Agoraphobie

 
 Angst, die das Leben einengt

 

Agoraphobie ist ein Begriff aus dem Griechischen und bedeutet  „Platzangst". Der deutsche Psychiater O. Westphal hat diese Form der Angststörung bereits 1870 das erste Mal bei einem seiner Patienten diagnostiziert, für den es nicht möglich war, angstfrei über einen großen (Markt-) Platz zu gehen.

Heute bezeichnet man damit nicht nur die Angst vor offenen Plätzen, sondern auch alle Ängste vor öffentlichen Orten, Situationen und Menschenansammlungen, die man nicht jederzeit oder sofort verlassen kann, wo eine „Flucht" peinlich wäre, bzw. wo im Falle einer (gesundheitlichen) Notlage keine sofortige Hilfe verfügbar wäre. Besonders angstmachend ist dabei die Vorstellung, die Kontrolle über sich und den eigenen Körper zu verlieren und damit in der Öffentlichkeit unangenehm aufzufallen. Das zentrale Gefühl ist : „Ich sitze in der Falle".

Übrigens, häufig wird der Begriff „Platzangst" irrtümlicherweise für die Klaustrophobie ( = Angst vor engen, kleinen oder abgeschlossenen Räumen ) verwendet.

Die Agoraphobie kann in jedem Lebensalter auftreten und Frauen sind häufiger als Männer davon betroffen. Genaue Zahlen liegen aber nicht vor, da sich viele Menschen wegen ihrer Ängste, die sie selbst als „unsinnig" ansehen, schämen und sich viel zu selten professionelle Hilfe suchen, obgleich diese Angststörung das Leben oft massiv einschränkt.

 

In den meisten Fällen geht eine Agoraphobie mit Panikattacken einher, bzw. ist aus einer Panikattacke heraus entstanden :

1. An einem eigentlich neutralen Ort ( Bus, Kino, Restaurant, Supermarkt, usw. ) tritt eine  Panikattacke oder eine panikähnliche Symptomatik auf, wie Übelkeit, Schwindel oder Herzrasen. Dem vorausgegangen ist oft eine längere psychosoziale Belastungssituation  (Trennungserlebnisse, Probleme am Arbeitsplatz oder in der Familie, Krankheiten, einschneidende Veränderungen im Leben, o.ä.), die mit dem Ort der Panikattacke gar nichts zu tun hat.

2. Die panische Reaktionsbereitschaft nimmt zu - vor allem durch die Erfahrung, dass durch das Verlassen des Ortes die Symptomatik sofort nachlässt oder verschwindet. Die Erkenntnis entsteht, dass man durch das Meiden bestimmter Orte oder Situationen erneute Panikattacken verhindern kann. Mehr und mehr „ähnliche" Orte und Situationen werden von da an „zur Sicherheit" gemieden. Fand die erste Panikattacke z.B. in einem Bus statt, werden irgendwann alle öffentlichen Verkehrsmittel vermieden - die Angst „generalisiert", d.h. sie breitet sich aus.

3. So genannte „Sicherheitssignale" ( Begleitpersonen, Medikamente, Handy, usw. ) werden zur einzigen Garantie gegen die Ängste. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und den eigenen Körper schwindet immer mehr und der Bewegungsradius wird immer enger. Das ausgeprägte Vermeidungsverhalten führt oft zu einem totalen Rückzug in die eigene Wohnung und zu einer starken Abhängigkeit von bestimmten Bezugspersonen. Am Ende stehen manchmal der Verlust des Arbeitsplatzes und eine völlige soziale Isolierung.

 

Die Angst, die eigenen körperlichen oder psychischen Symptome nicht mehr kontrollieren zu können, ist so dominant, dass keine vernünftigen Argumente mehr etwas nützen. Für den Agoraphobiker scheint der einzige Ausweg das Verlassen und das künftige Vermeiden solcher oder ähnlicher Situationen zu sein. Typischerweise werden folgende Situationen vermieden :

·         der Aufenthalt in öffentlichen Räumen, besonders wenn diese überfüllt sind  (Geschäfte, Kirchen, Behörden, Kinos, Gaststätten, Museen, Theater, Wartezimmer, usw.) oder Schlange stehen im Supermarkt

·         der Aufenthalt im Freien unter vielen Menschen ( Fußgängerzonen, Sportveranstaltungen)

·         Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel ( Bus, U-Bahn, Zug, Flugzeug, Schiff )

·         Reisen ohne Begleitung oder in fremde Gegenden

·         Fahren mit dem eigenen Auto. Vor allem Verkehrsstaus oder das Befahren von Autobahnen sind ein Problem, da hier ein sofortiges Verlassen der Situation nur schwer möglich wäre.

