Jugendliche und Alkoholmissbrauch: Trinken bis zum Umfallen

      

 

 

In den letzten Jahren hat der Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen eine alarmierende Entwicklung angenommen:  Es wird immer häufiger und immer mehr zu viel Alkohol getrunken. Besonders erschreckend ist zudem, dass die Konsumenten immer jünger werden.

Bei einer Umfrage gaben 25 %  in der Altersgruppe von 12 – 14 an, mindestens einmal pro Woche Alkohol zu trinken und bei ihrem ersten Vollrausch war fast die Hälfte der Jugendlichen noch keine 16 Jahre alt.

 

Nun gehören Erfahrungen mit Alkohol schon seit  Generationen zum Erwachsenwerden dazu.

 Und doch hat sich vieles verändert: Das erste Glas Sekt wird nicht mehr bei einer Familienfeier getrunken, sondern auf dem Spielplatz mit Freunden und meist wird schon bald zu hochprozentigen Spirituosen gegriffen.

Die so genannten „Alkopops“ stehen vor allem bei jungen Konsumenten  und Mädchen hoch im Kurs. Hierbei handelt es sich um 0,3 Liter Fläschchen, gefüllt mit einem Mix aus Limonade und Wodka oder Rum. Aromastoffe und ein hoher Zuckeranteil sorgen dafür, dass der bittere oder scharfe Geschmack des Alkohols überdeckt wird, so dass Kinder glauben, diese Getränke wie Limonade trinken zu können. Häufig ist in so einer kleinen Flasche jedoch soviel Alkohol enthalten, wie in einem doppelten Schnaps! In letzter Zeit ist allerdings ein leichter Rückgang bei diesen Getränken zu verzeichnen, was sicherlich an einer eingeführten Sondersteuer liegt, die zu einem Preisanstieg geführt hat. Für Jugendliche ist dies allerdings kein Hindernis: Viele mischen sich ihre „Drinks“ jetzt eben selbst und Schnaps ist in vielen Discountern billig genug.

 

 Aber nicht nur die Getränkeindustrie ist mit für diese unheilvolle Entwicklung verantwortlich. Auch manche Gastwirte und Diskothekenbesitzer kurbeln ihren Umsatz schon mal mit besonderen „Angeboten“ an. Auf „Flatrate- Partys“ können Jugendliche für einen bestimmten Eintrittspreis so viel trinken wie sie wollen und das bis zum Vollrausch.

 

Verändert hat sich auch die Art und Weise, sich zu betrinken. Geschah dies früher eher „zufällig“ bei einem Fest, da man die Wirkung des Alkohols falsch eingeschätzt hat, treffen  Jugendliche sich heute, um sich vorsätzlich zu betrinken – oft bis zur Bewusstlosigkeit. Bei diesem „Kampftrinken“, „ Binge-Drinking“ oder „Koma-Saufen“ wird eine große Menge Alkohol in sehr kurzer Zeit konsumiert. Dabei steigt der Blutalkoholgehalt enorm an und es kommt sehr schnell zu einer Alkoholvergiftung, da das natürliche Abwehrsystem des Körpers ( z. B. Ekel, Erbrechen ), durch den schnellen Konsum ausgeschaltet wird.

 Die tödliche Gefahr wird von Jugendlichen dabei meist unterschätzt. Der Blutzuckerspiegel sinkt und eine lebensgefährliche Unterzuckerung kann die Folge sein.

 Lebenswichtige Reflexe werden ausgeschaltet, da der Alkohol direkt im Zentralnervensystem wirkt, d.h. wenn der Betrunkene erbricht , kann er daran ersticken, da der Hustenreflex nicht funktioniert. Es kann zu epileptischen Anfällen, zu Kreislaufzusammenbrüchen, Atemstillstand und  lebensgefährlichen Auskühlungen kommen.

 

 Die traurige Bilanz im Jahr 2008:  rund 19.500  Kinder und Jugendliche mussten mit akuter Alkoholvergiftung in deutsche Kliniken eingeliefert werden ! Einige haben lebenslange Behinderungen davongetragen, liegen im Koma oder sind sogar gestorben.

