Babyblues und Depressionen nach der Schwangerschaft

 

Die meisten Paare freuen sich sehr darüber, wenn sie erfahren, dass sie Eltern werden – zumindest, wenn das Baby geplant und gewünscht ist. Dies bedeutet für beide neun Monate warten, für die Frau manchmal verbunden mit körperlichen Problemen, die eine Schwangerschaft so mit sich bringen kann. Es gilt Vorbereitungen für den Familienzuwachs zu treffen und dann ist es soweit :  das unbeschreibliche Erlebnis der Geburt. Ist alles gut überstanden und das Baby endlich da, erwartet man Glücksgefühle und Euphorie bei der Mutter – doch manchmal kommt es anders und statt dessen : heulendes Elend, Überforderung und Versagensängste.

 

Grundsätzlich muss man hierbei zwischen dem sogenannten „Baby-Blues“ -  im Deutschen kennt man dafür leider nur den unschönen Ausdruck  „Heultage“  -  und einer postpartalen  ( = nach der Schwangerschaft ) Depression unterscheiden :

Der Baby-Blues ist ein Stimmungstief, das rund 90 % aller frischgebackenen Mütter trifft. Er zeigt sich meist am zweiten oder dritten Tag nach der Entbindung und klingt nach wenigen Tagen wieder ab. Der Hauptgrund ist in erster Linie die hormonelle Umstellung : der Östrogen- und Progesteronspiegel sinkt , dafür produziert der Körper das Hormon Prolaktin, das für die Milchbildung verantwortlich ist. Dieser Wechsel kann zu Stimmungsschwankungen und großer Empfindsamkeit, verbunden mit häufigem Weinen, sowie zu Ängstlichkeit und leichter Reizbarkeit führen.

Doch sind oft nicht nur die Hormone schuld an dem Stimmungstief : das Baby fordert die ganze Kraft und Aufmerksamkeit der Mutter. Alle zwei bis vier Stunden verlangt ein Neugeborenes nach Nahrung – und so macht sich schon nach einigen Tagen bei der Mutter ein chronischer Schlafmangel bemerkbar, der zu andauernder Müdigkeit und Erschöpfung führt.

 Dazu kommt bei noch unerfahrenen Müttern eine große Unsicherheit und Angst im Umgang mit dem Baby : warum schreit es, bekommt es genug Milch, hat man etwas falsch gemacht ?

Die fremde Umgebung im Krankenhaus und die vielen Besucher tragen häufig auch nicht gerade dazu bei, dass die Mutter die nötige Ruhe finden kann.

Viele Frauen fühlen sich auch körperlich noch sehr unwohl : postoperative Beschwerden nach einem Kaiserschnitt, schmerzende Brüste und ein Bauch, der nur noch ein schlaffer Hautsack ist. Selbst wenn man weiß, dass dies alles so nicht bleiben wird, können einem deshalb schon mal die Tränen kommen.

Viel tun, kann und muss man gegen den Babyblues aber nicht. Sobald sich der Hormonspiegel wieder eingestellt  und sich Zuhause der Alltag mit dem Baby eingespielt hat, steht dem Mutterglück meist nichts mehr im Weg.

 

Wenn der Babyblues aber nicht aufhört, kann dies das Anzeichen für eine postpartale Depression sein , von der  rund 10 bis 15 Prozent aller frisch gebackenen Mütter betroffen sind. Wie hoch aber die Zahl genau ist, weiß man nicht: Welche Frau gesteht schon gerne ein, dass sie statt dem ersehnten Mutterglück nur Frustration und Überforderung empfindet ?  Eine postpartale Depression (PPD) ist eine ernst zu nehmende Erkrankung , die sowohl für die Mutter, aber auch für das Baby gefährlich werden kann und die unbedingt behandelt werden muss. Leider wird darüber so gut wie nie in der Öffentlichkeit gesprochen und diese Form der Depression ist kaum bekannt , auch wenn sie gar nicht so selten ist. Vermutlich, weil damit ein gesellschaftliches Tabu verletzt wird :  Mütter müssen glücklich sein und ihr Baby über alles lieben ! Können sie das nicht, sind sie eben eine „schlechte“ Mutter. Selbst in den Kursen zur Geburtsvorbereitung werden Schwangere nur selten darauf vorbereitet, dass auch sie davon betroffen sein könnten oder bekommen Informationen darüber, wie sich diese Erkrankung äußert und wo man dann Hilfe finden kann.

