Dysthymie

 

 

Wer kennt sie nicht  - die notorischen Schwarzseher, Menschen die alles schlechtreden oder immerzu unzufrieden sind ? Diese Menschen sind nicht gerade beliebt und für ihre Umgebung oft sehr anstrengend. Nicht immer, aber manchmal leiden diese Personen an einer psychischen Erkrankung, die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist, aber den Betroffenen jegliche Lebensqualität raubt.

 

Das Leben von Personen, die an einer Dysthymie erkrankt sind, ist jahrelang von einer depressiven Grundstimmung geprägt, d.h. unter dieser Erkrankung versteht man eine, wenn auch leichtere, dafür aber chronische Sonderform einer Depression.

( Leider gibt es für diesen Begriff keine wirklich passende deutschsprachige Bezeichnung.)

Schätzungen gehen davon aus, dass circa 5 Prozent der Deutschen unter so einer „Dauerverstimmung" leiden. Auch wenn diese Erkrankung nicht so schwer und auffällig verläuft wie eine „normale" Depression, geht sie für die Betroffenen doch mit einem großen Leidensdruck einher.

 

Depressionen verlaufen an sich in Phasen, d.h. depressive Phasen wechseln sich mit Phasen ab, in denen die Patienten völlig beschwerdefrei leben können. Viele  erkranken sogar nur ein Mal in ihrem Leben an einer Depression, - zurück bleiben dann zum Glück nur noch schlechte Erinnerungen an diese schwierige Zeit.

Dysthymiker jedoch müssen oft viele Jahre mit ihrem Leiden leben. Sie schaffen es zwar ihren Alltag zu bewältigen, aber nur mit größter Anstrengung. Das Beschwerdebild ist überaus belastend, und zwar nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch in hohem Maße für ihr Umfeld.

Dysthymiker werden von anderen Menschen oft als notorische Pessimisten wahrgenommen. Sie stecken andere mit ihrer schlechten Laune an und zermürben ihre Mitmenschen mit häufigem  Jammern und Nörgeln. Ständig wirken sie missmutig, unzufrieden und mürrisch, oft sogar  ärgerlich, gereizt und aggressiv.

Die Betroffenen selbst fühlen sich dauerhaft niedergeschlagen, kaum etwas bereitet ihnen Freude, sie können sich nur schwer zu etwas aufraffen, sind lustlos, schnell gestresst, müde und abgeschlagen.

 

Sie kämpfen mit vielen Ängsten, Unsicherheiten und Selbstzweifeln. Viele sind ständig nervös, innerlich unruhig und angespannt, fühlen sich energie-und kraftlos. Mitunter treten auch körperliche Beschwerden auf, wie z. B. wechselnde Schmerzzustände, Schlafstörungen oder gesteigerter bzw. verminderter Appetit.

Die Betroffenen grübeln häufig über sich und ihre Mitmenschen, über die Vergangenheit und die Zukunft -  und sehen alles und jeden negativ. Und genau diese Sichtweise macht sie auf Dauer so missmutig und unzufrieden. Dysthymiker sind für ihre Umgebung daher oft nur schwer erträglich, von ihnen geht ständig eine belastende Atmosphäre aus, die auch andere in ihrer Stimmung herabzieht und die letztendlich dazu führt, dass sich die meisten Menschen von ihnen zurückziehen und sie oft sehr isoliert und einsam leben. Das ablehnende Verhalten mancher ihrer Mitmenschen interpretieren die Erkrankten dann wiederum in einer für sie typischen Sichtweise : „ die Welt und die Menschen sind schlecht".

 

Personen mit Dysthymie sind zumeist fest davon überzeugt, dass ihre negativen Sichtweisen völlig normal sind und sie haben sich schon so an ihre jahrelange Verstimmung gewöhnt, dass sie gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, dass eine psychische Erkrankung die Ursache für ihre Probleme sein könnte. Sie glauben es handle sich um einen persönlichkeitsspezifischen Charakterzug : „ich bin eben so und dagegen kann man auch nichts machen". Erst im Verlauf einer erfolgreichen Therapie wird vielen Betroffenen klar, dass ihr Leben auch ganz anders aussehen kann.

