(Cyber) Mobbing : der t├Ągliche Terror



Konflikte und Streit sind ein normaler Bestandteil menschlicher Beziehungen und ereignen sich täglich in Schule, Familie, Vereinen und in der Arbeitswelt. Man setzt sich mit anderen auseinander, sucht nach Lösungen oder Kompromissen und entschuldigt sich, wenn man einen Fehler gemacht hat oder jemanden beleidigt und verletzt hat.
Leider eskalieren Streitereien vor allem unter Kindern und Jugendlichen in letzter Zeit immer häufiger und Mobbing gehört inzwischen schon zum normalen Schulalltag. Wesentlich dazu beigetragen hat die Nutzung digitaler Medien, wie Internet oder Smartphone.
So erklären in einer Studie  8 Prozent der befragten Jugendlichen, bereits selbst schon einmal Opfer von Mobbing geworden zu sein und über 40 Prozent geben an, jemanden zu kennen, dem dies schon passiert ist. Hierbei dürfte jedoch die Dunkelziffer bei den Opfern noch deutlich höher liegen, da vor allem Cyber-Mobbing oft aus Scham verschwiegen wird und für Außenstehende  nicht so einfach zu erkennen ist.

Nun ist nicht jeder Streit oder jede Auseinandersetzung gleichbedeutend mit Mobbing: Mobbing ist eine Form offener und / oder subtiler Gewalt über einen längeren Zeitraum gegen eine Person mit dem Ziel der sozialen Ausgrenzung. Hierbei unterscheidet man zwischen direktem und indirektem Mobbing.
Direkte Formen sind Hänseln, Drohen, körperliche Gewalt, Bloßstellen, Schikanieren oder Erpressung. Indirekte Formen sind Ausgrenzung, Rufschädigung, die Verbreitung von Gerüchten oder Unwahrheiten oder die Beschädigung von Eigentum des Opfers.
Findet Mobbing über Internet, Smartphone oder andere digitale Medien statt, spricht man von „Cyber - Mobbing". In Messenger Apps ( z.B. WhatsApp ), sozialen Netzwerken (z.B. Facebook ) oder Videoportalen ( wie YouTube), werden peinliche Fotos oder Filme veröffentlicht und die Opfer beschimpft oder gedemütigt. Nicht selten werden regelrechte „Hass-Gruppen" gebildet, um jemanden gemeinsam „fertig" zu machen. Vor allem Bilder und Videos werden mit „gefällt mir" gekennzeichnet, gehässig kommentiert und weiter verbreitet.

Zwischen Mobbing und Cyber-Mobbing gibt es einige Unterschiede :
Opfer von Cyber-Mobbing haben keine sicheren Rückzugsräume mehr. Beim herkömmlichen Mobbing gibt es Zonen und Situationen zu denen der Täter keinen Zutritt hat. Das Opfer ist Zuhause oder in seiner Freizeit „sicher" und kann dort angstfrei leben. Das ist in sozialen Medien anders - das Opfer kann nicht fliehen oder sich zurückziehen, denn die Gemeinheiten und Beleidigungen finden an sieben Tagen und rund um die Uhr statt. Auch wenn das Opfer selbst auf Internet und Handy verzichtet, nutzt dies wenig, denn andere können trotzdem gehässige Kommentare oder peinliche Fotos versenden.
Selbst Jahre später oder nach einem Wohnort- bzw. Schulwechsel können einmal veröffentlichte, intime Fotos und Beleidigungen erneut im Netz auftauchen und das Opfer so immer wieder einholen. Findet Mobbing in der Schule statt, ist ein Schulwechsel leider oft der letzte Ausweg - bei Cyber-Mobbing hilft das nicht unbedingt.
Cyber-Mobbing kann schnell große Kreise ziehen, da immer weiter geteilt wird, was jemand zugeschickt bekommt. Und je „witziger" oder spannender - und leider auch Aufsehen erregender - ein Inhalt, desto eher wird er weiter geleitet.
Die Attacken erfolgen häufig anonym, da sich die Täter im Internet leicht hinter Pseudonymen, falschen Profilen oder E-Mail-Adressen verstecken können. Sie sind oft zu feige, sich direkt mit dem Opfer auseinander zu setzen und trauen sich nur im Schutz der Anonymität ihre Gemeinheiten und Gerüchte zu verbreiten.
Nicht selten rächt sich das Opfer mit ebensolchen Beleidigungen und wird so selbst zum Mobber. Das Ergebnis ist, dass sich der Streit immer weiter hochschaukelt, immer mehr Personen mit einbezogen werden, die Situation zunehmend eskaliert und in offenen Drohungen oder sogar in körperlicher Gewalt endet. Daher ist es wichtig, dass die Betroffenen nie direkt auf die Beleidigungen oder Drohungen  antworten !
Cyber-Mobbing kann bewusst versteckt ablaufen und so vom Opfer erst (zu) spät erkannt werden. Über soziale Medien können Inhalte schon längere Zeit verbreitet werden, ohne dass das Opfer es mitbekommt. Der Betroffene merkt dann oft nur an den Reaktionen anderer, dass etwas nicht stimmt.
Trotz aller Unterschiede zeigt sich, dass „herkömmliches" Mobbing und Cyber-Mobbing oft gleichzeitig stattfinden, was das Leid der Opfer noch vergrößert.
 