Die PPD kann direkt nach der Entbindung beginnen, sie tritt jedoch häufig erst vier bis 12 Wochen später auf.

Typische Kennzeichen sind oft : große Müdigkeit und Erschöpfung, Gefühle von Traurigkeit und innerer Leere, häufiges Weinen, Ängste und Panikattacken, sowie extreme Reizbarkeit. Viele Frauen leiden unter Zwangsgedanken : sie fürchten, sie könnten ihrem Baby etwas antun. Auch Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen,Herzbeschwerden und Schwindel treten oft auf.

 Als besonders belastend aber empfinden die Frauen ihre eigene Gefühlswelt : Glücksgefühle fehlen, sie spüren manchmal keine Liebe zu ihrem Kind, sondern Gleichgültigkeit oder sogar Ablehnung, sie haben keine Lust mit ihm zu schmusen oder es zu stillen. Sie schaffen es oft nicht, auf die Bedürfnisse des Babys einzugehen, können z.B. das Weinen ihres Kindes nicht richtig interpretieren. Dadurch kommt es zu Schuldgefühlen und Versagensängsten, im schlimmsten Fall zu Suizidgedanken, die womöglich das Baby mit einschließen.

 Aber nicht nur deshalb ist eine ärztliche, sozialpädagogische oder therapeutische Betreuung zwingend notwendig, sondern auch, weil die so wichtige frühe Mutter-Kind-Beziehung beeinträchtigt wird. Dies wirkt sich langfristig negativ auf die kindliche Entwicklung aus, denn gerade im ersten Lebensjahr werden entscheidende Weichen für später gestellt : ob jemand als Erwachsener Bindungen meidet oder sich auf andere Menschen einlassen kann, ob jemand immerzu an sich zweifelt oder selbstsicher ist. Auch das Risiko später selbst an psychischen Erkrankungen zu leiden, ist bei Babys von depressiven Müttern um ein Vierfaches erhöht. Besonders häufig sind Essstörungen, Suchterkrankungen und Angststörungen, sowie ebenfalls Depressionen.

 

Die Ursachen für die postpartale Depression sind individuell sehr verschieden. Meist fließen hormonelle, körperliche, psychische, soziale und gesellschaftliche Faktoren ineinander, was zu einer Überlastungsreaktion führt. Grundsätzlich kann jede Frau nach einer Schwangerschaft daran erkranken, völlig unabhängig vom Bildungsstand, der sozialen Schicht oder vom Alter – auch Frauen, die schon Kinder haben.

Erwiesen ist ein erhöhtes Erkrankungsrisiko lediglich für Frauen, die ungewollt und unerwünscht schwanger wurden, die ein traumatisches Entbindungserlebnis hatten oder deren Kind krank oder zu früh auf die Welt kam.

Weitere Risikofaktoren sind schwierige soziale Verhältnisse, finanzielle Probleme, mangelnde Unterstützung durch den Partner und Beziehungsprobleme.

Oft erfahren Mütter viel zu wenig Unterstützung durch ihre Umwelt. Sie sind mit dem Haushalt, Geschwisterkindern und der Pflege des Babys schlichtweg überfordert und völlig auf sich allein gestellt. Gerade die sogenannten „Schrei-Babys“ bringen Mütter zur Verzweiflung. Die Frauen sind oft isoliert von der Außenwelt, die eigenen Eltern oder Geschwister leben häufig nicht in der Nähe, Freundinnen, die keine Kinder haben, ziehen sich zurück und der Partner ist in seinem Beruf eingespannt. Viele fühlen sich auch intellektuell unterfordert und  die Bestätigung , die sie in ihrem früheren Berufsleben hatten und der Kontakt zu den Kollegen fehlt.

