Bulimie ( Ess-Brech-Sucht )

 

 

Gerade jetzt im Frühjahr stehen viele Menschen kritisch vor dem Spiegel und stellen fest : „Der Winterspeck muss wieder weg“. In fast jeder Zeitschrift findet man dafür auch entsprechende Tipps, wie man die lästigen Kilos wieder loswerden kann und nach einigen Wochen ist für die meisten das Thema „Diät“ wieder abgeschlossen. Für manche Menschen kann so eine Diät aber der auch der Einstieg in eine Essstörung, wie die Bulimie, sein.

 

Anders als die Magersucht ist die Bulimie oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die Betroffenen sind meist normalgewichtig, oft Frauen zwischen 16 und 40 Jahren. Umfragen an einer deutschen Universität haben ergeben, dass rund 20 % aller Studentinnen zumindest zeitweise bestimmte bulimische Verhaltensmuster zeigen. Einige Betroffene waren auch zuvor an einer Magersucht erkrankt. Wie viele Menschen jedoch tatsächlich  an einer Bulimie leiden, ist schwer zu ermitteln, da die Dunkelziffer gerade bei dieser Form der Essstörung sehr hoch ist. Oft dauert es jahrelang, bis die Betroffenen Hilfe suchen oder bis ihre Erkrankung auch für andere erkennbar wird- die Bulimie ist eine „heimliche“  Krankheit.

 

Die geradezu panische Angst vor einer Gewichtszunahme ist mit ein zentrales Merkmal der Bulimie. Wer unter einer solchen Essstörung leidet, beschäftigt sich permanent mit Essen, Kalorien, Körpergewicht, Diät und seiner Figur. Damit ist oft auch eine Körperschemastörung verbunden, d. h. trotz  Normalgewicht halten sich die Betroffenen für viel zu dick.

Das Symptom jedoch, unter dem die Menschen mit Bulimie am meisten leiden, sind die für sie nicht kontrollierbaren Anfälle von Heißhunger und die daran anschließenden Essattacken.

Regelmäßig, oft mehrmals pro Woche, kommt es zu solchen Essanfällen bei denen extrem große Mengen an Nahrung geradezu gierig „verschlungen“ werden. Vor allem süße und sehr kalorienreiche Lebensmittel werden bevorzugt – also Dinge, die die Betroffenen außerhalb ihrer Essattacken nie zu sich nehmen würden und die auf ihrer persönlichen Liste der  „verbotenen“ Nahrungsmittel stehen. Häufig werden bei solchen Attacken bis zu 10.000 Kalorien, mitunter auch mehr, aufgenommen. ( Die Bezeichnung „bulimia nervosa“ bedeutet übersetzt : Ochsenhunger. )

Aus Angst, nach solchen Essanfällen zuzunehmen, oder weil das Völlegefühl danach unerträglich wird, greifen die Betroffenen zu Gegenmaßnahmen. Sie führen absichtlich ein Erbrechen herbei, um die zuvor verschlungenen Nahrungsmittel wieder loszuwerden. Zusätzlich setzen viele Patienten große Mengen an Abführmitteln ein, betreiben extrem Ausdauersport oder nehmen entwässernde Medikamente, bzw. Schilddrüsenhormone, die ihren Stoffwechsel beschleunigen sollen.

 

Nach so einer Essattacke mit anschließendem Erbrechen, empfinden die meisten Betroffenen Scham und Ekel. Das alltägliche Essverhalten wird wieder streng kontrolliert, oft wird  genau nach einem Diätplan gelebt oder auch gefastet. Das Körpergewicht wird dabei mehrmals täglich überprüft, um sicher zu gehen, dass eine zuvor genau festgelegte Gewichtsobergrenze keinesfalls überschritten wird.

 

Dieses restriktive Essen verändert den Stoffwechsel und sorgt dafür, dass es kein Gefühl mehr für „hungrig“ oder „satt“ gibt. So kommt es fast zwangsläufig wieder zu unkontrollierbaren Essanfällen.

Für viele Betroffene erscheint die Bulimie zunächst als „ideale“ Lösung für eigentlich unvereinbare Ziele : Essen so viel und was man will ( oder braucht, um seinen „psychischen“ Hunger zu stillen ) und gleichzeitig nicht zuzunehmen.

 

Tatsächlich aber hat die Bulimie unangenehme und auch gefährliche Folgen. Durch das Erbrechen kommt es zu Schäden am Zahnschmelz und damit zu Karies, Heiserkeit, Schluckstörungen, sowie Schmerzen und Schäden in der Speiseröhre. Zudem führt die Mangelernährung zu Störungen im Vitamin- und Elektrolythaushalt, zu Nierenschäden,- durch Kaliummangel auch zu Herzrhythmusstörungen.

Es kommt aber auch zu schwerwiegenden psychischen Folgeerscheinungen : Die Patienten leiden oft unter starken Stimmungsschwankungen, bis hin zu depressiven Verstimmungen. Auch Selbstverletzungen ( „ritzen“) und sogar Suizidgedanken sind nicht selten. Manche Betroffene greifen auch zu Alkohol oder Drogen, um ihre Selbstzweifel und Schuldgefühle zu betäuben.

