Dünn-dünner- Magersucht: wenn Abnehmen zur Krankheit wird




Die Anzahl von magersüchtigen Mädchen und jungen Frauen hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Erkrankten bisher vor allem weibliche Teenager im Alter zwischen 14 und 20 Jahren, müssen heute schon Elfjährige behandelt werden und auch immer mehr männliche Jugendliche sind davon betroffen.

Laut einer Forsa-Befragung finden sich 80 Prozent aller Teenager zu dick und rund die Hälfte davon hat schon mindestens eine Diät hinter sich. Und so beginnt es oft ganz harmlos : die Jugendlichen möchten zwei, drei Kilo abnehmen, verzichten auf Eis und Pizza und beginnen zu joggen. Stellt sich dann der gewünschte Erfolg ein, sind sie stolz auf die eigene Leistung und freuen sich über die Komplimente von Freunden und Eltern – und hungern und laufen immer weiter, auch wenn sie schon längst viel zu dünn sind. Zu diesem Zeitpunkt ist es für viele gar nicht mehr möglich ohne Hilfe aus diesem gefährlichen Kreislauf auszusteigen. So erkranken ca. 1 bis 2  Prozent aller Heranwachsenden an einer Magersucht, auch Anorexie, genannt. Weitere 10 Prozent zeigen Symptome, die tendenziell auf eine Essstörung hindeuten.
 
Die Magersucht ist kein harmloser „Spleen“ oder eine entwicklungsbedingte „Macke“, die sich schon wieder auswächst, sondern eine ernstzunehmende Krankheit.
Ein Drittel aller Patienten/innen gilt nach einer Therapie als geheilt, ein weiteres Drittel ist relativ stabil und erleidet nur ab und zu einen Rückfall. Die übrigen bleiben für den Rest ihres Lebens magersüchtig, und jede/r Zehnte stirbt sogar daran ( Suizid oder Organversagen).

Die Diagnose der Anorexie :
Das wichtigste Kriterium ist der selbst herbeigeführte Gewichtsverlust und ein zu niedriges Körpergewicht. Bei einem BMI  unter 17,5 sprechen Ärzte von Untergewicht. Bei Kindern und Jugendlichen kann dies allerdings nicht nur durch  diesen Index beurteilt werden, sondern wird an Hand von sogenannten Wachstumskurven eingeordnet.
Zu der streng kontrollierten und stark eingeschränkten Nahrungsaufnahme, kommen oft übertriebene sportliche Aktivitäten, ein exzessiver Bewegungsdrang, selbstinduziertes Erbrechen oder der Gebrauch von Abführmitteln. Jede Ruhepause wird vermieden und der Schlaf auf ein Minimum reduziert, um möglichst viele Kalorien wieder abbauen zu können.
Die Gedanken kreisen ständig und übertrieben um Nahrung und Figur, verbunden mit der geradezu panischen Angst vor einer Gewichtszunahme. Lebensmittel werden in „gut“ und „schlecht“, bzw. „erlaubt“ und „verboten“, eingeteilt. Das Gewicht wird mehrmals täglich kontrolliert, die Waage ist Freund und Feind zugleich und bestimmt den Tagesablauf. Schon bei einer Gewichtszunahme von wenigen Gramm lassen Betroffene Mahlzeiten gänzlich ausfallen, schlimmstenfalls verzichten sie sogar auf die Aufnahme von Flüssigkeit.
Magersüchtige leiden an einer Körperschemastörung, d. h. ihr Körperbild ist verzerrt und sie sehen sich selbst immer als zu dick an, auch wenn sie bereits stark untergewichtig sind. Durch das restriktive Essverhalten ist zunehmend auch das Sättigungszentrum gestört, daher werden Magersüchtige auch tatsächlich schneller satt als Gesunde.

Die Folgen :
Auch körperlich machen sich die Folgen der Anorexie bemerkbar. Haarausfall, brüchige Haare und trockene Haut zeigen an, dass der Körper nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt ist. Das niedrige Gewicht führt zu einem Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur – die Folge sind  Müdigkeit, Frieren und Kreislaufbeschwerden. Es kommt außerdem zu hormonellen Veränderungen, bei den meisten  Mädchen bleibt die Regelblutung aus.
Besteht eine Magersucht über Jahre hinweg, kann es zu einer Osteoporose kommen, eine Verringerung der Knochenmasse und Knochendichte, die später gravierende Folgen hat.
Gerade bei noch jungen Patienten ist die Anorexie auch mit Wachstumsstörungen verbunden. Das Längenwachstum ist eingeschränkt, die Betroffenen sind häufig kleiner als Gleichaltrige. Das Schlimme daran : Auch bei einer erfolgreichen Therapie kann das Wachstum oft nicht mehr nachgeholt werden. In schweren Fällen kann es auch zu Organschädigungen kommen, deren Folgen sich mitunter erst Jahre später bemerkbar machen.
Außerdem kann die Magersucht noch weitere, psychische Krankheiten hervorrufen : viele Betroffene leiden unter Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen.

