Gesundheitsangst

              Die Angst vor Krankheit  ( Hypochondrie ) 

Sicherlich hat jeder Mensch Angst davor, ernsthaft krank zu werden. Bei Menschen, die an Hypochondrie leiden, ist diese Angst jedoch extrem ausgeprägt und sie sind der  Überzeugung krank zu sein, auch wenn ihnen von ärztlicher Seite versichert wird, dass alles in Ordnung ist.

Leider ist der Begriff „Hypochondrie"  in der Umgangssprache sehr negativ belegt und die Betroffenen werden schnell als Simulanten oder als „eingebildete Kranke", wie in der Komödie von Moliere, bezeichnet.

Die Betroffenen aber simulieren nicht. Die Symptome, die sie beklagen, sind meistens tatsächlich vorhanden - nur die Rückschlüsse, die sie aus diesen Symptomen ziehen, sind falsch ! Daher wird inzwischen immer häufiger der Begriff „Gesundheitsangst" verwendet. Dabei ist der medizinische Fachbegriff „ Hypochondrie" nicht abwertend, sondern bedeutet richtig übersetzt : eine übertriebene Angst vor Krankheit.

 

Die Hypochondrie gehört zu den psychosomatischen, bzw. somatoformen Störungen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Körper ( = Soma) und  Seele ( = Psyche ) besteht.

Diese Erkrankung tritt bei Männern und Frauen gleich häufig auf. Einer Studie der Universität Mainz zufolge, leiden in Deutschland rund  6 Millionen Menschen an einer extremen und behandlungsbedürftigen Gesundheitsangst. Andere Studien sprechen von einer weitaus höheren Anzahl von Erkrankten. Durchschnittlich dauert es 7 Jahre, bis Betroffene nach unzähligen Arztbesuchen die richtige Diagnose einer Hypochondrie erhalten. Viele Menschen aber, leben ein Leben lang mit dieser Störung, ohne dass sie psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und somit auch nirgends zahlenmäßig erfasst werden.  

 

Unerklärliche Schmerzen oder ungewöhnliche Signale unseres Körpers machen uns manchmal darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt. Wenn diese Beschwerden bestehen bleiben, suchen wir normalerweise einen Arzt auf, um die Symptome abzuklären. Stellt der Arzt dann eine Diagnose, werden wir behandelt - findet er nichts, sind wir erleichtert , die Beschwerden verschwinden meist von selbst und das Ganze ist schnell wieder vergessen.

 

Bei Hypochondern ist das anders. Die Angst und die Überzeugung krank zu sein, bleiben bestehen. Die Gedanken der Betroffenen kreisen nur um die Themen „Krankheit" bzw. „Gesundheit".

Sie beobachten ihren Körper ständig und exzessiv, achten extrem selbst auf kleinste Veränderungen und neigen dazu, völlig normale körperliche Reaktionen als Anzeichen für eine schlimme Krankheit zu interpretieren. So werden Kopfschmerzen schnell als Symptom für einen Gehirntumor gesehen, eine harmlose Hautirritation wird zum Hautkrebs oder ein erhöhter Puls als Anzeichen eines drohendes Herzinfarktes gedeutet.

 

Die Betroffenen befinden sich jedoch in einem regelrechten Teufelskreis. Die Angst um die Gesundheit  steigert das körperliche Erregungsniveau, wodurch die scheinbaren Symptome zunehmen. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich noch stärker auf den Körper und immer mehr körperliche Veränderungen werden plötzlich bemerkt und als eine Bestätigung für eine Erkrankung  gesehen.

 

Zudem schonen sich viele Hypochonder  aus Sorge um ihre Gesundheit. Dadurch vermindert sich jedoch ihre körperliche Belastbarkeit, sowie ihre Kondition und sie reagieren selbst bei kleinsten Anforderungen mit körperlichen Beschwerden. So wird zum Beispiel ein untrainierter Mensch bei körperlicher Anstrengung schneller „aus der Puste kommen", als ein aktiver Sportler. Für einen Hypochonder würde dies aber bedeuten, sich noch mehr zu schonen, da er diese körperlichen Reaktionen nicht als „normal" ansieht, sondern als Anzeichen für eine bedrohliche Herz- oder Lungenerkrankung.

 

Ein weiterer Faktor, der die Erkrankung aufrecht erhält, sind die ständigen und häufigen Arztbesuche ( „doctor hopping" ). Wenn ein Hypochonder wegen seiner Beschwerden einen Arzt aufsucht und dieser keine organische Erkrankung bei ihm feststellen kann, sucht der Betroffene eben den nächsten Mediziner auf, da er der Versicherung der Ärzte „ gesund zu sein" keinen Glauben schenkt. Er glaubt eher, nicht sorgfältig genug untersucht worden zu sein, dass der Arzt nicht erfahren oder kompetent genug war, dass er an einer noch unbekannten Krankheit leidet oder dass sich der Arzt scheut, ihm eine schlimme Diagnose „ins Gesicht" zu sagen.

 

Der Alltag eines Hypochonders ist von Angst geprägt. Er denkt ständig über Krankheit nach und beschäftigt sich intensiv mit seiner Gesundheit. In den Medien sammelt er alles, was er nur an Informationen über Erkrankungen bekommen kann, bis hin zu einschlägiger Fachliteratur.

