Angststörung : Leben mit der Angst



Angst ist ein ganz normales Gefühl, das jeder kennt und auch schon erlebt hat. In vielen Situationen im Alltag begegnet uns diese Angst immer wieder : vor wichtigen Prüfungen, vor dem bissigen Hund des Nachbarn oder wenn wir neuen, noch unbekannten Situationen gegenüberstehen. Meist hat dieses Gefühl eine wichtige Warnfunktion, weist uns auf mögliche Gefahren hin und hilft uns, darauf entsprechend  zu reagieren. Das Gehirn schüttet Stresshormone aus, der Herzschlag beschleunigt sich, die Atmung wird schneller, die Muskeln spannen sich an und die Sinnesorgane reagieren mit erhöhter Aufmerksamkeit. So ist der Körper kurzzeitig leistungsfähiger und kann schnell und effizient auf die Bedrohung reagieren – zum Beispiel durch Flucht oder durch den aktiven „Kampf“ gegen die Gefahr.

Häufig sind Ängste aber irrational oder übertrieben und treten auf, obwohl gar keine reale Gefahr besteht und der Mensch ein eher subjektives Gefühl von Bedrohung empfindet. Es kommt zu einem „Fehlalarm“ des Körpers und der Betroffene reagiert im Bezug auf die jeweilige Situation und den tatsächlichen Sachverhalt nicht mehr angemessen.
Meist setzt dann ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten ein : die Betroffenen wissen oft, dass ihre Angstgefühle unbegründet sind und suchen nach einer Möglichkeit, diese Emotionen und körperlichen Reaktionen wieder kontrollieren zu können. Daher vermeiden sie alle Situationen, in denen sie bereits einmal Angst erlebt haben, bzw. sie gehen Situationen aus dem Weg, die eventuell ebenfalls zu einer Angstreaktion führen könnten.
So kommt es zu immer mehr Einschränkungen im Alltag, im Berufsleben und in der Lebensführung, oft verbunden mit Schlafstörungen, innerer Unruhe und Nervosität, sowie körperlichen Symptomen. Als Folge davon ziehen sich die Betroffenen häufig zurück. Dies ist dann auch der Punkt, an dem Ärzte und Psychologen von einer behandlungsbedürftigen Angststörung sprechen.

Wie Angststörungen entstehen, ist noch nicht endgültig erforscht. Man geht von einem Zusammenspiel genetischer, neurobiologischer und psychischer Faktoren aus.
Für eine gewisse erbliche Veranlagung spricht die Tatsache, dass Angststörungen in manchen Familien gehäuft auftreten. Unklar ist aber, ob dies nicht mit einem bestimmten Erziehungsstil zusammenhängt : ein Elternteil, das selbst an einer Angststörung leidet, kann eigene Ängste auf sein Kind „übertragen“. Das Kind „erlernt“ demnach seine Ängste von einer Bezugsperson.
Ebenso spielen biologische und chemische Vorgänge in unserem Körper bei der Entstehung von Angststörungen eine wichtige Rolle. Bestimmte Zentren in unserem Gehirn sind daran beteiligt : das limbische System und der Mandelkern sind für die Verarbeitung von Emotionen und deren Abspeicherung verantwortlich. Diese beiden Zentren reagieren nach Meinung von Wissenschaftlern bei Menschen mit Angststörungen überaktiv. Zudem scheint das Gleichgewicht von bestimmten Botenstoffen im Gehirn gestört zu sein.
Bei einer Angstattacke finden komplexe Stoffwechselvorgänge statt und vegetative Reaktionen ( Schwitzen, Schwindel, Herzrasen, Übelkeit ) werden durch die Ausschüttung bestimmter Stresshormone ausgelöst.
Aber auch psychische Faktoren sind bei der Entwicklung einer Angststörung von Bedeutung. Psychosoziale Belastungen, also Konflikte und Probleme am Arbeitsplatz und in der Familie, anhaltender Stress, Trennungen und Verlusterlebnisse, aber auch schwere Traumata, Gewalt-und Missbrauchserfahrungen können zu einer Entstehung beitragen.
Mitunter lösen auch tiefgreifende Veränderungen und ein „Zuviel an Neuem“ eine Angststörung aus – wie die Geburt eines Kindes, ein Umzug, ein Jobwechsel, usw. – also an sich oft positive Dinge, die aber eine gewisse Anforderung und somit auch  Gefahr der Überforderung mit sich bringen.

Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen überhaupt. Frauen sind davon mehr betroffen als Männer. Insgesamt leiden rund 15 Prozent der Bevölkerung im Verlauf ihres Lebens an einer Form der Angsterkrankung, oft verbunden mit anderen Begleiterkrankungen, wie Depressionen oder Alkohol-und Medikamentenabhängigkeit.
Ohne ärztliche und psychologische Behandlung nehmen Angsterkrankungen häufig einen chronischen Verlauf, der über Jahre bestehen bleibt.

Grundsätzlich unterscheidet man zwei verschiedene Gruppen von Angststörungen :
Phobien sind Ängste, die durch bestimmte Situationen, Objekte oder Aktivitäten ausgelöst werden. Hierzu zählen die soziale Phobie, die Agoraphobie und die spezifischen Phobien.
Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Ängste, die ohne einen bestimmten  (erkennbaren) äußeren Auslöser auftreten. Dazu gehören die Panikstörung und die generalisierte Angststörung.

Soziale Phobie:
Menschen mit einer sozialen Phobie haben starke Angst vor Situationen, in denen es um Begegnungen mit anderen geht. Sie fürchten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und von anderen bewertet oder beurteilt zu werden. Sie haben Angst, etwas Peinliches, Lächerliches und Falsches zu sagen oder zu tun, und von ihren Mitmenschen kritisiert oder ausgelacht zu werden. Für manche Betroffene ist es sogar unmöglich, in Gegenwart anderer zu essen, zu trinken oder zu reden.
Diese Angst ist häufig mit unangenehmen körperlichen Symptomen verbunden, wie Herzrasen, Zittern, Erröten, Schwitzen und Übelkeit. Dabei haben die Betroffenen auch größte Befürchtungen, dass andere Personen diese Anzeichen bemerken könnten.
Wegen dieser Ängste vermeiden Menschen mit einer sozialen Phobie das Zusammensein mit anderen und ziehen sich immer mehr zurück. Sie verlieren ihr Selbstbewusstsein und fühlen sich oft als Versager.

Agoraphobie :
Hier tritt die Angst vor allem in Situationen auf, in denen man sich außerhalb seiner gewohnten und „sicheren“ Umgebung aufhält und die man nicht sofort oder einfach verlassen könnte. Hierzu zählen größere Menschenmengen ( z.B.  Veranstaltungen, überfüllte Kaufhäuser, usw. ), Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Warten an der Supermarktkasse oder in der Arztpraxis, Theater-oder Kinobesuche oder Fahren auf der Autobahn.
Dabei befürchten die Betroffenen häufig, dass sie in einer solchen Situation ohnmächtig werden und die Kontrolle über ihren Körper verlieren könnten.
Diese Form der Angst empfinden die Menschen oft als besonders einschränkend, weil selbst normale Alltagstätigkeiten sich als schwierig erweisen und sie häufig kaum noch ihr Zuhause verlassen können.

Spezifische Phobie
:
Bei dieser Form steht die Angst vor konkreten Objekten oder Situationen im Vordergrund .
Typisch sind Tierphobien – also die Angst vor Hunden, Spinnen oder Mäusen. Häufig betrifft die Angst auch Naturgewalten, wie Gewitter, Wasser oder Feuer.
Bei vielen Menschen tritt diese Angst in Situationen auf, die sie persönlich als gefährlich einstufen : über Brücken gehen, Aufzug fahren, Fliegen im Flugzeug, Spritzen zu bekommen, größere Höhen, usw.
Die Reaktionen, die bei einem Kontakt mit den gefürchteten Objekten oder Situationen auftreten, reichen von Unbehagen bis hin zu heftigen Panikgefühlen mit starker körperlicher Symptomatik. Daher versuchen die Betroffenen solche Objekte und Situationen irgendwie zu vermeiden.
Behandelt werden sollte eine spezifische Phobie dann, wenn das Alltagsleben dadurch stark eingeschränkt wird. Also wenn z.B. jemand aus Angst vor Hunden sein Zuhause nicht mehr verlässt oder nötige Behandlungen , wie einen Zahnarztbesuch, aus Angst vor Spritzen vermeidet.

Panikstörung :
Hier treten schwere Angstattacken plötzlich und völlig unerwartet auf und scheinen nicht durch etwas Bestimmtes ausgelöst zu werden. Die Angst steigert sich innerhalb von wenigen Minuten bis hin zur totalen Panik, manche Betroffene empfinden sogar etwas wie Todesangst.
Die Panikattacken sind meist mit extrem starken körperlichen Reaktionen verbunden : Herzrasen, Übelkeit, Erstickungsgefühle, Atemnot, starker Schwindel, Taubheitsgefühle, Schwitzen oder diverse und heftige Schmerzzustände.
Die meisten Panikattacken dauern zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde und die körperlichen Symptome lassen dann auch langsam wieder nach.
Oft erleben Menschen eine solche Attacke als so bedrohlich, dass der Notarzt gerufen wird.
Viele Betroffene suchen als Folge davon die verschiedensten Ärzte wiederholt auf, weil sie eine schwere Erkrankung bei sich vermuten und gar nicht glauben können, dass sie körperlich eigentlich gesund sind.
Da die Paniksymptome so plötzlich und unerwartet auftreten, entwickeln diese Personen eine starke „Erwartungsangst“, d. h. sie leben in ständiger Angst vor der nächsten Attacke. Sie vermeiden alle Situationen , in denen sie bereits einmal eine Attacke erlebt haben oder wo im Notfall keine schnelle Hilfe und ärztliche Versorgung sichergestellt wäre.

