Coabhängigkeit : Sucht -und die Familie leidet mit




Die Weihnachtsfeiertage stehen vor der Tür, danach kommt Silvester und die Faschingszeit beginnt. Alles Gelegenheiten, bei denen gerne einmal ein Glas getrunken wird - und manchmal auch ein Glas zu viel. Die anschließende Fastenzeit nutzen viele Menschen ganz bewusst, um für einige Wochen auf Alkohol zu verzichten. Doch manche können gar nicht mehr ohne Alkohol leben und aus einem regelmäßigen Genuss werden mitunter Abhängigkeit und Sucht.
In Deutschland sind rund 5 Millionen Menschen abhängig von Alkohol, weitere 2 Millionen  von Medikamenten (Schmerz-und Schlafmittel), sowie 500.000 von illegalen Drogen. Hinzu kommt noch eine Anzahl von Menschen, die von stofflich ungebundenen Suchtmitteln abhängig sind, wie z.B. Glücksspiel, Internet, usw.
( Da Alkoholabhängigkeit die häufigste Suchtform darstellt, bezieht sich dieser Artikel darauf - alles lässt sich jedoch auf jedes andere Suchtmittel übertragen ! )

Die Abhängigkeit einer Person hat auch für die Menschen in deren Umgebung Auswirkungen. „Mit-Betroffene" sind vor allem Lebenspartner/innen und andere Familienmitglieder, manchmal auch Freunde oder Kollegen. Jeder, der mit einem Suchtkranken in Verbindung steht, wird auf irgendeine Weise von dessen Erkrankung beeinflusst und beeinträchtigt - und so teilen viele Angehörige nicht nur ihr Leben mit dem Betroffenen, sondern gezwungenermaßen auch seine Sucht, mit all den daraus sich ergebenden Konsequenzen.
Darunter leiden diese Menschen sehr stark  und  sie versuchen verzweifelt den Alkoholkonsum des Suchtkranken zu kontrollieren und ihn mit allen Mitteln vom Trinken abzuhalten. Sie bitten, fordern, schimpfen, drohen - und doch enden alle Versprechen des Süchtigen immer wieder in Enttäuschungen für die Familie. Das Thema „Alkohol"  bestimmt das gesamte Denken, Fühlen und Handeln - nicht nur des Abhängigen, sondern der ganzen Familie und wird zum Lebensmittelpunkt für alle.
Vor allem die Lebenspartner der Betroffenen haben neben den Sorgen um deren Gesundheit, noch viele andere Belastungen zu tragen : sie sind allein für Haushalt und Kindererziehung zuständig, haben oft finanzielle Probleme - meist ausgelöst durch den Verlust des Arbeitsplatzes des Suchtkranken, - und müssen den ganzen Alltag ohne Hilfe ihres Partners gestalten. Damit sind sie irgendwann völlig überfordert und werden selbst krank. Die Folgen reichen von Kopf-und Rückenschmerzen, Schlafstörungen, hohem Blutdruck und Magenbeschwerden, bis hin zu Depressionen und Angststörungen. Und es ist gar nicht so selten, dass sie selbst auch zu Suchtmitteln greifen.
Dazu kommt, dass sich viele Angehörige schämen und versuchen nach außen alles zu verheimlichen. Sie brechen ihre Kontakte zu Freunden, Kollegen oder Nachbarn ab, ziehen sich mehr und mehr zurück und vereinsamen. Vor allem Frauen reiben sich oft jahrelang damit auf, ihrem suchtkranken Partner zu helfen, den Schein nach außen zu wahren und für die Kinder ein „normales" Familienleben zu gestalten. Dabei bemerken sie meistens nicht, dass all diese Bemühungen das Suchtverhalten des Betroffenen eigentlich nur unterstützen und verlängern. Bei einem solchen Verhaltensmuster sprechen Fachleute von „Co-Abhängigkeit".

Diese Co-Abhängigkeit beginnt schleichend und verläuft wie die Sucht selbst, in verschiedenen Phasen :
In der Anfangsphase versucht der Co-Abhängige durch Bitten und Ermahnungen den Suchtkranken vom Trinken abzuhalten. Da der Süchtige jedoch sein Alkoholproblem leugnet oder verharmlost, ist der Co-Abhängige oft unsicher, ob seine Wahrnehmung wirklich richtig ist. Zumal Gespräche über das Thema immer mit Streit enden. Trotzdem beginnt er für die alkoholbedingten Ausfälle seines Partners Entschuldigungen, Ausreden und Erklärungen gegenüber anderen Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen und dem Arbeitgeber zu finden. Damit bewahrt er den Suchtkranken vor den Konsequenzen seines Verhaltens.
Der Abhängige wird immer unzuverlässiger und der Co-Abhängige übernimmt immer mehr die Verantwortung für alle Lebensbereiche - auch für Dinge, für die bisher der Suchtkranke zuständig war. Nur so kann zunächst sichergestellt werden, dass der Alltag in der Familie noch einigermaßen geordnet weitergeht. Außerdem bemüht sich der Co-Abhängige dem Abhängigen alle Probleme aus dem Weg zu räumen, die eventuell einen weiteren Alkoholkonsum provozieren könnten. Somit läuft in der Wahrnehmung des Süchtigen alles Bestens und er sieht gar keinen Grund, sein Trinken einzustellen.