 

Übermäßiger Alkoholkonsum bringt für  Jugendliche natürlich nicht nur gesundheitliche Schäden mit sich. Das Risiko im Straßenverkehr steigt, vor allem, wenn sie mit dem eigenen Fahrzeug ( Moped oder Auto ) unterwegs sind, aber auch, wenn sie bei betrunkenen Freunden mitfahren.

 Vor allem männliche Jugendliche reagieren unter Alkoholeinfluss oft extrem aggressiv, was sich nicht selten in Prügeleien, Zerstörungswut und Vandalismus äußert und viele geraten so schon früh mit dem Gesetz in Konflikt.

 Betrunkene Mädchen werden leicht Opfer sexueller Gewalt, die daraus resultierenden psychischen Schäden bleiben oft ein Leben lang.

 

Bei alledem stellt sich natürlich auch die Frage, warum manche Jugendliche so viel und so häufig Alkohol trinken. Für die meisten gehört Alkohol ganz automatisch zur Welt der Erwachsenen. Von klein auf waren sie in vielen Situationen dabei, in denen ganz selbstverständlich Wein oder Bier getrunken wurde : auf Familienfesten, beim Essen, bei Sportveranstaltungen und Kirchweihbesuchen.

 Alkohol trinken ist „normal“ – und was normal ist, wird auch nicht groß in Frage gestellt, d.h. Alkohol als „Eintrittskarte“ in die Welt der Erwachsenen. Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund.

 Viele Jugendliche haben Angst im Freundeskreis nicht akzeptiert zu werden, wenn sie Alkohol ablehnen und die enthemmende Wirkung erleichtert die Kontaktaufnahme zu anderen, vor allem zum anderen Geschlecht.

 Die meisten Heranwachsenden wirken nach außen hin ziemlich „cool“, sind aber noch sehr unsicher und längst nicht so selbstbewusst wie es scheint. Sie haben mit vielen Problemen zu kämpfen, die typisch sind für das Alter zwischen 13 und 18:  Ärger und Streit mit den Eltern, Leistungsdruck in der Schule, Liebeskummer, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt und manchmal auch Langeweile, weil ihnen Dinge, die früher Spaß machten, nun plötzlich uninteressant sind. Auch dafür scheint Alkohol eine „Lösung“ zu bieten.

 

Kommen Kinder in die Pubertät, ist es völlig normal, dass sie ihre Grenzen austesten und auch manchmal überschreiten. Selbstschädigendes Verhalten ist oft ein Hinweis darauf, dass Heranwachsende ihre Eltern auf sich aufmerksam machen möchten, da sie deren Hilfe brauchen, bzw. nach Grenzen suchen, an denen sie sich orientieren können. Häufig ist dies auch eine Art des Protestes und der Auflehnung gegen die Eltern und die Gesellschaft. Schon immer hat die Jugend durch Verhaltensweisen, Kleidung, Musikgeschmack usw. die Erwachsenen provoziert und oft auch schockiert.

 Doch dies gelingt heute gar nicht mehr so leicht : Mütter tragen die selbe Mode wie ihre Töchter, Väter hören die gleiche Musik wie ihre Söhne – viele Eltern bezeichnen sich selbst als „beste Freunde“ ihrer Kinder. Somit müssen sich die Heranwachsenden schon etwas Besonderes einfallen lassen, wenn sie sich noch von den Erwachsenen abgrenzen wollen und häufig geschieht dies dann durch ein besonders extremes Verhalten.

 

 

Im Umgang mit ihrem Kind, ist es für die meisten Eltern beim Thema Alkohol nicht leicht, die richtige Balance zu finden zwischen überreagieren und den Alkohol „verteufeln“ auf der einen und alles verharmlosen und „durchgehen“ lassen auf der anderen Seite.

Was können Sie als Eltern überhaupt tun, um solche Exzesse zu vermeiden? Ein echtes Patentrezept gibt es leider nicht und vermutlich können Sie nicht verhindern, dass Ihr Sprössling selbst seine Erfahrungen mit Alkohol macht.

Aber, wie in vielen anderen Dingen auch, dienen Eltern ihren Kindern als Vorbild, auch wenn diese das nie zugeben würden. Für Sie bedeutet das, dass Sie ihre eigenen Trinkgewohnheiten durchaus auch einmal kritisch hinterfragen sollten.

