.
Die Betroffenen haben oft einen starken Rededrang, schweifen dann aber immer wieder vom Thema ab und sind kaum zu unterbrechen. Sie hören anderen nicht zu und es fällt ihnen schwer, mit ihrem Gegenüber in Blickkontakt zu bleiben.

4. Emotionale Labilität :
Erwachsene mit ADHS leiden häufig unter starken Stimmungswechseln – von „himmelhochjauchzend“ bis hin „zu Tode betrübt“. Auf kleinste Begebenheiten reagieren sie emotional sehr heftig, manchmal auch überzogen. Kritik gegenüber sind sie sehr überempfindlich und schnell gekränkt.
Viele Betroffenen haben aus ihrer Lebensgeschichte heraus und aus den Erfahrungen, die sie mit anderen gemacht haben, ein sehr negatives Selbstbild und ein geringes Selbstwertgefühl entwickelt.  Durch die ADHS-Störung haben sie oft schon von Kindheit an durch ihr Umfeld Ablehnung erfahren und sind so nicht selten in eine Außenseiterposition geraten.

5. Impulsivität :
ADHS-Betroffene handeln oft aus dem Bauch heraus, ohne lange nachzudenken und leben ihre Gefühle sofort aus. Sie entscheiden sich schnell und ebenso schnell ändern sie wieder ihre Meinung. Hinterher bereuen sie häufig ihr Handeln , aber sie schaffen es meist nicht, ihre Reaktionen und  Gefühle im Vorhinein zu kontrollieren.
Sie missachten leicht die Grenzen anderer und haben Schwierigkeiten sich an geltende, gesellschaftliche Regeln zu halten.
Manche Erwachsene haben eine sehr niedrige Frustrationsschwelle, sind leicht reizbar und rasten gerade bei Überforderung schnell aus. Sie provozieren andere durch verbale Entgleisungen und vor allem Männer sind häufig in Streitereien und auch körperliche Auseinandersetzungen verwickelt.
Einige Betroffene haben Probleme, Gefahren richtig einzuschätzen und sind somit stark unfallgefährdet. Im Straßenverkehr sind sie oft zu schnell unterwegs, fahren waghalsig und aggressiv – wodurch sie immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Sie lieben riskante Sportarten, weil sie immer auf der Suche nach dem nächsten Kick sind.
Insgesamt können sich Menschen mit ADHS nur schlecht kontrollieren, was dazu führt, dass sie vieles auch exzessiv konsumieren. Deshalb kommt es häufig zu Suchterkankungen : Ess-Sucht, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Kaufsucht oder Spielsucht.

6. Chaos und Desorganisation :
ADHS – Betroffene können schwer Ordnung halten, weil sie keine innere Struktur haben. Sie können Unwichtiges nicht von Wichtigem unterscheiden und oft nichts wegwerfen, was mitunter zu einem „Messie-Leben“ führen kann.
Sie verlegen oder verlieren ständig etwas, vergessen wichtige Dinge, haben Schwierigkeiten Abläufe zu planen, sind desorganisiert und arbeiten ohne Struktur. Ihnen fehlt oft der Überblick in ihrem Leben, was häufig auch ihre Finanzen betrifft.
Große Probleme treten auch bei dem Thema „Zeiteinteilung“ auf. Es fehlt das richtige Zeitgefühl und durch die erhöhte Ablenkbarkeit kommt es zu Hektik und Verspätungen.

In Anbetracht dieser Symptome wird schnell klar, dass Menschen mit ADHS oft große Probleme im Alltag, im Berufsleben und in Beziehungen zu ihren Mitmenschen haben. Vor allem Partnerschaften und das Familienleben gestalten sich nicht gerade einfach. Die Angehörigen brauchen häufig eine große Portion Verständnis und Geduld. Umso schwieriger wird es dann, wenn auch Kinder in der Familie an ADHS leiden, d.h. wenn ein Erwachsener mit ADHS ein ADHS-Kind betreuen und erziehen soll !

Trotzdem ist nicht jeder Mensch mit ADHS behandlungsbedürftig. Die Betroffenen sind oft sehr kreativ, originell, neugierig und mutige „Rebellen“. Wenn sie für sich die richtige berufliche Nische gefunden haben sind sie genial und können andere mit ihrem Eifer und Aktionismus begeistern, auch wenn sie manchmal etwas anstrengend für ihre Mitmenschen sind.

Kommt es aber durch die Störung zu erheblichen Schwierigkeiten im Beruf und im sozialen Leben, kann eine Psychotherapie den Betroffenen helfen, ihren Alltag besser zu strukturieren und zu organisieren. Mit Hilfe einer Verhaltenstherapie lernt der Patient mit seinen Problemen besser klarzukommen. Dazu erarbeiten der Therapeut und der Betroffene gemeinsam individuelle Ziele, die dann schrittweise in die Tat umgesetzt werden.

ADHS kann auch mit Medikamenten behandelt werden. Hierbei handelt es sich um sogenannte Psychostimulanzien mit dem Wirkstoff „Methylphenidat“ , die erst seit 2011 in Deutschland für Erwachsene zugelassen sind. Die Verordnung erfolgt ausschließlich durch Fachärzte und unterliegt strengen Bestimmungen. Sie dürfen und sollten auch nur eingesetzt werden, wenn andere therapeutische Maßnahmen keinen Erfolg gezeigt haben.