 

Eine Agoraphobie zu haben, bedeutet ständig auf der Suche nach vermeintlicher Sicherheit zu sein. Oft wird dies verständlicher, wenn man sich die Lebensgeschichte der Menschen ansieht:  Häufig finden sich einschneidende Lebensereignisse, auch schon in der Kindheit, die bei den Betroffenen Spuren hinterlassen haben : Erfahrungen wie Hilflosigkeit, Ausgeliefert-Sein, Ausweglosigkeit, Trennungsangst, Geborgenheitsverlust, Tod von Bezugspersonen und schwere Enttäuschungen.

 

Für  die Behandlung einer Agoraphobie kann es wichtig sein, diese Zusammenhänge aufzudecken und zu erkennen, inwieweit solche Erfahrungen Auswirkungen auf die aktuelle Lebenssituation des Patienten haben. Ein bekannter Leitsatz lautet : Angst ist stets der ungenügende Lösungsversuch einer Konfliktsituation.

Daher wird man in der Therapie versuchen, neben den Auslösern und der Symptomatik, auch die Ursachen einer Agoraphobie zu ergründen und zu behandeln.

 

Durch das ausgeprägte Vermeidungsverhalten wird die Agoraphobie aufrechterhalten, da der Patient so nie die Erfahrung machen kann, dass die angstbesetzten Situationen an sich gar nicht „gefährlich" sind und er so auch nicht lernen kann, mit seiner Angst und den damit verbundenen körperlichen Symptomen, umzugehen. Hier setzt dann auch die Verhaltenstherapie und die sogenannte „Expositionstherapie" an. Entstehungsbedingungen, sowie die Rolle von Stress werden analysiert, Stressbewältigungsstrategien werden erarbeitet und angstverstärkende Gedankenmuster identifiziert und verändert.

Kernstück der Therapie ist es, angstbesetzte und bisher vermiedene Situationen wieder aufzusuchen und in diesen Situationen zu lernen, dass die Angst auszuhalten, bzw. zu bewältigen ist, dass befürchtete Katastrophen nicht eintreten und dass die Angstreaktion mit der Zeit abnehmen wird.

 Zunächst wird sich der Patient seine angstauslösenden Situationen in Gedanken vorstellen, während er sich in einem entspannten Zustand befindet.

Später wird er diese Situationen dann auch real, unter Umständen zusammen mit seinem Therapeuten, aufsuchen. Grundsätzlich wird der Betroffene in der angstbesetzten Situation verbleiben, bis die Angst vollständig abgeklungen ist und dabei keine Vermeidungsstrategien anwenden. Der Patient wird von seinem Therapeuten unterstützt, sich seiner Angst zu stellen und sich auf sie einzulassen, um zu erleben, dass die Angst ungefährlich ist und ganz von selbst abklingt. Wird dann so eine Situation immer wieder aufgesucht, sinkt der anfängliche „Angstlevel" immer mehr und eine Art von „Gewöhnung" setzt ein, bis die Angst erst gar nicht mehr auftritt.

 

In schweren Fällen kann der Patient zusätzlich durch Medikamente unterstützt werden. Dies sollte jedoch immer nur im Zusammenhang mit einer psychotherapeutischen Behandlung stehen, da die Medikamente sonst wieder nur als „Sicherheitsmaßnahme" dienen.

 

Wird eine Agoraphobie nicht behandelt, wird sie zu einer lebenseinengenden Behinderung. Das Selbstbewusstsein schwindet, Zukunftsängste breiten sich aus und häufig entsteht sogar dadurch eine Depression.

Zudem ist die Familie mit betroffen : Urlaube, Ausflüge, Einkäufe oder die Fahrt zur Arbeit sind nicht mehr oder nur unter belastenden Umständen, bzw. mit großem Aufwand, möglich.

Familiäre Spannungen sind die Folge, da die Angehörigen den Erkrankten nicht mehr unterstützen können oder wollen.

 

Jahrelang können viele Betroffene mit ihrer Agoraphobie ganz gut leben und verstehen es ihre Umgebung zu täuschen. Schließlich lassen sich manche Verhaltensweisen auch mit Ausreden gut erklären : man mag nicht ins Kino gehen, weil man Kopfschmerzen hat, man kann keine Schiffsreise unternehmen, weil man seekrank wird oder man fährt mit dem Auto nicht über die Autobahn zur Firma, weil der Weg durch die Stadt kürzer ist.

Irgendwann jedoch lässt sich diese Angststörung nicht mehr verheimlichen- und das meist zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Ein Familienfest steht an, man muss zu einer beruflichen Weiterbildung in eine fremde Stadt oder die wichtigste Bezugsperson steht für eine gewisse Zeit nicht zur Verfügung - und schon bricht das ganze Kartenhaus aus Ausflüchten zusammen.

 

Soweit muss es nicht kommen. Eine Agoraphobie ist gut behandelbar ! Eine Therapie kann stationär in speziellen Fachkliniken erfolgen, aber auch ambulant bei Psychologen oder Psychotherapeuten, was im Wesentlichen vom Schweregrad der Erkrankung abhängt.

Aber,  je früher eine Behandlung einsetzt, desto einfacher und erfolgreicher ist deren Verlauf!