 Das heißt nicht, dass Sie gänzlich auf Alkohol verzichten müssen, um ein gutes Vorbild zu sein, aber es ist schon ein Unterschied, ob Alkoholkonsum ein fester Bestandteil des Alltags ist, oder ob jemand nur zu bestimmten Gelegenheiten etwas trinkt.

 

Ansonsten sollten Sie klare Regeln für Ihre Kinder festsetzen, was deren Alkoholkonsum anbelangt.

 Unter 14 ist Alkohol gänzlich tabu – und da sollten Sie sich auch auf keinerlei Diskussionen mit Ihrem Nachwuchs einlassen! Ansonsten sollten die Regeln dem Alter des Kindes angemessen sein. Ein komplettes Alkoholverbot ist nicht sinnvoll, da es vermutlich sowieso nicht eingehalten wird und Verbote eher Trotzreaktionen hervorrufen.

 Besprechen Sie unbedingt, welche Sanktionen bei Regelverletzungen drohen. Dabei sollten Sie sehr konsequent sein und die angedrohten Sanktionen auch wirklich umsetzen. Loben Sie Ihr Kind aber auch, wenn es sich an die vereinbarten Regeln hält!

 

 Plant Ihr Nachwuchs eine Party bei Ihnen zuhause, kontrollieren Sie, was an alkoholischen Getränken eingekauft wird und vor allem auch, was die Gäste alles so mitbringen. Scheuen Sie sich nicht, was zu viel ist oder Hochprozentiges zu konfiszieren!

 Orientierungshilfe, was erlaubt ist und was nicht, bietet das Jugendschutzgesetz : Informationen gibt es dazu bei den Jugendämtern und im Internet :  www.bundesrecht.juris.de/juschg/ .

 

Reden Sie mit Ihrem Kind und seinen Freunden darüber, dass sie niemals betrunkene Freunde allein liegen lassen dürfen, da dies lebensgefährlich sein könnte und dass sie keine Angst haben sollten, andere Erwachsene um Hilfe zu bitten oder die Eltern anzurufen.

Falls Ihr Kind Teil einer sehr trinkfreudigen Clique ist, ist es sicherlich auch keine schlechte Idee, Kontakt mit den anderen Eltern aufzunehmen, sich auszutauschen und gemeinsam über mögliche  Gegenmaßnahmen zu beratschlagen.

 

Sollte es dann doch passieren, dass Ihr Kind betrunken nach Hause kommt, bewahren Sie erst einmal Ruhe und sprechen Sie am nächsten Tag darüber.

Wenn Ihr Nachwuchs nicht nur angeheitert, sondern stark betrunken ist , sollten Sie als Erste-Hilfe-Maßnahme unbedingt seinen Zustand überwachen, ihn flach hinlegen ( ohne Kopfkissen )  und ein zuckerhaltiges Getränk einflößen, um eine Unterzuckerung zu vermeiden.

 Sollten aber Hinweise auf eine Alkoholvergiftung bestehen, d.h. das Kind ist  nicht ansprechbar oder ohnmächtig, muss sofort der Notarzt gerufen werden.

 

 Übernehmen Sie nie die unangenehmen Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums: Wischen Sie Erbrochenes nicht weg, reinigen Sie nicht die beschmutzte Kleidung und schreiben Sie keine Entschuldigung für ein Fehlen in der Schule! Dies muss Ihr Nachwuchs selbst tun, wenn er wieder nüchtern ist – und das kann für den Betreffenden ziemlich peinlich sein !

 

Solange dieser Rausch ein Ausnahmefall war, sollten Sie die Sache nicht überbewerten, aber dennoch im Auge behalten. Passiert dies allerdings mehrmals, sollten Sie sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen:  diese finden Sie bei Familien - und Erziehungsberatungsstellen, Drogenberatungsstellen und  (Schul -) Psychologen.

 

Dieses Thema kann aber nicht nur Sache der Eltern sein. Alle Erwachsenen, d.h. Gastwirte, Verkäufer, Jugendtrainer in Sportvereinen, Lehrer und Ausbilder sollten sich Ihrer Verantwortung bewusst sein und die Eltern in ihrer Erziehungsarbeit unterstützen!

 Denn die Jugendlichen von heute sind die Gesellschaft von morgen!