Arbeitssucht: Wenn der Job zur Droge wird

       

 

Kann Arbeit süchtig machen ?  Für viele ist das kaum vorstellbar, sie freuen sich auf ihren Feierabend, das Wochenende oder den Urlaub.

Und doch gibt es Menschen, die freiwillig und ständig Überstunden bis in die Nacht ableisten, sich für das Wochenende Arbeit mit nach Hause nehmen und sogar im Urlaub den Aktenkoffer oder Fachliteratur dabei haben ,- falls sie nicht sowieso auf diesen gänzlich verzichten.

 

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass jeder, der aus nachvollziehbaren Gründen viel arbeitet, damit auch als arbeitssüchtig zu bezeichnen wäre. Der Unterschied liegt vielmehr in der Einstellung zur Arbeit und im Arbeitsstil, also warum und wie jemand arbeitet.

 

Wie andere Suchtformen auch, entwickelt sich die Arbeitssucht allmählich. Der Arbeitssüchtige wirkt zunächst noch aktiv, erfolgreich und scheint sein Leben mühelos im Griff zu haben.

Die meisten flüchten sich anfangs in die Arbeit, um Problemen in Familie und Partnerschaft  ( Scheidung, Tod eines Angehörigen usw. ) aus dem Weg gehen zu können.

Vorübergehend kann diese Verhaltensweise sogar hilfreich sein, um sich abzulenken. Zudem bekommt man für sein Engagement Anerkennung von außen, man fühlt sich gut, ist offenbar wichtig und man wird gebraucht.

Erfolg motiviert und das Selbstwertgefühl steigt.

Angst vor Arbeitslosigkeit und flexible Arbeitszeiten unterstützen außerdem dieses Verhalten.

 

Die moderne Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Teamarbeit ist selbstverständlich und die Mitarbeiter tragen mehr Verantwortung für die inhaltliche und zeitliche Gestaltung ihrer Arbeit.

Gerade flexible Arbeitszeitregelungen ( „ Vertrauensarbeitszeit“ ) tragen dazu bei, dass aufgrund eigener Entscheidungen mehr und intensiver gearbeitet wird.

 

Der Grundstein für eine spätere Arbeitssucht kann schon in der Kindheit gelegt werden. Schon früh lernen Kinder, welche Verhaltensweisen ihnen Lob, Anerkennung und Liebe der Eltern einbringen.

Gute Leistungen in der Schule werden belohnt, schlechte vielleicht sogar bestraft. Dadurch kann ein System entstehen, das dem Selbstwertgefühl des Kindes schadet. Nur durch gute Leistungen fühlt es sich bestätigt, bei schlechten Leistungen entstehen Druck , Schuldgefühle und Selbstzweifel.

 

Arbeit kann dann später das Mittel sein, welches hilft, Angst, Minderwertigkeitskomplexe oder Unsicherheit zu überspielen. Arbeit wird dann wie ein innerer Zwang empfunden.

 

Arbeitssüchtig werden also nicht nur Manager, sondern auch Selbständige, Angestellte, Arbeiter, Hausfrauen oder Rentner.

Die Art der Arbeit spielt dabei keine so große Rolle, wenngleich Berufe, die mit gesellschaftlicher Anerkennung einhergehen, anscheinend eher zu einer Arbeitssucht führen können.

 

Nun sollte man meinen, dass Arbeitssüchtige in Firmen und vor allem bei ihren Vorgesetzten gern gesehen sind. Doch das Gegenteil ist der Fall !

Arbeitssüchtige brauchen anfangs lange Zeit immer mehr von ihrem Suchtstoff Arbeit“, um sich wohl zu fühlen.

Doch irgendwann  können sie auch bei vollem Einsatz die angehäufte Arbeit nicht mehr bewältigen, sie haben den Überblick verloren und sie haben verlernt, wichtige Aufgaben von unwichtigen zu unterscheiden. Sie arbeiten immer hektischer und machen dadurch mehr und mehr Fehler. Dies kann zu folgenschweren Konsequenzen in jeder Firma führen.

 

Die Betroffenen sind zudem nicht imstande in einem Team zu  arbeiten oder Aufgaben zu delegieren. Arbeit abzugeben bedeutet für sie die Kontrolle abzugeben oder zu verlieren – und das ist für einen „workaholiker“ oft gleichbedeutend mit dem Verlust der eigenen Identität.

Durch diese Verhaltensweise wird die Kommunikation unter den Mitarbeitern gestört und das Betriebsklima vergiftet.

 

Die Arbeitssucht hat natürlich auch Auswirkungen auf die wenige Freizeit.

Manches, was ein Betroffener als Entspannung ansieht, ist nur eine andere Form von Arbeit.

Die tägliche Joggingrunde morgens um fünf macht keinen Spaß, sondern dient dazu, die Arbeitskraft noch zu steigern.

Selbst Hobbys werden nach kurzer Zeit zu einer Pflicht oder einem Job : die  ehrenamtliche Tätigkeit in einem Verein verschafft dem Arbeitssüchtigen sein Suchtmittel und Anerkennung noch dazu.

