Ess – Sucht: Essen bis der K├╝hlschrank leer ist

  

 

 

Seit einiger Zeit wird in den Medien häufig über Essstörungen berichtet. Vor allem die Magersucht ( Anorexie ) und die Ess-Brech-Sucht ( Bulimie ) stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses.  Die weitaus häufigste Essstörung ist jedoch die sogenannte Binge Eating Disorder  ( BED ) oder Essattacken-Störung.

 

„To binge“ kommt aus dem Amerikanischen und wird übersetzt mit „gieriges essen oder trinken“. Anders als bei der Bulimie und der Anorexie gibt es hierfür keine bestimmte Altersgruppe. Außerdem ist hier der Anteil an Männern deutlich höher, circa 1/3 der Betroffenen sind Männer.

 

Binge Eating ist eine seelisch ( psychogen ) bedingte Essstörung, die meist mit Übergewicht verbunden ist. Dies bedeutet aber nicht, dass jeder Übergewichtige automatisch an dieser Störung leidet, denn dieses Krankheitsbild kann auch bei Normalgewichtigen auftreten.

 

Charakteristisch für diese Essstörung sind die regelmäßigen Essattacken unter denen die Betroffenen leiden. Bei einem solchen Anfall wird eine enorme Menge an Nahrungsmitteln in relativ kurzer Zeit verschlungen , obwohl man gar nicht so hungrig ist.

Zudem  wird wesentlich schneller gegessen als normal. Dabei verlieren die Betroffenen die Kontrolle darüber, wie viel sie essen und wann sie mit dem Essen eigentlich aufhören müssten. Das Sättigungsgefühl wird in der „Sucht nach Essen“ völlig unterdrückt. Erst wenn ein unangenehmes Völlegefühl oder Übelkeit einsetzt und eine weitere Nahrungsaufnahme nicht mehr möglich ist, wird die Essattacke beendet.

 

Danach treten bei den Betroffenen depressive Gefühle auf, sie fühlen sich schuldig , weil sie sich wieder nicht beherrschen konnten, sie ekeln sich vor sich selbst und das ohnehin schon angekratzte Selbstbewusstsein leidet noch mehr.

Nach jedem Anfall nehmen sich die Binge-Eating-Patienten vor, dass dies das letzte Mal war und versuchen , wie schon so oft, eine neue Diät – die dann meist durch einen erneuten Heißhungeranfall beendet wird.

 

 Menschen, die unter derartigen Essattacken leiden, schämen sich dafür und ziehen sich häufig zurück. Sie essen alleine und heimlich, so dass selbst nahe Freunde und Familienmitglieder oft nichts davon bemerken.

 

Anders als bei der Anorexie und Bulimie wenden die Betroffenen jedoch keinerlei Kompensationsmethoden an, um das Essen wieder loszuwerden, wie selbst ausgelöstes Erbrechen oder Abführmittel. Sie treiben auch nicht übermäßig viel Sport, um die aufgenommenen Kalorien wieder zu verbrennen.

 

Die Folgen einer Binge-Eating-Disorder können schwerwiegend sein. Da während einer Essattacke meistens Nahrungsmittel verschlungen werden, die viele Kohlenhydrate oder Fette enthalten, wie Schokolade, Kuchen oder Pizza, leiden viele Betroffene an Übergewicht. Dies kann zu verschiedenen Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, Gelenkleiden, Wirbelsäulenschäden oder Bluthochdruck führen. Viele Patienten weisen zudem Mangelerscheinungen auf, da zuwenig Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen werden.

 

Aber auch die psychischen Belastungen können schwere soziale Probleme zur Folge haben. Die unkontrollierbaren Essanfälle können dazu führen, dass Betroffene nicht mehr zur Schule oder Arbeit gehen und sich von ihrer Umwelt völlig zurückziehen.

 

Doch welche Ursachen gibt es für die Binge-Eating-Disorder ? Zum einen ist es sicherlich die Unzufriedenheit mit der eigenen Figur , hervorgerufen durch ein Schlankheitsideal, das durch die Medien verbreitet wird und das zu einem gestörten Essverhalten mit häufigen Diäten führt. Diese Diäten sind dafür verantwortlich, dass die Hunger-und Sättigungswahrnehmung auf Dauer gestört wird.