Die Ursachen und Auslöser :
Bei der Entstehung einer Anorexie spielen psychische, familiäre und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Immer kommen jedoch mehrere Bedingungen zusammen – welche und wie stark sie gewichtet sind, ist bei jedem Betroffenen anders. Aber auch genetische Faktoren scheinen ausschlaggebend zu sein, wie Wissenschaftler durch Studien bei Zwillingen belegen konnten.

Magersüchtige sind oft sehr leistungsorientiert, perfektionistisch und haben einen hohen Anspruch an sich selbst. In Schule und Studium sind sie meist sehr gut, ehrgeizig und vergleichen sich ständig mit anderen. Trotzdem ist ihr Selbstwertgefühl eher gering ausgeprägt. Sie sind sehr pflicht - und verantwortungsbewusst gegenüber anderen und sehr sensibel für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Zu ihren eigenen Gefühlen jedoch haben sie kaum Zugang und  neigen dazu, sich selbst zu überfordern oder abzuwerten.
In ihrem Verhalten findet sich oft Widersprüchliches : viele Magersüchtige sammeln Rezepte, kochen und backen für andere – essen selbst aber nichts. Auffällig ist auch, dass sie ungern allein sind und nichts mehr fürchten als Trennungen – andererseits aber nicht gut mit Nähe umgehen können und sich im Verlauf ihrer Erkrankung mehr und mehr zurückziehen.

Meist tritt die Magersucht in der Pubertät auf,-  eine Zeit, die mit vielen Unsicherheiten und dem Finden einer eigenen Identität verbunden ist. Zu einer normalen, psychischen Entwicklung gehören auch die Ablösung von den Eltern und die zunehmende Verantwortung für sich selbst. Dies geht oft einher mit Konflikten und Problemen. In Familien jedoch, in denen ein starkes Harmoniebedürfnis herrscht, müssen sich Jugendliche diesem Anspruch unterordnen und dürfen ihre persönlichen Bedürfnisse und Emotionen nicht ausleben, da Streit und Auseinandersetzungen vermieden werden müssen. Auch die Überfürsorglichkeit mancher Eltern macht es Kindern schwer, sich abzugrenzen und eigene Wege zu finden.
So verstehen viele Psychologen die Magersucht als ein Zeichen einer gewaltsamen Ablösung von den Eltern.
Oft hat die Magersucht aber auch noch einen anderen „Sinn“ in der Familie : sie lenkt von anderen Spannungen und Konflikten ab. Die Krankheit der Tochter / des Sohnes rückt in den Mittelpunkt, andere Probleme innerhalb der Familie verlieren zunächst an Bedeutung und treten in den Hintergrund.

Viele Heranwachsende fühlen sich überfordert: von Schule, den Erwartungen der Eltern, - dem Erwachsenwerden an sich. Sie haben das Gefühl, sich nicht durchsetzen oder behaupten zu können. Die Kontrolle über das Körpergewicht scheint vielen Magersüchtigen Sicherheit zu geben und sie können damit ihr Selbstwertgefühl steigern. Sie fühlen sich eigenständig und unabhängig. Ihr Irrglaube lautet : ist mein Körper dünn, sind auch alle Probleme gelöst.
Durch das Hungern können vor allem junge Mädchen verhindern, dass sie sich zur Frau entwickeln und die kindliche Figur wird erhalten. Die Magersucht bietet ihnen damit die Möglichkeit sich in die heile Welt der Kindheit zurückzuziehen. Sie müssen sich nicht mit ihrer erwachenden Sexualität auseinandersetzen und  können den Eintritt in die Welt der Erwachsenen, mit all den damit verbundenen Anforderungen, verzögern.

Auch unsere Gesellschaft und die Medien sind sicherlich nicht unschuldig daran, dass immer mehr junge Menschen an Anorexie erkranken. „Schlank sein“ steht für Schönheit, Intelligenz, Attraktivität, Erfolg und Beliebtheit und wird so zu einem „Muss“ in unserer Kultur. Menschen, die nicht dieser Norm entsprechen, werden schnell ausgegrenzt. Dazu kommen noch klapperdürre Models und Schauspielerinnen in Zeitschriften und Fernsehsendungen, die jungen Frauen den Eindruck vermitteln : Dünn sein ist der sichere Eintritt in die Welt der Schönen und Reichen. Dies macht es Teenagern sehr schwer, echte Vorbilder zu finden, an denen sie sich orientieren können.