Die Folgen von Mobbing können unterschiedlich sein und wirken sich auf die Gesundheit und die gesamte Persönlichkeit aus. Sie reichen von Bauch-und Kopfschmerzen, bis hin zu Albträumen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Angstattacken und depressiven Verstimmungen. Die Betroffenen ziehen sich sozial zurück und verlieren ihr Selbstbewusstsein und ihre Fröhlichkeit. Die meisten leiden unter Konzentrationsstörungen und schulische oder berufliche Leistungen lassen deutlich nach. Viele wollen gar nicht mehr in die Schule gehen oder fehlen krankheitsbedingt.
Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihr Kind nur noch in die Schule gefahren werden möchte, mit Verletzungen oder beschädigten, bzw. fehlenden  Sachen nach Hause kommt und regelmäßig Geld „verliert" ( - welches von den Tätern erpresst wird ). Weitere Hinweise können sein, dass das Kind nichts mehr von der Schule erzählt und auf Fragen nur noch ausweichend antwortet.
Aber nicht nur das Opfer leidet, sondern auch unbeteiligte Mitschüler und Freunde. Sie möchten helfen, wissen aber nicht wie und haben Angst, Lehrer oder Eltern über das Mobbing zu unterrichten, da sie befürchten dann selbst zum Opfer zu werden.

Generell ist Mobbing ein Symptom für gestörte Kommunikation : das Opfer wird isoliert und der Täter kann zu lange agieren ohne dass seine Schikanen gestoppt werden und er dafür  belangt wird. Hinzu kommen Mitläufer, die dem Täter das Gefühl geben, auch in ihrem Sinne zu handeln, indem sie seine Beiträge „liken" oder entsprechende Fotos und Gerüchte weiter verbreiten und ein „Publikum", das ganz einfach nur wegsieht.

Im Gegensatz zu einem Streit gibt es beim Mobbing oft keine konkrete Ursache oder Auslöser. Letztendlich kann jeder zum Mobbing-Opfer werden: der beste oder der schlechteste Schüler, das hübscheste Mädchen oder der Junge mit dem teuersten Handy. Eine wichtige Rolle spielen gruppendynamische Aspekte : eine neu zusammengewürfelte Klasse, ein neuer Mitschüler oder jemand der in irgendeinem Punkt, Aussehen oder Verhalten von allen anderen oder der Norm etwas abweicht.
Die Täter wollen meist nur Stärke und Macht demonstrieren, ihr mangelndes Selbstwertgefühl steigern und eigene Schwächen kompensieren. Häufig sind sie die Anführer in Cliquen und zeigen eine hohe Aggressionsbereitschaft, wodurch sie andere einschüchtern.
 
Vor allem in Schulen deutet Mobbing auf ein schlechtes Klassenklima hin: Neid, Rachebedürfnis, Konkurrenzdruck oder Eifersucht - und leider mitunter eine Lehrkraft, die mit diesem Problem nicht kompetent umgeht und das Thema „Mobbing" verharmlost.

Ein Gesetz in Deutschland gegen Mobbing, bzw. Cyber-Mobbing gibt es zwar noch nicht, aber auch das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Die einzelnen Handlungen können durchaus den Tatbestand einer Straftat erfüllen und somit zur Anzeige gebracht werden , wie z.B. Beleidigung, Nötigung, Bedrohung, üble Nachrede, Verleumdung und Belästigung - und natürlich körperliche Übergriffe und Gewalt. So dürfen Bilder und Filme auch grundsätzlich nur mit dem Einverständnis des Betroffenen veröffentlicht werden (Verletzung der Persönlichkeitsrechte). Darüber sollten Eltern auch schon frühzeitig mit ihren heranwachsenden Kindern sprechen.
Für drastische Fälle, vor allem wenn es um körperliche Gewalt geht, ist die Polizei der richtige Ansprechpartner. Dabei ist wichtig, dass die Vorfälle so gut wie möglich dokumentiert wurden und Beweise für das (Cyber-)Mobbing vorgelegt werden können.
In weniger schlimmen Fällen kann man den Angreifer (falls bekannt) auch schriftlich abmahnen, auf Unterlassung verklagen und das Urteil vollstrecken lassen.

