Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Bis vor einigen Jahren glaubte man, nur Erwachsene könnten an Depressionen erkranken. Heute weiß man, dass 3% der Kinder und bis zu 9 % der Jugendlichen an dieser Krankheit leiden. Nach wie vor wird eine Depression in diesen Altersgruppen viel zu selten erkannt und kompetent behandelt. Dabei wäre eine Früherkennung extrem wichtig : Depressive Kinder entwickeln sich nicht altersgemäß und fallen sogar häufig auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück. Zudem haben Studien gezeigt, dass unbehandelte Depressionen im Kindesalter im späteren Leben oft zu weiteren depressiven Phasen führen. Die größte Gefahr bei erkrankten Jugendlichen ist jedoch der Suizid (= Selbsttötung ). Hier besteht ein bis zu 20fach erhöhtes Risiko eines Suizidversuchs.

Eine Depression zu erkennen ist schon bei Erwachsenen nicht einfach, doch bei jungen Menschen oft noch weitaus schwieriger. Stille und ruhige Kinder fallen nach außen hin nicht negativ auf und jüngere Kinder sind oft noch gar nicht in der Lage, die typischen Gefühle einer Depression, wie Traurigkeit, Lustlosigkeit und Angst, verbal zu äußern.

Zudem geht diese Erkrankung häufig mit anderen psychischen  Störungen, wie Hyperaktivität, Essstörungen, Angststörungen oder  Suchterkrankungen einher, die  leichter zu erkennen sind und eine Depression zunächst überdecken können.

Die Hinweise auf eine Depression bei Kindern sind besonders vielfältig und können sich in körperlichen Beschwerden, aber auch in Apathie oder aggressivem Verhalten zeigen. Hinzu kommt, dass jede Entwicklungsstufe, neben den typischen depressiven Gefühlen und Verhaltensweisen, ganz unterschiedliche Symptome mit sich bringen kann.

 

Kinder im Vorschulalter sind oft auffallend ängstlich und weinerlich und klammern sich stark an die Eltern. Sie haben keine Lust zu spielen, bewegen sich nur ungern und ziehen sich zurück. Sie schlafen schlecht ein, wachen nachts häufig auf und klagen über Kopf-oder Bauchschmerzen. Diese Kinder fallen oft in ein früheres Entwicklungsstadium zurück, d.h. sie lutschen wieder am Daumen oder nässen ein. Mitunter gehen sogar bereits erlernte motorische, intellektuelle oder sprachliche Fähigkeiten wieder verloren.

 

Schulkinder leiden unter Zukunftsängsten, Niedergeschlagenheit und Schuldgefühlen, sind sehr selbstkritisch, mutlos und resignieren schnell. Depressive Kinder können sich nur schlecht konzentrieren, haben große Schwierigkeiten eine Aufgabe zu Ende zu bringen, sind oft vergesslich und können sich Lerninhalte nicht merken. Sie haben bald keine Lust mehr am Lernen, sind zunehmend demotiviert und lassen in den schulischen Leistungen deutlich nach.

Depressive Kinder halten sich oft in ihrem Zimmer auf, zeigen an nichts mehr Interesse  und grübeln viel, anstatt mit Freunden zu spielen oder Sport zu treiben. Sie sind schnell erschöpft, müde und antriebslos. Auch ihr Essverhalten ändert sich häufig : viele sind völlig appetitlos, andere essen ständig und zu viel ( vor allem Süßigkeiten ).

Andere depressive Kinder jedoch sind sehr unruhig und hyperaktiv, sie fallen eher durch ein aggressives und zorniges Verhalten auf und haben entsprechend große Probleme mit Gleichaltrigen und in der Schule.

 

Depressionen bei Jugendlichen sind besonders schwer zu erkennen, da viele Symptome einer Depression ebenso die typischen Symptome der Pubertät sind.

Jugendliche sind oft gereizt, verschlossen, zu Tode betrübt, gelangweilt, grüblerisch und mit sich und der Welt unzufrieden. Dazu kommt, dass sich Jugendliche entwicklungsbedingt von ihren Eltern zurückziehen und der Kontakt zueinander häufig auch durch vermehrte Auseinandersetzungen gestört ist. So sind die Grenzen zwischen einer normalen Entwicklung und depressiver Symptomatik oft fließend und manchmal erst  spät oder gar nicht zu erkennen.

Viele depressive Jugendliche haben das Gefühl, den sozialen und emotionalen Anforderungen und dem Leben nicht gewachsen zu sein, haben Angst vor der Zukunft, kein Selbstvertrauen und isolieren sich zunehmend von anderen. Sie haben kein Interesse mehr an ihren Hobbies oder an alterstypischen Aktivitäten. Manche verändern extrem ihr Aussehen und vor allem Mädchen neigen zu Essstörungen, wie Magersucht oder Bulimie, während Jungen eher durch gesteigerte Aggressivität oder Vandalismus auffallen.

