Medikamentenabhängigkeit: Die leise Sucht

           

 

Medikamente helfen und sind oft sogar lebensnotwendig.  Aus diesem Grund konsumiert jeder Deutsche im Durchschnitt rund 1200 Tabletten, Kapseln oder Dragees pro Jahr. Die meisten  Präparate haben aber auch Nebenwirkungen – und bei einigen heißen diese : Sucht und Abhängigkeit.

 

Das Bundesministerium für Gesundheit geht derzeit von mindestens 1,9 Millionen Menschen in Deutschland aus, die tablettensüchtig sind. Die Dunkelziffer dürfte um  ein vielfaches höher liegen, da hierbei nur die ärztlich verordneten Präparate erfasst sind.

Zahlreiche Medikamente gibt es aber auch rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen. Seit das Arzneimittelbudget limitiert ist, steigt der Trend zur Selbstmedikation. Doch nicht alles, was es rezeptfrei zu kaufen gibt, ist harmlos.

 

Die Abhängigkeit von Medikamenten ist eine diskrete, gesellschaftlich unauffällige Sucht. Es erwischt Hausfrauen und Rentner, Manager und Arbeitslose, Prominente und Jedermann.

Der Übergang vom normalen Gebrauch eines Arzneimittels  zur Sucht verläuft meist schleichend und wird von dem Betroffenen selbst und seiner Umgebung oft lange Zeit gar nicht wahrgenommen. Anfangs gibt es die „Droge“ ja auch nicht selten auf Rezept und wenn die Medikamente dann die Beschwerden lindern, wird die Einnahme fortgesetzt, ohne zu hinterfragen, ob dies wirklich notwendig und vor allem auch sinnvoll ist.

Was viele Patienten dabei nicht wissen, ist, dass sich eine Medikamentenabhängigkeit  bei einigen Präparaten schon nach vier bis sechs Wochen einstellen kann. Das erste Zeichen einer Suchtentwicklung ist häufig ein Wirkungsverlust : um den gleichen Effekt zu erzielen, ist eine immer höhere Dosis notwendig.

 

Fünf Prozent aller Arzneistoffe haben ein Sucht – und Abhängigkeitspotential.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren nennt dazu folgende Medikamentengruppen :

·         Schmerzmittel

·         Schlaf – und Beruhigungsmittel  ( Benzodiazepine )

·         Aufputschmittel und Appetitzügler  ( Amphetamine )

·         Hustenmittel   ( mit Codein )

 

Von den zentral wirkenden Schmerzmitteln, den so genannten Analgetika, sind die bekanntesten die Morphine. Diese machen sehr schnell abhängig, sind daher nur auf Rezept erhältlich und müssen vom Arzt genau dosiert werden. Erhöht der Patient jedoch selbst die Dosis oder wechselt mehrmals den Arzt, um immer wieder neue Rezepte zu bekommen, tritt eine Suchtentwicklung ein.

 

Bei den schwach wirkenden, oft frei verkäuflichen Schmerzmitteln, sind es nicht die schmerzstillenden Substanzen selbst, die eine Gefahr bedeuten, sondern Zusatzstoffe wie Coffein, die zu einem Psycho-Kick führen und zum vermehrten Verbrauch verleiten.

Riesenberge davon konsumieren die Deutschen gegen die Volkskrankheit Nummer eins : Kopfschmerz. Diese Kombinationspräparate haben neben der schmerzstillenden Wirkung auch einen belebenden und stimulierenden Effekt, der manchmal den Alltag leichter macht – man fühlt sich fitter und leistungsfähiger. Wer an mehr als zehn Tagen im Monat solche Medikamente einnimmt, gilt bereits als suchtgefährdet.

 Werden koffeinhaltige Medikamente abgesetzt, treten als Entzugssymptome , meist zeitverzögert, Kopfschmerzen auf. Diese Schmerzen werden dann aber von den Betroffenen meist nicht als Entzugssymptome gewertet, sondern als Grund genommen, den Schmerzmittelkonsum mit erhöhter Dosierung fortzusetzen.