Die Therapie :
Bei Magersucht kann die Therapie auf drei Arten erfolgen : die Erkrankten können sich in eine Klinik begeben und / oder  sich in einer Tagesklinik, bzw. ambulant behandeln lassen.
Oft ist zunächst ein Klinikaufenthalt unumgänglich, - vor allem, wenn ein massives Untergewicht vorliegt und eine schnelle Gewichtszunahme erforderlich ist, um Folgeschäden für den Körper zu vermeiden.
Langfristig soll das Essverhalten normalisiert werden. Dies gelingt aber nur, wenn die Behandlung auch auf die Ursachen der Essstörung abzielt. Daher besteht die Therapie aus verschiedenen Komponenten : Psycho-und Familientherapie, sowie einer Ernährungsberatung. Die Betroffenen lernen ihre Probleme zu erkennen und zu bewältigen, eine realistische Vorstellung von gesundem Gewicht zu entwickeln, auf die Signale ihres Körpers und ihrer Psyche zu hören ( z.B. Hunger, Stress, Müdigkeit, Überforderung, usw. ) und entsprechend darauf zu reagieren.

Ratschläge für Eltern :

Die meisten Eltern sind zunächst völlig fassungslos und hilflos, manchmal auch wütend, wenn sie bemerken, dass ihr Kind nicht mehr „normal“ isst und zusehends abmagert. Wie soll man sich verhalten und darauf richtig reagieren ? :

Akzeptieren Sie, dass Ihr Kind ernsthaft krank ist, dass diese Erkrankung schwere Folgen haben kann, nicht einfach wieder verschwindet und dass es ohne professionelle Hilfe nicht gehen wird. Diese Erkenntnis ist nicht einfach und daher wird das Problem in vielen Familien zunächst einmal verdrängt, bis die Angst um das Kind zu groß wird.

Sprechen Sie Ihr Kind offen darauf an, welche Veränderungen im Verhalten Sie bemerkt haben. Zum Beispiel, dass Ihre Tochter nur noch Miniportionen zu sich nimmt, Mahlzeiten auslässt, bestimmte Nahrungsmittel ganz ablehnt und immer mehr Sport treibt. Stellen Sie dabei das Thema „Gewicht“ nicht in den Mittelpunkt. Versuchen Sie ruhig und sachlich zu bleiben, ohne Vorwürfe oder zynische Bemerkungen. Vermutlich wird Ihr Kind alles abstreiten oder bagatellisieren, vielleicht sogar aggressiv reagieren – lassen Sie sich davon nicht täuschen oder abweisen. Das Abstreiten ist typisch für Essstörungen.

Bestehen Sie auf einem Arztbesuch, um Blutwerte zu testen und das Untergewicht feststellen zu lassen. Es ist manchmal ein heilsamer Schock, wenn ein Mediziner den Teenager  mit der  Diagnose „Magersucht und deren Folgen“  konfrontiert und oft der erste Schritt in eine Therapie.

Diskutieren Sie mit Ihrem Kind beim Essen nicht über das Essen. Sie erhöhen damit nur den Druck, was dazu führt, dass es noch weniger essen wird und das gemeinsame Familienessen gestaltet sich für alle zur Qual.
 
Weigern Sie sich jedoch bestimmte Wünsche zu erfüllen, was das Einkaufen oder  Kochen anbelangt ( z.B. nur noch kalorienarme und fettfreie Nahrungsmittel). Die Familie sollte weiterhin so essen, wie bisher – und für die Magersüchtige gibt es keine extra Zubereitungen. Aber zwingen Sie Ihr Kind nicht zum Essen oder zu bestimmten Portionen: Essgestörte können ihr Essverhalten nicht einfach ändern – denn die Ursachen liegen woanders. Außerdem würde der Teenager vermutlich versuchen, das verhasste Essen heimlich, durch selbst herbeigeführtes Erbrechen, wieder loszuwerden.

Seien Sie Vorbild und überprüfen Sie Ihr eigenes (Ess-)Verhalten. Leben Sie selbst ständig auf Diät oder sind unzufrieden mit Ihrem Körper? Kritisieren Sie das Gewicht, das Aussehen oder die Figur von anderen?

Sprechen Sie immer wieder, aber nicht ständig, die Möglichkeit einer Beratung, bzw. Therapie an. Besorgen Sie entsprechendes Infomaterial und legen Sie dies in das Zimmer Ihres Kindes. Gibt es jemanden in Ihrer Familie, der eine neutrale Position einnehmen kann und der zu Ihrem Kind  einen guten Zugang hat ? Manchmal kann eine außenstehende, dritte Person (z.B. eine Cousine oder Tante) mehr erreichen, wenn es darum geht, eine Magersüchtige von einer Therapie zu überzeugen.

Plagen Sie sich nicht mit Schuldvorwürfen. Bestimmte Erziehungsstile und die Art und Weise, wie alle in einer Familie miteinander umgehen, können eine Anorexie beeinflussen oder verstärken – aber sie sind nie die alleinige Ursache. Sinnvoller ist es daher, die Bedingungen zu verändern, die diese Erkrankung aufrecht erhalten. Und das ist oft eine gemeinsame Aufgabe für die ganze Familie !