 

Die vielen Arztbesuche, die überflüssigen Mehrfach -Untersuchungen und schlimmstenfalls unnötige Operationen belasten nicht nur den Betroffenen, sondern verursachen im Gesundheitssystem enorme Kosten. Sicherlich ist es nie von Schaden, sich in manchen Fällen eine zweite oder dritte Expertenmeinung einzuholen, eine fünfte oder sechste ist jedoch meistens überflüssig.

 

Häufig wird die Grundlage für eine spätere hypochondrische Erkrankung schon in der Kindheit gelegt, wenn das Thema Krankheit in der Familie eine zentrale Rolle spielte. Oft hatten die Eltern selbst eine erhöhte Angst vor Krankheiten und reagierten überbesorgt, wenn jemand in der Familie erkrankt war. Manchmal wurde auch ein Familienmitglied schwer krank, bzw. starb an einer schweren Erkrankung. Solche Erlebnisse können Kinder oft nicht richtig einordnen und verarbeiten.

Oft berichten hypochondrische Menschen, dass sie vor dem Einsetzen der Hypochondrie vermehrt unter Stress standen,  dass einschneidende Veränderungen in ihrem Leben eingetreten sind oder dass in ihrem Umfeld jemand schwer erkrankt ist.

 

Psychoanalytiker gehen davon aus, dass Hypochondrie durch innere Konflikte entsteht, die durch Schuldgefühle oder Angst verursacht werden. Der Betroffene verdrängt aber diese Konflikte und die Aufmerksamkeit wird auf körperliche Beschwerden umgeleitet. Eine Auseinandersetzung mit den eigentlichen seelischen Problemen findet aber nicht statt.

Die eigentliche Ursache einer Gesundheitsangst ist deshalb eher in der Psyche als im Körper zu finden und sollte auch dementsprechend behandelt werden.

 

In der Psychotherapie lernen die Betroffenen mit ihrem Leiden umzugehen. Dabei können zum Beispiel Entspannungsverfahren ( Autogenes Training, Muskelrelaxation nach Jacobson) eine Hilfe sein.

In der Verhaltenstherapie führen Hypochonder Protokoll über ihre körperlichen Beschwerden. Häufig wird dadurch der Zusammenhang zwischen Stress und körperlichem Befinden deutlich und die Betroffenen erkennen, welche Situationen  ( z. B. Konflikte in der Familie, Probleme am Arbeitsplatz , usw. ) ihre körperlichen Beschwerden auslösen oder verstärken.

Sie erfahren dann auch anhand eines Erklärungsmodells, wie ihre ängstliche Selbstbeobachtung die Symptomatik steigert.

Die Kognitive Verhaltenstherapie beschäftigt sich auch mit der Neigung der Hypochonder, Ereignisse eher negativ wahrzunehmen, und versucht ihnen zu helfen, realistische und positivere Denkmuster  zu entwickeln.

Mitunter kann auch eine zusätzliche Therapie mit Antidepressiva sinnvoll sein, wenn die Betroffenen große Ängste empfinden und sich aufgrund der Hypochondrie eine depressive Störung entwickelt hat.

 

Viele Hypochonder sind sich ihres übertriebenen und irrationalen Verhaltens durchaus bewusst, kontrollieren können sie es jedoch nicht. Dies führt oft zu zwanghaften Verhaltensweisen,- sie messen mehrmals täglich ihren Blutdruck oder  untersuchen ihren Körper nach Veränderungen, usw.  So wie ein Zwangskranker mehrmals nachprüft, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist, so kontrolliert ein Hypochonder seine Gesundheit.

 

 Das Leben mit einem Hypochonder wirft für die Familie viele Probleme auf. Das ständige Klagen über körperliche Beschwerden, die übertriebene Sorge um die Gesundheit und die zwanghaften Verhaltensweisen, stellen die Geduld von Freunden und Verwandten auf eine harte Probe. Für sie ist es schwierig, das  richtige Maß an Zuwendung und Abgrenzung zu finden.

Viele Hypochonder geraten mehr und mehr in eine soziale Isolation, weil ihnen keiner mehr zuhören will und sich ihre Mitmenschen genervt zurückziehen.

Daher  sollten die Angehörigen dem Betroffenen signalisieren, dass sie seine Probleme ernst nehmen und die Beschwerden nicht einfach als Einbildung abtun.

Eines sollten Freunde und Angehörige jedoch nicht tun : das Verhalten des Hypochonders noch verstärken!  Dies bedeutet, ihn nicht auf der Suche nach weiteren Ärzten zu unterstützen, ihn  nicht vor körperlichen Belastungen zu schonen oder ihm noch mehr Informationen, bezüglich seiner vermeintlichen Erkrankung, zukommen lassen.

Gleichzeitig können Angehörige und Freunde dem Betroffenen vorschlagen, als Alternative zu einem weiteren Arztbesuch, ein Gespräch mit einem Psychologen oder Psychotherapeuten in Erwägung zu ziehen, ihn dazu ermutigen und ihn eventuell begleiten.

 

Die Gesundheitsangst  ist keine körperliche, aber eine seelische Erkrankung, die die Lebensqualität der Betroffenen massiv einschränkt !