 

Auch das soziale Leben der Bulimiker ist meist stark beeinträchtigt. Sowohl die für sie schambesetzten  Essattacken, als auch das anschließende Erbrechen, finden typischerweise heimlich und im Verborgenen statt. Daher leben viele Betroffene allein und vermeiden häufig soziale Kontakte aus Angst, dass ihre Erkrankung öffentlich bekannt wird.

Viele Patienten kommen auch in finanzielle Not, da die enormen Mengen an Nahrungsmitteln sehr viel Geld kosten. Oft werden Unmengen an Essen daheim gehortet. Hinzu kommt der große Zeitaufwand, der entsteht, um die Lebensmittel für den nächsten Essanfall zu besorgen.

Aus Angst im Supermarkt aufzufallen, wird z.B. in verschiedenen Läden eingekauft. Das Leben dreht sich letztendlich nur noch um Gewicht, Essen, Erbrechen und Einkaufen-  für sehr viel mehr bleibt kaum noch Zeit !

 

Die Ursachen einer Bulimie sind oft nicht eindeutig zu erklären, da sie meist im Zusammenhang mit der ganzen Lebensgeschichte eines Betroffenen stehen. Es handelt sich meist um eine Kombination aus psychologischen, familiären und sozialen Faktoren.

Oft gehen einer Bulimie besonders belastende Ereignisse voraus : Trennungen, der Tod eines Angehörigen oder überfordernde Lebenssituationen.  Mitunter kommen auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend als Ursache in Frage.

Mit zur Entstehung trägt sicherlich auch unser gesellschaftliches Schlankheitsideal bei, das vor allem für Frauen gilt. Schlanksein wird gleichgesetzt mit Attraktivität, Intelligenz, Erfolg, Schönheit und Kompetenz. Daher gehören Diäten und streng kontrolliertes Essen fast schon zum Alltag in unserer modernen Gesellschaft. Auch die Medien, vor allem das Fernsehen

( mit seinen „Model-Wettbewerben“ ) tragen dazu nicht unwesentlich bei und setzen völlig unrealistische Maßstäbe.

 

Inwieweit  familiäre Einflüsse die Entstehung einer Bulimie begünstigen, ist umstritten. Tatsache ist jedoch, dass die Familien von Erkrankten in ihrer Struktur häufig bestimmte Auffälligkeiten aufweisen. Die Betroffenen wachsen meist sehr behütet auf, Selbständigkeit wird nicht gefördert und es kommt zu einem Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit. In der Familie steht der Leistungsgedanke im Vordergrund, während gleichzeitig Gefühle übermäßig kontrolliert werden. Konflikte oder Ärger werden nicht offen ausgetragen, die Atmosphäre ist oft angespannt.

Auffällig ist zudem, dass in diesen Familien nicht bedürfnisorientiert gegessen wird ( also nicht, weil man hungrig ist ), sondern um sich ablenken, zu entspannen oder sich zu belohnen.

 

Die Erkrankten haben meist eine sehr hohe Erwartungshaltung an sich selbst, können sich anderen gegenüber oft nicht gut abgrenzen, verdrängen ihre eigenen Bedürfnisse und werden getrieben von ihrem Wunsch, perfekt zu sein.

 

Bei der Therapie der Bulimie ist ein Ziel das gestörte Essverhalten wieder zu normalisieren. Dabei ist auf eine angemessene Nahrungszusammensetzung zu achten, sowie eine zeitliche Verteilung der Nahrungsaufnahme. Schädliche Rituale im Umgang mit Lebensmitteln sollen abgebaut, Erbrechen und Medikamentenmissbrauch aufgegeben  und ein stabiles Gewicht erreicht werden.  Hilfreich ist dabei ein fester Ernährungsplan.

 

Da Ess- und Brechanfälle häufig nach Belastungssituationen auftreten, ist es wichtig, Strategien zur Problemlösung zu erlernen, die einen besseren Umgang mit Stress und Konflikten ermöglichen. In Gesprächen mit dem Therapeuten werden die Entstehungsbedingungen für das gestörte Essverhalten erforscht und mögliche Probleme in der Familie angesprochen . Da die Patienten das Essen häufig einsetzen, um negative Gefühle, wie Wut, Langeweile, Traurigkeit und Einsamkeit zu unterdrücken, müssen sie lernen, diese Gefühle wahrzunehmen und angemessen auszudrücken. Auch eigene Bedürfnisse sollen klarer erkannt und soziale Kontakte wieder verbessert werden.

Bereits entstandene, körperliche Schäden müssen unbedingt ärztlich behandelt werden.

 

Die Behandlung einer Bulimie ist nicht immer einfach – nicht umsonst spricht man dabei ja auch von einer Ess – Brech - Sucht.

Das Wichtigste aber ist, dass die Betroffenen selbst erkennen, dass ihre Essstörung eine Krankheit ist, die behandelt werden muss und sie bereit sind, dafür  Hilfe anzunehmen.