In der anschließenden Kontrollphase
versucht der Co-Abhängige die Kontrolle und damit die Verantwortung über den Alkoholkonsum des Abhängigen zu übernehmen. Er glaubt, mit verschiedenen Strategien und viel Bemühungen die Situation noch in den Griff zu bekommen.  Dazu werden Flaschen markiert, um Trinkmengen zu kontrollieren oder die Wohnung wird nach versteckten Alkoholvorräten durchsucht und gefundene Flaschen entsorgt. Das kann so weit gehen, dass der Co-Abhängige für den Süchtigen Alkohol kauft und ihm täglich eine geringe Menge zuteilt um ein „Zuviel" zu vermeiden. Treffen mit Freunden oder Familienfeste werden abgesagt,- die Gefahr, dass der Abhängige sich dort betrinkt und auffällig wird, erscheint zu groß.
Das Suchtmittel nimmt in der Beziehung jetzt den wichtigsten Platz ein. Die Stimmung und das Selbstwertgefühl des Co-Abhängigen sind eng an den Alkoholkonsum geknüpft. Je mehr der Suchtkranke konsumiert, desto mehr hat der co-abhängige Partner das Gefühl, versagt zu haben. Das Zusammenleben ist geprägt von einer ständigen Anspannung, gegenseitigen Vorwürfen und  heftigen Gefühlsausbrüchen bis hin zu einer Art von „Hassliebe". Der Süchtige gerät immer mehr unter Druck und trinkt daher oft noch mehr. Nicht selten kommt es dann auch zu psychischer und körperlicher Gewalt.

Schließlich wird die kritische Phase erreicht. Der Co-Abhängige ist am Ende seiner Kraft und seelischen Belastbarkeit. Er droht massiv mit Konsequenzen oder Trennung - und schafft es dennoch nicht, sich zurückzuziehen. Er hat alle persönlichen Bedürfnisse oder Interessen aufgegeben, um seinen Partner zu versorgen und alles versucht, um ihm zu helfen - und muss nun erkennen, dass alle seine Bemühungen vergeblich waren.

Leider merken erst dann viele Co-Abhängige , dass sie selbst auch professionelle Hilfe brauchen. Unterstützung bieten Mitarbeiter der Suchtberatungsstellen (von Caritas, Diakonie, Stadtmission, Blaues Kreuz, Guttempler ) oder Psychologen und Psychotherapeuten. In Selbsthilfegruppen, wie Al-Anon , können sich Betroffene austauschen und gegenseitig unterstützen.

Wege aus der Co-Abhängigkeit :
Am Anfang steht sicher die Erkenntnis, dass man selbst gegenüber der Alkoholkrankheit des Partners machtlos ist und ihn auch nicht davon „heilen" kann. Alle Versuche, sein Trinkverhalten direkt zu beeinflussen oder ihm sein Suchtmittel zu entziehen, werden scheitern . Der Betroffene muss sein Alkoholproblem allein lösen und kann dazu die Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen. Als Angehöriger kann man ihn dabei bestenfalls begleiten.
Wichtig im Umgang mit einem Süchtigen ist, dass man alles unterlässt, was dessen Sucht indirekt verlängern kann : ihn gegenüber anderen nicht in Schutz nehmen, nichts vertuschen oder für ihn lügen. Dinge, die in seiner Verantwortung liegen, nicht für ihn übernehmen.
Konsequenzen, die sich aus dem übermäßigen Alkoholkonsum ergeben, muss derjenige selbst tragen. Alkohol nicht wegschütten, verstecken oder versuchen das Trinken zu kontrollieren. Das Motto lautet : Hilfe durch Nicht-Hilfe. Denn nur so gelangt der Betroffene an seinen
„persönlichen Tiefpunkt".
Erst wenn der Süchtige begreift, dass er nicht nur in Gefahr läuft, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, sondern auch sein Zuhause, seine Beziehung und Menschen, die ihm nahe stehen, wird er sich mit seiner Sucht auseinander setzen und zu einer Therapie bereit sein.
Als Partner sollte man dem Abhängigen gegenüber klare Grenzen setzen. Ihm verbindlich sagen, was man bereit ist (und wie lange noch) in Kauf zu nehmen und was nicht - und wie man reagieren wird, wenn diese Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Es geht nicht darum, sich gegen den Menschen abzugrenzen, sondern gegen dessen alkoholbedingte und süchtige Verhaltensweisen.
Außerdem sollten Angehörige versuchen, für sich selbst ein Stück Lebensqualität zu bewahren, das unabhängig vom Abhängigen und seiner Sucht ist. Dies bedeutet eigene Freundschaften, Interessen und Hobbys zu pflegen und nicht auf alles zu verzichten oder ständig auf den Suchtkranken Rücksicht zu nehmen. Auch als Partner eines Süchtigen hat man das Recht auf eine eigene Lebensgestaltung und eine persönliche Selbstaufgabe würde dem Abhängigen letztendlich nicht weiter helfen.
Alkoholismus ist eine Krankheit, die nicht von selbst einfach wieder so verschwinden wird. Das bedeutet aber auch, dass man als Partner eines Abhängigen nicht dafür verantwortlich ist, was derjenige macht oder unterlässt und vor allem trägt man keine Schuld an dessen Sucht.