Bei jeder Form von Mobbing sollte so schnell wie möglich- aber mit Bedacht- reagiert werden, da sonst der Eindruck entsteht, Mobbing würde für die Täter keine Folgen haben.
Vor allem im Fall von Cyber-Mobbing ist schnelles Handeln gefragt, da sich die diffamierenden Inhalte im Netz sehr schnell verbreiten. Durch Handykameras und mobiles Internet können peinliche Fotos und beleidigende Inhalte jederzeit und ohne langes Nachdenken, versendet werden.

In den meisten sozialen Netzwerken kann man Nutzer gezielt sperren, damit sie einen nicht weiter belästigen können. Oft ist es sinnvoll, sich ein neues Profil, eine andere E-Mail-Adresse oder neue Handynummer zuzulegen.
Wenn möglich sollten die Vorfälle in Chats, Videoportalen oder sozialen Netzwerken dem Anbieter gemeldet werden. So kann man mit einer entsprechenden Begründung die Löschung der Inhalte erwirken. Die meisten Anbieter haben dafür entsprechende Meldebuttons eingerichtet, bzw. man kann über das Impressum Kontakt aufnehmen. Bei ausländischen Anbietern ist die Löschung allerdings sehr schwierig.
Werden beleidigende Inhalte über Apps versendet, liegen diese nicht nur auf dem Server des Anbieters, sondern auf allen angeschriebenen Geräten - und dies macht ein Löschen über den Anbieter nicht mehr möglich. Zudem haben die meisten Apps keinen Meldebutton und nur wenige Anbieter können per Mail kontaktiert werden.

Findet Mobbing im schulischen Umfeld statt, sollten die Eltern zunächst die Lehrer und falls nötig, auch den Elternbeirat und die Schulleitung von den Vorfällen informieren, sowie gegebenenfalls ein Gespräch mit dem zuständigen Schulpsychologen führen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es nur selten Sinn macht, wenn Eltern direkt Kontakt zu dem Täter oder dessen Eltern aufnehmen. Die Angriffe gegen das Opfer nehmen meistens eher noch zu. Besser ist es, wenn „neutrale Dritte" mit gezielten Maßnahmen gegen das Mobbing vorgehen.
Allgemein sollten in Schulen präventive Maßnahmen gegen Mobbing durchgeführt und Projekte geplant werden, die das Schulklima verbessern.

Viele Mobbing-Opfer ertragen lange Zeit die Schikanen und Beleidigungen, weil sie hoffen, dass die Täter irgendwann schon wieder aufhören. Einige geben sich auch selbst die Schuld an den Angriffen und glauben, sie hätten etwas falsch gemacht - die Täter hätten also berechtigte Gründe für das Mobbing. Dies und auch Scham, vor allem bei peinlichen Fotos,  sind die Gründe, weshalb Eltern oft erst sehr spät von den Vorfällen erfahren.

Daher sollten Eltern rechtzeitig ihre Kinder mit den Regeln des Internets vertraut machen, sie anleiten, wie eine sichere Nutzung aussieht und versuchen mit ihnen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in den sozialen Netzwerken zu sprechen.
Hierzu noch einige sinnvolle Punkte :
·    keine privaten Fotos oder Daten ( z.B. Adresse) veröffentlichen,

·    Eltern und  Erwachsene darüber informieren, wenn andere im Internet beleidigt oder bedroht werden ,

·    selbst keine beleidigenden Inhalte oder peinliche Fotos weiterleiten , bzw. „liken",

·    die Gefühle und Rechte anderer respektieren und achten. Im Netz nur das schreiben, was man einem anderen auch jederzeit direkt ins Gesicht sagen würde. Keine Bilder oder persönliche Informationen von anderen im Internet verbreiten.

·    bei jungen Erstnutzern : Apps, Chats und soziale Netzwerke zusammen mit den Eltern prüfen und anfangs gemeinsam online gehen.


 
Je länger Mobbing andauert, desto schwieriger ist es, eine Lösung zu finden und umso  wahrscheinlicher sind eine körperliche Beeinträchtigung und extreme psychische Belastung der betroffenen Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen. Leider gibt es kein Patentrezept, wie man sich am besten gegen Mobbing wehrt. Die richtige Vorgehensweise ist von Fall zu Fall verschieden und stark davon abhängig, wo und wie das Mobbing stattfindet. Wichtig ist in jedem Fall, dass das Opfer andere von den Vorfällen informiert und in seiner Familie und im Freundeskreis Unterstützung erfährt, damit nicht das Gefühl entsteht, dem Täter ganz allein ausgeliefert zu sein. Mitunter ist es sogar sinnvoll und notwendig,  Gespräche mit einem Psychologen oder Psychotherapeuten zu führen, wenn Mobbing zu einem starken psychischen Druck geführt hat und die Betroffenen unter Angststörungen oder depressiven Verstimmungen leiden.