 

Oft beginnt eine Dysthymie schon in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter und nimmt einen chronischen Verlauf, der allerdings auch von Umwelt und Lebensereignissen abhängig ist. Diese Lebensphase stellt jedoch immer eine körperliche und seelische „Umbau-Phase" dar. Niedergeschlagenheit, Wut,  Missmut, Konzentrationsstörungen, Probleme im Umgang mit anderen, Überreaktionen und Schwierigkeiten mit Anforderungen umzugehen, sind bei Jugendlichen nicht ungewöhnlich und gehören zu einer normalen Entwicklung. Daher werden die Anfänge einer Dysthymie selten erkannt und behandelt.

Im Erwachsenenalter treten die Symptome dann deutlicher hervor, mit oft folgenschweren Konsequenzen für Partnerschaft, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und am Arbeitsplatz.

Ein weiterer Grund, weshalb die Dysthymie selten erkannt und behandelt wird, ist die Tatsache, dass rund die Hälfte  aller Patienten noch an einer weiteren psychischen Erkrankung leidet, deren Symptomatik oft im Vordergrund steht.  Am häufigsten sind Kombinationen mit Angststörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen, vor allem Alkoholismus.

Sehr viele Betroffene leiden zudem phasenweise immer wieder an einer „richtigen" Depression, die durch eine entsprechende Behandlung auch wieder abklingt. Werden die Medikamente dann abgesetzt, kehrt die Dysthymie zurück, d.h. diese Patienten kennen keine beschwerdefreien Intervalle, sie leiden entweder an einer Depression oder einer Dysthymie.

 

Zur Diagnosestellung ist es wichtig, zunächst den Hausarzt oder einen Internisten aufzusuchen, um eine organische Erkrankung auszuschließen. Ähnliche Symptome wie bei der Dysthymie können z. B.  auch bei Hormonstörungen oder bei einer beginnenden Parkinsonschen Erkrankung auftreten.

 

Als erfolgversprechendste Behandlung der Dysthymie hat sich in wissenschaftlichen Untersuchungen die Kombination von Psychotherapie und Antidepressiva erwiesen.

Betroffene sind oft über Jahre hinweg in einem negativen Selbstbild gefangen : sie blicken in eine pessimistisch gefärbte Zukunft und interpretieren auch frühere Erfahrungen und Erlebnisse eher negativ. Die Sichtweise ist zunehmend geprägt durch sich selbst erfüllende Negativ- Prophezeiungen.

Die besten Studienergebnisse liegen für verschiedene Varianten der kognitiven Verhaltenstherapie vor. Hier versucht man fehlerhafte Denkmuster, dysfunktionale Überzeugungen und negative Erwartungshaltungen bewusst zu machen und zu verändern. 

Der Patient lernt, seine negative Sicht auf die Dinge zu überprüfen und alternative Denkweisen zu entwickeln.

Zentrales Anliegen der Verhaltenstherapie ist es, dem Erkrankten bewusst zu machen, was und wie viel er dafür tun kann, um sich besser zu fühlen und wie er diese Erkenntnisse in entsprechende Verhaltensweisen in seinem Alltag umsetzen kann. Damit kommt es auch zu Verbesserungen im zwischenmenschlichen Bereich und zur Stärkung sozialer Kompetenz.

Denn ein wichtiges Thema für Dysthymiker ist der Umgang mit anderen Menschen. Zu einer gewissen Lebensqualität gehören auch soziale Kontakte - und daran fehlt es vielen Betroffenen seit Jahren.

Mitunter werden dafür auch Lebens-und Ehepartner mit in die Therapie einbezogen, um Konflikte in der Beziehung und Familie gemeinsam zu lösen. Viele Partnerschaften und Familien sind durch die jahrelangen Anstrengungen, die das Leben mit einem psychisch Erkrankten mit sich bringt, völlig erschöpft und ausgebrannt. Gelingt es dem Patienten dann in einer Therapie seine Denk- und Verhaltensmuster positiv zu verändern, trifft er zuhause jedoch oft noch auf eine von Vorwürfen oder von Unverständnis geprägte Atmosphäre. Daher ist therapeutische Unterstützung manchmal auch für andere Familienmitglieder sinnvoll.