Hinzu kommt der gesellschaftliche Druck . Heute wird bei uns von jeder Frau erwartet, dass Schwangerschaft und Geburt spurlos an ihr vorbeizugehen haben und sie schon nach wenigen Tagen wieder fit und arbeitsfähig zu sein hat. Dazu tragen auch jede Menge „Vorzeigefrauen“ in den Medien bei. Vor allem die Werbung im Fernsehen suggeriert ein völlig falsches Bild : attraktive und stets gut gelaunte Mütter, die Haushalt und Kinderbetreuung perfekt im Griff haben und nebenbei noch beruflich erfolgreich sind. Dies führt dazu, dass viele Frauen bei ihrem ersten Kind oft überrascht sind, dass das Leben mit einem Säugling viel anstrengender und schwieriger sein kann, als sie sich das vorgestellt hatten. Und so kann schnell das Gefühl entstehen, sie wären die Einzige, die überfordert ist und eine schlechte Mutter -  und alle anderen Mütter hätten solche Probleme nicht und würden nicht so „versagen“.

Deshalb werden vielen Frauen auch der eigene Perfektionismus, falsche Vorstellungen vom Muttersein und die eigene hohe Erwartungshaltung zur Falle. Oft erfolgreich im Beruf, müssen sie nach kurzer Zeit feststellen, dass der Begriff „ Perfektion“ und „Muttersein“ schon ein Widerspruch in sich ist. Nichts wird so laufen, wie geplant : manchmal klappt es mit dem Stillen nicht, das Baby lässt sich nicht beruhigen oder wacht alle halbe Stunde auf. Das nagt am Selbstbewusstsein. Zudem zermürbt  die völlige Fremdbestimmtheit , weil der eigene Tagesablauf nur noch von den Bedürfnissen des Kindes geprägt wird – auch das ist für viele Frauen eine große Umstellung und Angst macht vor allem der Gedanke, dass das ja die nächsten Jahre so andauern könnte. Sie haben das Gefühl, selbst so langsam zu „verschwinden“.

Auch der Partner und Vater des Kindes leidet oft mit, auch wenn er selbst nicht erkrankt ist. Er kann sich vielleicht nicht in die Lage der Frau hineinversetzen, ist frustriert, hilflos und verunsichert, reagiert manchmal sogar verärgert über das Chaos daheim.

 

Wichtig ist, dass Angehörige und Freunde die Mutter jetzt nicht verurteilen oder Druck ausüben ( „reiß´ dich doch mal zusammen“), sondern erkennen, dass eine postpartale Depression keine Laune ist oder kein Anzeichen für mangelnde Fähigkeiten, sondern eine Erkrankung ! Auch sollte man die Situation nicht verharmlosen  ( „du musst dich nur mal wieder richtig ausschlafen“) oder totschweigen, sondern die Initiative ergreifen und damit Mutter und Kind helfen.

Eine erste Ansprechpartnerin kann die Hebamme sein, selbst wenn die Hausbesuche bereits abgeschlossen sind. Auf Rezept sind bis zum 9. Monat nach der Entbindung Besuche möglich. Zudem kann die Mutter eine ( ärztliche verordnete ) Haushaltshilfe, Familien-oder Mütterpflegerin in Anspruch nehmen. Auch psychosoziale Beratungsstellen (z.B. Caritas und Diakonie ) und sozialpsychiatrische Dienste sind eine gute Anlaufstelle, die meist zeitnah  und kostenfrei Termine anbieten. Hier sind überwiegend Sozialpädagogen und Psychologen tätig, die mit Beratungen und Gesprächen weiterhelfen. Sollte sich nach ca. 4 Wochen keine Verbesserung erkennen lassen, ist oft eine zusätzliche ambulante Psychotherapie notwendig, sowie eine medikamentöse Behandlung. Nur wenige Frauen müssen stationär versorgt werden, - meist dann, wenn bei der Mutter Suizidgedanken aufkommen oder das familiäre Umfeld zu belastend ist. Hierfür gibt es Kliniken mit speziellen Mutter-Kind- Abteilungen.

