Generalisierte Angststörung: Wenn Ängste und Sorgen krank machen

 

 

Sorgen sind etwas Alltägliches. So macht man sich Sorgen, wenn das Kind nicht zur erwarteten Zeit nach Hause kommt, wenn ein Familienangehöriger erkrankt oder wenn in der Firma, in der man beschäftigt ist, Arbeitsplätze abgebaut werden. Mitunter gibt es auch Phasen, in denen einige Probleme zusammenkommen und man sich mehr Sorgen macht als gewöhnlich. In den meisten Fällen klären sich die Sorgen von allein auf  ( das Kind hat den Schulbus verpasst und kommt etwas später) oder man kann selbst etwas zu deren Bewältigung unternehmen.

 

Wenn aber die Ängste und Sorgen im Leben eines Menschen überhand nehmen, wenn es für sie womöglich gar keinen konkreten Anlass gibt, wenn sie als nicht mehr kontrollierbar erlebt werden und über einen längeren Zeitraum den Alltag beeinträchtigen, kann es sich um eine Generalisierte Angsterkrankung  ( GAS oder GAD ) handeln.

 

Der Begriff „generalisiert“ bezieht sich darauf, dass die Ängste und Sorgen in vielen Situationen auftreten und verschiedene Bereiche betreffen. Chronische Angst vor der Zukunft, permanente Besorgtheit, ständiges Grübeln, diverse Befürchtungen und negative Vorahnungen stellen das prägende Lebensgefühl dar.

 Menschen mit einer generalisierten Angststörung und gesunde Personen unterscheiden sich nicht bezüglich der Inhalte, über die sie sich Gedanken machen : Familienangelegenheiten, Krankheiten, Unfälle, Beruf oder Finanzen.

Der Unterschied ist, dass die Betroffenen sich täglich und stundenlang Sorgen machen oder grübeln, Gefahren sehen, wo keine reale Gefährdung besteht oder die Wahrscheinlichkeit eines Unglückes überschätzen.

Sie spielen dabei ihre Sorgen und Probleme in Form von Katastrophenszenarios immer wieder gedanklich durch, ohne zu einer Lösung zu kommen. Dadurch erleben sie ihre Ängste und Sorgen als unkontrollierbar und fühlen sich ihnen ausgeliefert. Immer mehr Situationen werden als gefährlich und bedrohlich eingestuft.

 

 Angstpatienten finden kein Vertrauen zu sich und zur Zukunft.  Kommen dann zu den Belastungen des Alltags noch zusätzliche Probleme und „normale“ Veränderungen (Renovierungen, Reparaturen, Wechsel des Arbeitsplatzes, Umzug, Schulwechsel des Kindes o.ä.) hinzu , geraten die Betroffenen völlig durcheinander und schnell wird alles zur großen Katastrophe.

Schon nach kurzer Zeit sind die Menschen, die an einer GAS leiden, oft nicht mehr in der Lage alltägliche Anforderungen und Aufgaben zu bewältigen.

 

Die andauernden Sorgen und Befürchtungen führen zu einer ständig erhöhten körperlichen Anspannung und zu einer Übererregung des zentralen Nervensystems. Die Patienten leiden unter Reizbarkeit, Ruhelosigkeit, Nervosität, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, leichter Ermüdbarkeit und Muskelverspannungen.

 Häufig kommen dann noch Zittern, Kopfschmerzen, Schwindel, Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Magen-Darm-Beschwerden oder Schluckbeschwerden hinzu.

Dies ist auch der Grund, warum Menschen, die an einer generalisierten Angststörung leiden, normalerweise wegen ihrer körperlichen Beschwerden zuerst den Hausarzt oder Internisten aufsuchen. Da die Betroffenen ihre Symptome meist nicht mit ihren Ängsten in Verbindung bringen, berichten sie dem Arzt auch nicht über ihre Sorgen und Befürchtungen, weshalb es oft lange dauert, bis dieser erkennen kann, was die eigentliche Ursache für die körperlichen Beschwerden ist und die Diagnose „GAS“ gestellt werden kann.

 

Circa  5% der Menschen in Deutschland leiden an einer generalisierten Angststörung. Die Krankheit tritt meist zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr erstmalig auf. Sie entwickelt sich schleichend und nimmt oft, wenn sie nicht behandelt wird, einen chronischen Verlauf. Frauen ( vor allem ab dem  50. Lebensjahr ) sind etwa doppelt so häufig davon betroffen wie Männer.

 

Die generalisierte Angststörung entwickelt sich, wie viele andere psychischen Erkrankungen auch, immer aus dem Zusammenwirken vieler verschiedener Faktoren, wobei man zwischen ursächlichen, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren unterscheidet.

Eine gewisse Anlage zur Ängstlichkeit kann „vererbt“ werden. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine genetische Vererbung, sondern vielmehr um ein von den Eltern erlerntes Verhalten .

 Die Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben, vor allem in der Kindheit und Jugend macht, spielen eine wichtige Rolle für die Entstehung von Angst. Die Atmosphäre in der Familie, der Umgang der Eltern mit Ängsten und Sorgen, aber auch Erfahrungen im Freundeskreis oder in der Schule bewirken, ob und wie wir lernen mit Problemen, Belastungen und neuen, noch ungewissen Situationen umzugehen. So erfahren Menschen oft schon früh, ob sie ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten vertrauen und ob sie Dinge und Situationen beeinflussen können .

 

Bekannt ist außerdem, dass bestimmte Botenstoffe im Gehirn ( Neurotransmitter ) bei der Entstehung von Angsterkrankungen eine Rolle spielen.

 

Auslösende Faktoren für eine GAS sind länger andauernde Alltagsbelastungen ( Stress, ständiger Zeitdruck, chronische körperliche Erkrankungen , Schmerzen ) , aber auch belastende einzelne Ereignisse ( Trauerfall, Scheidung, Unfall usw. ).

 Häufig ziehen Veränderungen in den Lebensgewohnheiten und Anpassungssituationen an neue Lebensabschnitte eine generalisierte Angststörung nach sich  : die Geburt eines Kindes, Wechseljahre, Hochzeit, Ruhestand, Arbeitsplatzwechsel oder ein Umzug.  Selbst wenn diese Ereignisse oft positiv sind, sind sie doch mit Stress verbunden und erfordern eine Anpassung an die neue Situation.

 

Aufrecht erhalten wird die GAS vor allem dadurch, dass die Betroffenen Probleme und Alltagssituationen als extrem bedrohlich oder belastend bewerten. Vor allem das sogenannte „ Sicherungsverhalten“ trägt entscheidend dazu bei. Sie kontrollieren alles und jeden : sie begleiten die Kinder auf dem Schulweg, rufen den Partner ständig an, um sich zu vergewissern, dass auch nichts passiert ist oder lassen sich häufig grundlos ärztlich untersuchen.

 

Besonders gravierend wird es, wenn die Betroffenen versuchen angst- und sorgenauslösende Situationen zu vermeiden :  sie lesen keine Zeitungen mehr, denn es könnte etwas Schlimmes drinstehen – sie öffnen keine Rechnungen mehr, aus Angst sie nicht bezahlen zu können – sie gehen, wenn sie krank sind nicht zum Arzt, denn es könnte etwas Lebensbedrohliches sein -  viele können gar nicht mehr alleine bleiben und einige wollen ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen !

 

Behandeln kann man eine generalisierte Angststörung mit zweierlei Methoden : mit Medikamenten und / oder mit einer Psychotherapie. Im Idealfall sollte beides zum Einsatz kommen .

 

Bei der Behandlung von Angststörungen werden in der Medizin Psychopharmaka eingesetzt. Dies sind Medikamente, die auf das zentrale Nervensystem wirken. Zur Verfügung stehen speziell angstlösende Präparate und Antidepressiva, die neben einer Reduktion von Angst v.a. die Stimmung verbessern. Leider wirken diese Medikamente erst nach einiger Zeit und sie können u.U. mit Nebenwirkungen verbunden sein.

 Beruhigungsmittel ( Benzodiazepine ) werden von Ärzten nur noch selten eingesetzt, da sie zwar schnell wirken, aber schon nach wenigen Wochen zu einem „Gewöhnungseffekt“ und somit zu einer Abhängigkeit führen können.

 

Bei einer psychotherapeutischen Behandlung wird der Patient zunächst über die Störung an sich genauer informiert. In einer Verhaltensanalyse werden das Auftreten und die Inhalte der Sorgen individuell erfasst. Im Mittelpunkt stehen folgende Fragen : In welchen Situationen und bei welchen Ereignissen treten Sorgen auf ? Um was oder um wen sorgt sich der Betroffene ? Welche Auswirkungen haben die Ängste und Sorgen : welche körperlichen Symptome treten auf, welche Situationen oder Dinge werden vermieden ?  Ergänzend wird die Lebens- und Krankheitsgeschichte genau erfasst.

 

Danach erlernen die Patienten meist ein Entspannungsverfahren ( z.B die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson ), um die erhöhte körperliche Anspannung, innere Unruhe und Nervosität zu reduzieren.

 

 In der kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen anschließend, wie dysfunktionale Gedanken und falsche Bewertungen zu Sorgen und Ängsten führen und wie sie diese ändern können.

 

 Ein weiterer therapeutischer Baustein ist die „Sorgenkonfrontation“. Der Ansatz hierzu ist, dass die Patienten ihre Sorgen nicht „zu Ende“ denken, sondern vielmehr gedankliche Sprünge zwischen verschiedenen Sorgen machen. In der Konfrontation wird eine Sorge oder Angstsituation bildlich vorgestellt,  konkret beschrieben und zu Ende gedacht,- also : was ist das Schlimmste, was passieren könnte, wie fühle ich mich dann, wie gehe ich damit um ?

Dadurch, dass die Patienten sich immer wieder mit ihren Befürchtungen konfrontieren, verlieren diese mit der Zeit ihre Bedrohlichkeit, es stellt sich eine Gewöhnung ein und die Angst reduziert sich.

 

Im Rahmen der Therapie können aber auch für jeden Patienten individuelle Strategien eingesetzt werden : z.B.  Selbstsicherheitstraining, Problemlösetraining, spezifische Behandlung von Schlafbeschwerden oder Familientherapie.