Die Freizeit muss auf jeden Fall „ sinnvoll“ verbracht werden, d.h. wenn derjenige es schafft, sich für eine gewisse Zeit in einen Liegestuhl zu legen, dann nur mit einer Fachzeitschrift in der Hand.

Eine arbeitssüchtige Hausfrau verbringt ihren Urlaub daher gerne in einem Ferienhaus, um sich „nützlich“ machen zu können.

Gerade im Urlaub sind Arbeitssüchtige „auf Entzug“ – sie sind schnell gereizt, extrem unruhig und unzufrieden, was für Familie und Mitreisende nicht einfach ist.

 

Da Arbeitssüchtige für ihre Familie und Freunde keine Zeit mehr haben, geraten sie zunehmend in eine soziale Isolierung. Partnerschaften gehen auseinander und Freundschaften zerbrechen. Dies führt häufig dazu, dass die Betroffenen noch mehr arbeiten, um damit fertig zu werden.

Für viele ist der Umgang mit Arbeit einfacher, als eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen. Kontakte zu anderen werden oft nur gesucht und gepflegt, wenn sie „ etwas bringen“.

 

 

Die Arbeitssucht wird in drei verschiedene Phasen eingeteilt :

 

In der Anfangsphase arbeitet der Betroffene zunehmend in seiner Freizeit und überschätzt dabei die eigenen Fähigkeiten oder Kräfte. Seine Gedanken drehen sich nur noch um die Arbeit.  Darüber vernachlässigt er Familie und Freunde. Auf Vorwürfe reagiert er entweder aggressiv oder er beginnt heimlich zu arbeiten. Frühere Hobbys oder Interessen werden aufgegeben.

 

In der zweiten Phase wird die Arbeit zu einem unkontrollierbaren Zwang.

Der „workaholiker“ merkt, dass seine psychischen und physischen Reserven nicht mehr ausreichen, um den Berg an Arbeit zu bewältigen.

Er gönnt sich keine Freizeit oder Ruhepausen und arbeitet nahezu ununterbrochen. Viele greifen dann vermehrt zu anderen Suchtmitteln, wie Nikotin, Alkohol oder Aufputschmitteln.

Erste körperliche Symptome zeigen sich : Schlafstörungen, Bluthochdruck, Magenbeschwerden oder Rückenleiden, aber auch Konzentrationsstörungen, Depressionen und Angstzustände.

Wenn in diesem Stadium die ersten massiven Ausfälle durch Krankheit auftreten, nehmen die Betroffenen meist medizinische Hilfe in Anspruch, um ihre Leistungsfähigkeit schnell wieder herzustellen. Oft werden dann aber nur die Symptome behandelt und nicht die Arbeitssucht.

 

In der Endphase kommt es zu einem nicht mehr reparierbaren Bruch der Leistungsfähigkeit. Der Arbeitssüchtige wird arbeitsunfähig.

Herzinfarkte und chronische Erkrankungen führen zu langen Klinikaufenthalten und Reha-Maßnahmen.

Manche sind darüber so verzweifelt, dass sie Selbstmordversuche unternehmen, da ihnen ihr Leben ohne Arbeit sinnlos erscheint.

Am Ende bleibt somit die Frühverrentung oder gar der Tod.

 

Die japanische Gesellschaft, in der Arbeitssucht sehr häufig auftritt, hat für dieses „sich zu Tode arbeiten“ sogar einen eigenen Begriff geprägt : Karoshi. Die Opfer dieser Erkrankung hatten in ihrem Leben keine größeren gesundheitlichen Probleme, sie waren „nur“ arbeitssüchtig.

 

Die Therapie der Arbeitssucht gestaltet sich deshalb meist schwierig, weil den Betroffenen lange Zeit jegliche Krankheitseinsicht fehlt.

Wer in unserer Gesellschaft viel arbeitet, ist angesehen, er gilt als erfolgreich, zielstrebig und leistungsbereit. Daher gibt es für den Workaholiker zunächst keinen Grund, sich von seiner Sucht zu befreien.

Oft muss es leider erst zu einem totalen psychophysischem Zusammenbruch kommen, bis derjenige zu der Einsicht gelangt, dass er Hilfe benötigt. Viele gut gemeinte Ratschläge von Freunden , Familie oder Kollegen ( z.B. „ fordere nicht zu viel von dir“ oder „ entspanne dich und mach´ doch mal Urlaub“ ) kann er nicht so einfach umsetzen. Schließlich kann auch kein Alkoholkranker mit dem Trinken aufhören, nur weil man ihm dazu rät !

 

Der erste Schritt zur Veränderung ist, dass sich der Betroffene eingesteht, dass die Arbeitssucht auf Dauer zu seinem sozialen und gesundheitlichen Ruin führen wird.

In einer Psychotherapie oder Selbsthilfegruppe kann der Arbeitssüchtige den wahren Motiven seiner Sucht auf die Spur kommen und sich von schädlichen Grundüberzeugungen befreien.