 

Aber auch der Partner, Freunde und Angehörige können etwas tun, um der frischgebackenen Mutter zu helfen. Selbst kleine Beiträge können viel bewirken : ältere Geschwisterkinder betreuen, Wäsche waschen / bügeln, einkaufen, kochen oder mit dem Kinderwagen spazieren gehen. Einfach die Betroffene von den vielen Alltagsaufgaben  entlasten !

 Wichtig sind für die Mutter in erster Linie mehr Ruhe, Schlaf und eine ausgewogene Ernährung mit  kleinen, über den Tag verteilten Mahlzeiten ( und keine Diät ! ).

Auch körperliche Bewegung und ( mäßiger ) Sport wirken sich positiv auf den Serotoninhaushalt ( „Glückshormone“ ) aus, verbessern das Körpergefühl und helfen ganz nebenbei noch ein paar Kilos aus der Schwangerschaft wieder abzubauen. Zusätzliche Entspannungsverfahren, wie das Autogene Training oder die Muskelentspannung nach Jacobson, sorgen für mehr Ausgeglichenheit.

Dafür ist es nötig, dass die Mutter auch mal Pausen von der Babybetreuung bekommt und der Partner, andere Familienmitglieder und Freundinnen die Verantwortung für das Kind und dessen Pflege übernehmen. Zeit für sich selbst, für Treffen mit Freundinnen ohne das Baby. Zeit, in der die Mutter wieder Energie für den Alltag mit dem Kind auftanken kann.

Generell sollte man einschneidende Veränderungen in den ersten Monaten nach der Entbindung vermeiden. Jetzt ist nicht die richtige Zeit für einen Umzug, Renovierungen oder neue Aufgaben im Job, falls „frau“ wieder in den Beruf einsteigt. Vor allem Trennungen vom Partner sollten , wenn irgend möglich, nicht gerade jetzt vollzogen werden.

Aber etwas kann die betroffene Mutter  auch selbst tun : versuchen, die hohen Erwartungen an sich herunterzuschrauben und viel gelassener zu werden im Umgang mit vermeintlichen Verpflichtungen und dem Haushalt. Wichtig ist es auch, sich von Menschen fernzuhalten, die sie nur kritisieren, unter Druck setzen und entmutigen. Vor allem aber mit Angehörigen und Freunden über den eigenen  (Gefühls-) Zustand reden, um Hilfe bitten und annehmen, sowie rechtzeitig professionelle Unterstützung suchen und sich gegebenenfalls behandeln lassen !

 

Übrigens ist die postpartale Depression auch kulturabhängig. In anderen Ländern, in denen die Verantwortung und Betreuung für ein Baby traditionell auf viele Schultern verteilt wird oder Mütter mehr soziale Unterstützung erfahren, ist diese Erkrankung wesentlich seltener.

Werden bei uns nur die Babys regelmäßig vom Kinderarzt untersucht, ist es in einigen Ländern auch üblich, die Mütter noch eine zeitlang in Beratungsstellen regelmäßig zu betreuen. Nur so können rechtzeitig Komplikationen erkannt und behandelt werden.

 

Vielleicht sind aber auch unsere Gesellschaft und die Politik aufgefordert etwas zu tun, damit sich die Bedingungen für Mütter und ihre Babys verbessern. Nicht umsonst heißt es in einer afrikanischen Weisheit : „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“.