 Auch unregelmäßiges Essen kann zu Essattacken führen :  wer den ganzen Tag , vielleicht aus Zeitmangel, nichts isst, läuft in Gefahr abends den Kühlschrank aus Heißhunger leer zu futtern.

 

Patienten berichten häufig, dass die Essanfälle durch negative Gefühle, wie Langeweile, Angst, Ärger oder Einsamkeit ausgelöst werden.  

Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten sind manchmal unfähig, Hunger von anderen unbehaglichen Gefühlen zu unterscheiden oder Hunger und Sattsein zu erkennen.

 Um mit Stresssituationen im beruflichen oder privaten Bereich besser umgehen zu können, haben sich die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens bestimmte Bewältigungsstrategien zugelegt. Sie haben gelernt, Probleme anzugehen, sich abzulenken oder sich zu entspannen. Und genau über diese Strategien verfügen Binge-Eating-Patienten nicht. Sie kennen nur eine Methode : essen.

 

Für viele Menschen ist Essen ein Symbol für Liebe und Geborgenheit, nach der sich jeder sehnt. So dient es uns oft als Liebesersatz oder Trostpflaster.

 Dieses Verhalten haben wir schon als Kind gelernt. Bereits kurz nach der Geburt bedeutet Nahrungsaufnahme für ein Baby Überleben, Sicherheit, Trost und Geborgenheit und ist zudem der erste direkte Kontakt mit der Mutter.

Babys weinen aus vielerlei Gründen : sie haben Bauchschmerzen, es ist ihnen zu warm oder zu kalt, sie haben Durst oder ihnen ist langweilig. „Übersetzt“ die Mutter dann das Weinen stets als Hunger und füttert das Kind, lernt schon ein Säugling unter Umständen, dass Essen gegen alle unangenehmen Zustände eingesetzt werden kann – d.h. essen hilft immer und  gegen alles.

 

 Dieses Verhalten wird dann beibehalten, wenn später Probleme, Überforderung, Zurückweisung, innere Leere und Einsamkeit auftreten. So haben viele Binge-Eating-Patienten die Erfahrung gemacht, dass Enttäuschungen und Spannungen durch Essen gemildert werden können.

Auch in der späteren Erziehung spielt Essen eine große Rolle.  Es wird sowohl zur Belohnung als auch zur Bestrafung eingesetzt und häufig wird jeglicher Schmerz oder Kummer von Kindern mit Süßigkeiten „weggetröstet“.

 

Die Behandlung dieser Essstörung hat zwei Ziele : die Normalisierung des Essverhaltens und die Behandlung der zugrunde liegenden seelischen Konflikte.

Es wird vor allem untersucht, welche zwischenmenschlichen Probleme und Belastungen sich hinter der Störung verstecken und welchen Stellenwert diese in der eigenen Lebensgeschichte haben.

 Die psychologische Betreuung der Patienten steht daher im Vordergrund. Diese sollen in den Therapiesitzungen die Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten herausfinden, die bei ihnen zu Essattacken führen. Danach werden Bewältigungsstrategien erarbeitet, um mit diesen kritischen Situationen künftig besser umgehen zu können.

Es geht in der Therapie einer Binge-Eating-Disorder also nicht darum abzunehmen, sondern wieder Kontrolle über das Essverhalten zu bekommen und den Essrhythmus zu normalisieren.

 Das Selbstwertgefühl wird gestärkt und die Patienten lernen sich selbst so zu mögen, wie sie sind und sich so zu akzeptieren. Eine Gewichtsabnahme stellt sich dann meist durch das normalisierte Essverhalten von alleine ein.

Da die Betroffenen oft ein gestörtes Körpererleben haben, sind auch Sport und Entspannungsmethoden Bestandteile einer erfolgreichen Therapie.

 

Essen dient in nahezu allen Kulturen auch der Kommunikation und ist deshalb mehr als reine Nahrungsaufnahme. Die meisten Feiertage oder Familienfeste sind mit gutem Essen verbunden, manchmal trifft man sich mit Freunden in Restaurants, abends versammeln sich viele Familien nach einem Arbeitstag am Esstisch.

 

Essen ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens - es kann Menschen miteinander verbinden.

Doch nichts macht Menschen einsamer als eine Essstörung !