Bei einigen Betroffenen steigern sich die Selbstzweifel bis hin zum Selbsthass und sie fügen sich selbst Verletzungen zu. Andere versuchen all diese negativen Gefühle und Begleiterscheinungen mit Hilfe von Drogen oder Alkohol zu kompensieren. Besonders gefährlich jedoch wird es, wenn die Betroffenen daran denken, sich selbst zu töten, weil sie von ihrer eigenen Wertlosigkeit überzeugt sind und glauben, dass ihr Leben nicht lebenswert sei. Häufig senden depressive Jugendliche Signale an ihre Eltern, Lehrer oder Freunde , häufig in Form von versteckten Andeutungen

( „ was nächstes Schuljahr ist, interessiert mich nicht mehr" o.ä.) , Abschiedsbriefen oder sie lassen ihr Tagebuch offen liegen. Diese „Hilferufe" müssen ernst genommen werden und es besteht akuter Handlungsbedarf !

 

Genau wie bei den Erwachsenen sind die Gründe für das Entstehen einer Depression noch nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass die Verbindung von  genetischer Vorbelastung in der Familie, biologischen Faktoren ( Störungen des Hirnstoffwechsels) und kritische psychosoziale Lebensereignisse eine Depression auslösen können.

Besondere Risikofaktoren sind eine Scheidung der Eltern, der Tod eines Elternteils, Geschwisterkindes oder nahen Verwandten, aber auch Erfahrungen wie Armut, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, Mobbing und Leistungsdruck in der Schule, Schulwechsel oder ein Umzug.

Vor allem Jugendliche machen während ihres Reifeprozesses zahlreiche neue Erfahrungen, die sie schnell aus dem emotionalen Gleichgewicht bringen können : die erste Liebe und Liebeskummer, Sexualität, Ablösung vom Elternhaus,  aber auch Misserfolge und Kränkungen in der Schule, in der Berufsausbildung, im Sport oder in der Clique.

Bei alledem ist aber nicht die Stärke der Belastung ausschlaggebend, sondern wie gut das Kind gelernt hat, Krisen zu verarbeiten, Probleme zu lösen und sich Hilfe zu suchen. Dabei können zahlreiche kurze Belastungen oft besser verarbeitet werden, als Dauerbelastungen, die meist als familiäre Krisen auftreten.

 

Eltern sollten sich Rat und Hilfe bei ihrem Kinderarzt oder bei einem Kinder-und Jugendpsychologen suchen, wenn ihr Kind seinen dem Alter angemessenen Alltag nicht mehr bewältigen kann, sich auffällig verändert hat oder die oben erwähnten Symptome über einen Zeitraum von mehr als 2 Monaten auftreten.

 

Viele Eltern zweifeln an ihren Fähigkeiten als Erzieher, glauben schwerwiegende Fehler gemacht zu haben und leiden unter Schuldgefühlen, wenn bei ihrem Kind eine Depression diagnostiziert wird. Vor allem das soziale Umfeld reagiert oft verständnislos. Leider werden psychische Erkrankungen bei Kindern häufig noch als ein Versagen der elterlichen Erziehung angesehen. Doch davon sollten sich betroffene Eltern nicht verunsichern lassen. Ein depressives Kind ist nicht faul, schlecht erzogen,  aggressiv oder unerträglich, weil es so sein will, sondern weil es krank ist und Hilfe benötigt !

 

Die Therapie und der Behandlungsplan für erkrankte Kinder sollte immer an die individuelle Lebens-und Entwicklungssituation angepasst werden, d.h. das Alter, das schulische und familiäre Umfeld berücksichtigen.

Bei jüngeren Kindern kommt häufig eine „Spieltherapie" zum Einsatz, da sie sich mit Worten noch nicht gut ausdrücken können. Sicherheit und Selbstbewusstsein werden durch das Spielen in geschützter Umgebung gestärkt und neue Verhaltensmöglichkeiten spielerisch erprobt.

Ältere Kinder und Jugendliche werden im Rahmen einer Verhaltenstherapie dazu angeregt, positivere Denkmuster zu entwickeln und  erlernen Techniken, wie sie ihre Probleme lösen und künftig mit Krisen besser umgehen können.

Sollten die Auslöser der  Depression vorwiegend im familiären Bereich liegen, ist ergänzend eine Familien - oder systemische Therapie sehr sinnvoll. Hierbei wird versucht, die Beziehung und die Kommunikation der Familienmitglieder untereinander zu verbessern.

Mögliche Begleiterkrankungen, wie Drogen- oder Alkoholsucht und Essstörungen werden zusätzlich mit dafür geeigneten Therapien behandelt.

 

Medikamente, wie Antidepressiva, werden von Ärzten nur sehr vorsichtig und ergänzend zu anderen therapeutischen Maßnahmen eingesetzt. Oft ist es nicht ganz einfach, das richtige Präparat zu finden : manche Antidepressiva helfen zwar Erwachsenen, sind aber für Kinder nicht geeignet, weil sie zu viele Nebenwirkungen haben. Andere können gerade bei Jugendlichen das Suizidrisiko erhöhen. 

Eltern sollten wissen, dass Antidepressiva nicht abhängig machen und dass die Wirkung meist erst nach zwei Wochen voll eintritt. Diese Medikamente müssen auch regelmäßig eingenommen werden, damit sie wirken können und dürfen keinesfalls ohne ärztliche Überwachung abgesetzt werden.

 

Ein depressives Kind ist kein Grund an den elterlichen Fähigkeiten zu zweifeln, aber es ist ein Grund, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen !