Geschwisterstreit: Kampf im Kinderzimmer

 

In Familien mit mehreren Kindern geht es nicht immer harmonisch zu. Aggressionen, Auseinandersetzungen, Rangeleien, Beleidigungen und sogar Handgreiflichkeiten zwischen den Geschwistern gehören zum Alltag.

Doch der ständige Streit nervt und verunsichert viele Eltern, denn Harmonie erscheint ihnen absolut notwendig für ein glückliches Familienleben.

Dabei wird leicht übersehen, dass Streit zwischen Geschwistern auch entwicklungsfördernd sein kann.

 

Die Familie ist der erste Platz im Leben, an dem Kinder lernen mit anderen Menschen umzugehen und mit ihnen auszukommen. Sie können im Streit miteinander viel erfahren : die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen und sich abzugrenzen, aber auch die Wünsche anderer zu respektieren, mit Niederlagen klar zu kommen und Kompromisse zu schließen.

Sie lernen mit unterschiedlichen Konflikten umzugehen und alternative Lösungen zu entwickeln.

Sie erleben, wie man einander verzeiht, sich entschuldigt und versöhnt. Alles Eigenschaften, die sie ihr Leben lang sehr gut gebrauchen können.

 

Je geringer der Altersunterschied zwischen den Geschwistern ist, desto heftiger wird gezankt.

Die „ Waffen“ sind dabei je nach Temperament und Persönlichkeit ganz unterschiedlich : Der eine setzt körperliche Macht ein, der andere seine sprachliche Überlegenheit oder List und Hinterhältigkeit.

 

Eltern sollten nur dann eingreifen, wenn die Wut der Kinder so groß geworden ist, dass sie sich durch Schlagen, Beißen oder Treten ernsthaft verletzen könnten, oder wenn die Eltern selbst davon betroffen sind, weil Geschirr oder andere Dinge zu Bruch gehen könnten.

Hier sollten die Kinder ohne lange Diskussion für einige Zeit räumlich getrennt werden. Wichtig ist dabei, dass keiner zum alleinigen „Sündenbock“ gemacht wird und später beide, wenn nötig , die Konsequenzen aus ihrer Auseinandersetzung zu spüren bekommen ( z. B. das „Schlachtfeld“ wieder aufräumen und zerstörte Dinge wieder reparieren oder ersetzen).

Antworten Sie auf die Anschuldigung „ der hat aber angefangen“ nur kurz mit dem Satz : „ und du hast mitgemacht !“

 

Oft steckt auch hinter dem Streit der unbewusste Versuch der Kinder herauszufinden, mit welcher Strategie sich die Aufmerksamkeit der Eltern erringen lässt.

Sie versuchen, die Eltern zum Schiedsrichter zu machen, um zu sehen, wessen Partei sie ergreifen.  Diese Rolle sollten Sie konsequent vermeiden, denn der genaue Hergang lässt sich nie genau rekonstruieren.

Besser als ein elterlicher „Schiedsspruch“ ist es Kindern zu helfen, selbst eine Lösung zu finden, wenn sich die Gemüter etwas beruhigt haben.

Die Frage : „ Was wollt ihr tun, damit es an diesem Punkt nicht immer wieder Streit gibt ? Was wollt ihr für die Zukunft miteinander vereinbaren ?“  hilft den Kinder, selbst Regeln für das Zusammenleben  zu entwickeln und  einen Weg zur Konfliktlösung zu finden.

 

Geschwister kämpfen ständig um die Zuneigung, Liebe und Anerkennung der Eltern. So entsteht eine gewisse Rivalität. Dieses „natürliche“ Verhalten sollten Eltern aber nicht noch durch Vergleiche der Kinder fördern. Jedes Kind hat ganz individuelle Stärken und positive Eigenschaften, für die es gelobt werden sollte. Konkurrenzkampf und Wettbewerb innerhalb der Familie zerstören das Selbstbewusstsein von Kindern und hemmen deren persönliche Entwicklung.

 

Geschwisterkonflikte können auch entstehen, wenn sich ein Elternteil – etwa weil er sich in der Beziehung zum Partner ungeliebt oder im Stich gelassen fühlt -  intensiv mit einem Kind verbündet. Diese exklusive Verbindung überfordert nicht nur das Kind, sondern vergiftet auch die Beziehung zu seinen Geschwistern.

Manchmal bilden sich richtige Koalitionen : Mutter und Sohn verbünden sich gegen Vater und Tochter – die Kinder fechten in diesen Fällen als Stellvertreter die Konflikte der Eltern aus. Hier kann oft nur eine professionelle Beratung Klärung und Hilfe bringen.

 

Oft lässt sich Streit aber auch schon im Vorfeld vermeiden. Im Tagesablauf jeder Familie gibt es kritische Zeiten. Etwa wenn die Kinder müde, hungrig, enttäuscht oder gereizt aus dem Kindergarten oder der Schule nach Hause kommen. Dann werden die Geschwister schnell zum Blitzableiter.  

Nehmen Sie sich in diesen Fällen ein paar Minuten Zeit für Ihr Kind, hören Sie ihm zu, trösten Sie es und sorgen Sie dafür, dass es erst einmal von seinen Geschwistern in Ruhe gelassen wird und sich etwas zurückziehen kann.

 

Manchmal ist auch Langeweile die Ursache für Streitereien. Gerade am Wochenende, wenn mehr Zeit und weniger Verpflichtungen da sind, geraten sich Kinder besonders häufig in die Haare.

Sorgen Sie dafür, dass die Streithähne nicht immer zusammen sind. Fördern Sie Einzelaktivitäten, Verabredungen mit Freunden und Hobbys. Abstand tut gut !

 

Nicht selten fühlen sich Kinder ungerecht behandelt. Klare Regeln, in denen festgelegt ist, welche Rechte und Pflichten jedes Kind hat, helfen Streit und Eifersucht zu vermeiden.

 „ Gerecht“  behandeln bedeutet nicht „gleich“ behandeln“ ! Altersentsprechend sollten schon deutliche Unterschiede bestehen , d.h. der Siebenjährige darf abends länger aufbleiben als sein fünfjähriger Bruder – er hat allerdings auch schon andere Aufgaben zu erledigen.

Der Grundsatz für die Eltern sollte lauten : Nicht alle bekommen das Gleiche, aber jedes Kind bekommt, was es braucht !

 

Besonders schwierig gestaltet sich oft die Familiensituation, wenn zur bisherigen „Kleinfamilie“ , bestehend aus Vater, Mutter und Kind , ein Baby hinzukommt.

Das ältere Kind muss den Schock erst einmal verkraften, dass es nicht mehr im Mittelpunkt steht und dass es die Aufmerksamkeit, die Zuneigung und die Zeit der Eltern mit dem Baby teilen muss.

Verständlich, dass es davon nicht unbedingt begeistert ist ! Manche Klein-und Vorschulkinder fallen dann wieder in ein „ Baby-Verhalten“ zurück, andere sind enttäuscht darüber, dass das Baby nur schreit und schläft und man mit ihm nicht spielen kann.

Teilweise zeigt sich die Eifersucht auch in einem aggressiven Verhalten. Viele Eltern sind entsetzt, wenn ihr älterer Sprössling sein Geschwisterchen beißt und kratzt oder den Vorschlag macht, das Baby in die Mülltonne zu entsorgen.

Da heißt es Ruhe bewahren und nicht mit Strafen zu reagieren ! Die Gefahr ist groß, dass das Kind seine Wut sonst heimlich am Baby auslässt , wenn die beiden alleine sind.

Zeigen Sie besser Verständnis für das ältere Kind und helfen Sie ihm seine Gefühle zu äußern und abzureagieren. Meist entspannt es die Lage schon, wenn ein Elternteil mit dem Kind etwas allein unternimmt und ihm wieder einmal ungeteilte Zuwendung und Aufmerksamkeit schenkt.  

 

Kinder sind unser Spiegelbild ! Genervte Eltern sollten also durchaus auch einmal einen „ Blick in den Spiegel“ werfen und sich ehrlich fragen, wie sie denn selbst mit Konflikten und Streit umgehen. Denn Kinder lernen vor allem in ihren ersten Lebensjahren am meisten durch das Vorbild der Eltern.

Die Eltern wiederum verhalten sich unbewusst oft so, wie sie es in ihrer eigenen Kindheit erlernt haben.

Machen Sie sich auch darüber einmal Gedanken : Wie wurde in Ihrer Herkunftsfamilie gestritten, wie wurden Konflikte gelöst ? Haben die Eltern immer ein „Machtwort“ gesprochen oder wurde gemeinsam nach Lösungen gesucht ?

 

Kann es sein, dass die Geschwister soviel streiten, weil man selbst ( unbewusst ) ein „Lieblingskind“ hat, oder weil ein Kind momentan in einer schwierigen Entwicklungsphase ist und damit ständig zum Sündenbock wird ?

 

Geschwisterliebe kann nicht vorausgesetzt und erzwungen werden – sie entwickelt sich langsam. Die Streitereien werden mit den Jahren meist weniger und es bleibt eine lebenslange Vertrautheit, die gemeinsam „ erkämpft“ wurde.

Wenn sich die Geschwister dann später miteinander gegen die elterliche Autorität verbünden ,-  z.B.  was Ausgehzeiten oder Höhe des Taschengeldes anbelangt, hat sich der frühere Zoff im Kinderzimmer gelohnt !