Generalisierte Angststörung :
Hier leiden die Betroffenen unter einer anhaltenden und diffusen Angst, die mit vielen Befürchtungen verbunden ist und sich auf unterschiedliche Lebensbereiche bezieht. Sie haben häufig das Gefühl einer nahenden Katastrophe, sind unruhig und nervös.
Typisch ist zum Beispiel die Angst, dass einem selbst oder einem Angehörigen etwas zustoßen könnte. Andere Sorgen betreffen die Gesundheit, die Finanzen oder den Job.
Die Angstgefühle sind ein ständiger Begleiter und die Menschen leben mit einer
anhaltenden  Anspannung, die sich auch körperlich mit unterschiedlichen Symptomen bemerkbar macht - besonders häufig treten  Schlafstörungen und Muskelverspannungen auf.

Menschen, die an einer Angststörung leiden, suchen sich oft erst nach jahrelanger Leidenszeit professionelle Hilfe und meist erst dann, wenn der Lebensalltag schon stark eingeschränkt ist.
Besonders bedenklich ist, dass viele Betroffene zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln greifen, um so ihre Ängste erträglicher zu machen. Dabei sind Angsterkrankungen gut behandelbar und je früher dagegen etwas getan wird, umso  besser sind die Erfolgsaussichten.
Zunächst sollte aber immer durch einen Arzt abgeklärt werden, ob körperliche Krankheiten vorliegen. So können etwa eine Überfunktion der Schilddrüse oder bestimmte Medikamente Angstsymptome auslösen.

Die Behandlung von Angststörungen beruht auf psychotherapeutischen und medikamentösen Ansätzen :
Zunächst sollte der Patient genau über seine Erkrankung aufgeklärt werden, damit er vor allem seine körperlichen Symptome richtig einordnen kann. Danach werden mit Hilfe eines „Angst-Tagebuchs“ der Verlauf und mögliche Auslöser analysiert.
Anschließend wird dann für den Betroffenen das für ihn und seine Form der Angsterkrankung passende Therapieverfahren ausgewählt.
Häufig kommt die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz : hier lernt der Patient, welche Denkabläufe und psychischen Vorgänge seiner Angst zugrunde liegen und wie der Teufelskreis der Angstentstehung  durchbrochen werden kann. Damit werden auch vermeidende Verhaltensweisen aufgedeckt und korrigiert .
Daneben gibt es noch die systematische Desensibilisierung. Hier wird der Patient mit seinen Ängsten konfrontiert, indem er sich zunächst gedanklich und später dann auch real den angstauslösenden Objekten oder Situationen aussetzt. Er lernt der Angst ins Auge zu blicken und sie auszuhalten. Schon nach kurzer Zeit setzt bei dem Betroffenen dann eine Art von Gewöhnung ein und er erkennt, dass er die Angst aushalten kann und die gefürchtete „ Katastrophe“ ausbleibt.
Daneben gibt es noch zahlreiche Ansätze aus der Verhaltenstherapie die angewendet werden können.
Wichtig ist auch, dass der Patient ein Entspannungsverfahren, wie die „Muskelentspannung nach Jacobson“, erlernt. Dies trägt dazu bei, den Teufelskreis von Angst und Anspannung zu durchbrechen.

Manchmal kommen neben der psychotherapeutischen Behandlung auch Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva zum Einsatz, die bestimmte Strukturen und Botenstoffe im Gehirn beeinflussen. Gerade bei Patienten, die unter schwersten Angststörungen leiden, müssen oft zunächst Medikamente verabreicht werden, bevor die psychotherapeutische Behandlung beginnen kann.
Mitunter werden auch Betablocker verordnet, um die körperliche Symptomatik ( Herzrasen, etc.) zu lindern.
Auf den Einsatz von Benzodiazepinen ( starke Beruhigungsmittel, wie Tavor oder Valium) sollte möglichst verzichtet werden. Diese machen schnell abhängig und dürfen daher nur im Notfall und kurzzeitig zur Anwendung kommen.