Gehen oder Bleiben

 

Jeder Mensch, der in einer festen Beziehung lebt, weiß, dass es so ganz ohne Streit meist nicht geht. Manchmal wachsen sich diese Konflikte auch zu einer handfesten Krise aus und dann kommen mitunter auch Gedanken an eine Trennung auf. Doch von einem Gedanken bis hin zu einem Entschluss und dessen Umsetzung ist es ein weiter Weg, der manchmal auch Jahre dauern kann. Schließlich bedeutet eine Trennung Abschied nehmen von einem Lebensentwurf und oft auch vom sozialen Umfeld. Das ist alles andere als einfach.

Paartherapeuten versuchen deshalb zuerst herauszufinden, ob hinter einem Trennungsgedanken der Wunsch nach einer „ Trennung vom Partner" oder „einer Trennung von einem unerträglichen Zustand" steckt.

Entstehen die Konflikte durch die Art und Weise wie die beiden miteinander umgehen und kommunizieren, durch äußere Umstände und belastende Lebensbedingungen oder fehlen passende Konfliktbewältigungsstrategien ? Mitunter sind auch die gegenseitigen Erwartungen an die Ehe und den Partner zu hoch und unerreichbar, d.h. der Partner soll alle Bedürfnisse erahnen und erfüllen können.

 

Zumeist verschlechtert sich eine Beziehung allmählich, in einem sich über Monate oder Jahre erstreckenden Prozess. Positive Gefühle, wie Liebe, Vertrauen, Zuneigung und Respekt schwinden und Enttäuschung, Frustration und Unzufriedenheit machen sich breit.

Zunächst versuchen die meisten Paare ihre Konflikte zu lösen und suchen nach Kompromissen, gelingt dies nicht, wird die Atmosphäre zunehmend spannungsgeladen. Bei manchen kommt es dadurch zu heftigen Auseinandersetzungen, andere beginnen einander aus dem Weg zu gehen.

Diese Paare ziehen sich langsam voneinander zurück und leben nebeneinander her. Sie haben sich nichts mehr zu sagen oder zu geben, empfinden immer weniger füreinander und distanzieren sich mehr und mehr vom anderen. Viele konzentrieren sich auf ihren Beruf, entwickeln eigene Interessen und schaffen sich einen eigenen Freundeskreis. Auf diese Weise können die Eheprobleme einfach verdrängt werden. Der Entfremdungsprozess wird oft erst dadurch deutlich, dass sich einer der Partner einem anderen Menschen zuwendet und ein außereheliches Verhältnis beginnt.

 

Manchmal wird der endgültige Entschluss sich zu trennen, durch ein bestimmtes Ereignis ausgelöst : „ der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte".

Die Entscheidung für eine Trennung fällt umso schwerer, je größer die Investitionen in die Familie waren, je negativer die Folgen für die Kinder eingeschätzt werden und je höher die zu erwartenden Einbußen im Lebensstandard sind.

Ausschlag gebend sind auch finanzielle Abhängigkeiten, Angst vor Einsamkeit, ob man sich ein Leben als Single vorstellen kann, wie attraktiv man sich selbst einschätzt und ob eine Scheidung von der sozialen Umwelt akzeptiert wird.

 

In manchen Fällen beginnen beide Partner zur gleichen Zeit, sich Gedanken über eine Scheidung zu machen.  Spricht dann einer von ihnen dieses Thema an, ist der andere nicht allzu überrascht und eine relativ offene und rationale Diskussion ist möglich.

Schwieriger ist es, wenn sich nur einer mit dem Gedanken an eine Trennung beschäftigt und seinen Partner damit konfrontiert. Aus einer anfänglichen Überraschung werden schnell Wut, Verzweiflung, Angst und Hass. Viele versuchen aber auch die Zuneigung ihres Partners zurück zugewinnen und letzte Versuche zur Rettung der Beziehung werden unternommen. Vor allem wenn beide Partner einer möglichen Trennung noch sehr ambivalent gegenüberstehen, kann so ein Versuch - vielleicht auch mit Hilfe einer Paartherapie - durchaus gelingen !

Besonders schwierig wird es, wenn ein Partner die Entscheidung, sich zu trennen, bereits vor längerer Zeit getroffen  und eine Trennung heimlich vorbereitet hat. Der andere wird überrumpelt, hat keine Gelegenheit mehr zu reagieren und wird mit dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung vor vollendete Tatsachen gestellt.

 

Neben all den Überlegungen um die eigene Person und die Beziehung macht man sich noch große Sorgen um die Kinder. Was bedeutet eine Scheidung für sie, werden sie die Trennung ihrer Eltern verkraften oder jahrelang darunter leiden?  Oft ist eine Trennung langfristig für alle die bessere Lösung. Für Kinder ist es sehr belastend mit streitenden und unzufriedenen Eltern aufzuwachsen und sie können sich in einer spannungsfreien und harmonischen Atmosphäre wesentlich besser entwickeln. Eine vollständige Familie ist nicht automatisch eine heile Familie !

Eines steht jedoch fest - eine Ehescheidung heißt auch : die Kinder sind zwar nicht gemeint, aber sie sind betroffen. Und die Trennung der Eltern bedeutet für sie eine schwere Krise. Daher sind scheidungswillige Eltern ihren Kindern eines schuldig : ein Trennungsentschluss sollte nicht vorschnell gefasst werden und die Eltern sollten  alles versucht haben, um ihre Partnerschaftsprobleme zu lösen.

 

Hat man aus seiner Sicht alles getan, um die Beziehung zu retten und war dies jedoch vergeblich, sollte man zu einer Entscheidung gelangen.

Zunächst sollten Sie sich bewusst machen, weshalb Sie die Entscheidung vor sich herschieben. Sind Sie von Ihrem Partner finanziell abhängig, haben Sie Angst vor dem Alleinsein, werden Sie von Ihrem Partner bedroht oder welche Gründe machen Ihnen die Entscheidung sonst so schwer? Sind diese Ängste und Befürchtungen wirklich berechtigt und realistisch? Kaum jemand wird zum Beispiel sein Leben nach einer Scheidung in Einsamkeit verbringen müssen, wenn er auch von sich aus Kontakte zu anderen Menschen sucht.

Als nächstes sollten Sie sich mit den Vor-und Nachteilen möglicher Alternativen (sofortige Trennung, Trennung zu einem späteren Zeitpunkt, Trennung auf Probe, usw. ) auseinander setzen.

Welche Konsequenzen für Sie selbst, aber auch für andere Familienmitglieder würden sich daraus ergeben? Welche Probleme könnten auftreten und wie könnte man diese lösen?  Unter welchen Bedingungen wären Sie zunächst bereit Ihre Beziehung fortzusetzen ( z.B. nur, wenn Ihr Partner mit Ihnen gemeinsam eine Eheberatung aufsucht ). Wäre eine Trennung für eine bestimmte Zeit, eine Möglichkeit für beide sich ihrer Situation klar zu werden ?

 

Um zu einer endgültigen Trennungsentscheidung zu kommen, benötigt man oft noch viel Wissen über das Umgangs- und Sorgerecht, Leistungen des Arbeitsamtes, soziale Hilfen, juristische Abläufe, Scheidungsrecht, usw. Sie sollten sich erkundigen, welche steuerlichen Veränderungen auf  Sie zukommen und welche Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung bestehen. Zu einer umfassenden Beratung wird es nötig sein, dass Sie einen Anwalt aufsuchen, der über Erfahrung im Familien-und Scheidungsrecht verfügt, der Sie  über Ihre Rechte und Ansprüche aufklären und später vor Gericht vertreten kann.

 

Dann ist es an der Zeit eine Entscheidung zu treffen und Ihren Partner und  auch andere Familienmitglieder darüber zu informieren. Stellen Sie sich auf negative Reaktionen Ihres Partners und Ihres Umfeldes ein. Rechnen Sie aber auch mit eigenen Zweifeln, Mutlosigkeit und Ängsten, die eine Trennung ( zunächst) wieder unmöglich erscheinen lassen.

Haben Sie sich jedoch bereits seit einiger Zeit innerlich emotional von Ihrem Partner getrennt, werden Sie bald spüren, dass Ihre Entscheidung richtig ist und die Trennung auch äußerlich vollziehen können. Dabei kann Ihnen ( und auch Ihrem Partner ) eine psychologische Beratung helfen Trennungsängste zu bewältigen, Ihren jeweiligen Beitrag am Scheitern der  Ehe zu erkennen und rückblickend auch die positiven Seiten Ihrer Beziehung zu sehen.

Nun bleibt nur noch, die beschlossene Trennung auch umzusetzen und die dafür nötigen Entscheidungen zu treffen : wer zieht aus, wie und von wem werden die Kinder zunächst betreut, wie wird der  gemeinsame Haushalt aufgeteilt und wie werden die finanziellen Aspekte geregelt ? Alles, was Sie mit Ihrem Partner vorher gemeinsam regeln können, spart später Zeit und Geld.

Aber  leider gelingt dies nur selten einvernehmlich und Enttäuschungen  und Rachegelüste verhindern oftmals vernünftige Einigungen. Gerade deshalb sollten Sie versuchen sich zu disziplinieren und Überlegungen, Forderungen und Absprachen schriftlich festzuhalten. Ist ein direktes Gespräch oder Telefonat mit Ihrem Partner ohne Streit gar nicht mehr möglich, treten Sie schriftlich miteinander in Kontakt und bewahren Sie Briefe und E-Mails gut auf. Ihre Notizen und Briefwechsel können für Ihren Anwalt sehr wichtig sein und dienen in strittigen Fällen als Beweismaterial.

 

Immer mehr Paare suchen in der Zeit ihrer Trennung einen Mediator auf. Dies können Anwälte, Angehörige eines psychosozialen Berufes oder psychologische Berater sein.

Mediation bedeutet „Vermittlung" und das Ziel ist, einen möglichst friedlichen Weg für eine Trennung zu finden. Der Mediator sorgt dafür, dass Sie wieder miteinander ins Gespräch kommen, verhandelt Kompromisse und sucht gerechte Lösungen für alle. Vor allem, wenn es um das Wohl der Kinder geht, kann eine Mediation eine große Hilfe sein, da hier deren Ängste und Bedürfnisse  im Vordergrund stehen.