 

Hustenmittel, die Codein enthalten, dürfen auch nur über einen begrenzten Zeitraum eingenommen werden. Codein ist ein Opioid und wird im Körper individuell unterschiedlich in Morphin  umgewandelt. Aus diesem Grund wird Codein auch als Heroinersatzstoff eingenommen.

 

Aufputschmittel  ( Psychostimulantien ) sind Präparate, die Amphetamine enthalten.

Diese Medikamente werden eingenommen, um Konzentration und Leistungsfähigkeit zu steigern, das Schlafbedürfnis zu unterdrücken und Wohlgefühl bis hin zur Euphorie zu erzeugen.

Da sie zudem das Hungergefühl unterdrücken, werden sie auch als Appetitzügler missbraucht. Nachdem anfangs meist Sportler und Menschen, die im Beruf Höchstleistungen erbringen müssen oder wollen, sich mit diesen Präparaten „gedopt“ haben, greifen in letzter Zeit immer mehr Schüler, Studenten und extrem schlankheitsbewusste junge Frauen ( oft mit Essstörungen ) dazu. Bei chronischem Missbrauch kommt es jedoch zu Gereiztheit, depressiven Verstimmungen, Herzbeschwerden, Schlafstörungen und Lungenhochdruck (!).

 

Die am häufigsten verschriebenen Beruhigungs- und Schlafmittel enthalten als Wirkstoff Benzodiazepine. Etwa 1,1 Millionen Deutsche sind abhängig von Medikamenten dieses Typs.

Benzodiazepine ( z.B. Valium, Librium, Adumbran, Tavor, Diazepam usw. ) sind so genannte Psychopharmaka, die  im Gehirn das Befinden und die Stimmungslage beeinflussen, indem sie die Erregbarkeit der Nervenzellen hemmen. Sie wirken insgesamt beruhigend, erregungs-und aggressionsdämpfend, entspannend, angstlösend und schlafanstoßend.

Entsprechend vielfältig sind die Anwendungsgebiete und die Beschwerden, bei denen sie verordnet werden :  Angststörungen, psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Beruhigung vor Narkosen oder diagnostischen Eingriffen ( z.B. Magenspiegelung ), oder schwere Erregungszustände ( z.B. akuter Herzinfarkt ).

Um den Teufelskreis der Abhängigkeit zu vermeiden, sollten Benzodiazepine stets nur für kurze Zeit, am besten nicht länger als drei bis vier Wochen, angewendet werden. Oft werden diese Medikamente jedoch wesentlich länger eingenommen und auch bei normalen Befindlichkeitsstörungen, wie Nervosität, Überlastung und Erschöpfung verordnet.

Die typischen Nebenwirkungen dieser Präparate hängen mit der zentralen Dämpfung des Gehirns zusammen : Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel und eine Einschränkung des Denkvermögens sind daher häufig. Viele Unfälle im Straßenverkehr oder im Haushalt, sowie Stürze und Verwirrtheit bei älteren Menschen sind manchmal auf die missbräuchliche Anwendung dieser Medikamente zurückzuführen.

Von Benzodiazepinen kann man sowohl seelisch als auch körperlich abhängig werden. Zum einen lösen diese Medikamente nicht die Ursache der Beschwerden , zum Beispiel der inneren Unruhe, der Angst, der Schlafstörung oder der Überlastung, die oft Symptome einer tiefer liegenden psychischen Störung sind. Sie überdecken die Probleme lediglich und schirmen den Patienten von negativen Gefühlen und seinem Alltag ab. So entsteht eine seelische Abhängigkeit von diesem Schutz gegen die Realität, die dazu zwingt, den Wirkstoff  immer weiter einzunehmen.

 

Zum anderen sorgt der sogenannte „Rebound-Effekt“ dafür, dass auch eine körperliche Abhängigkeit entstehen kann. Werden Benzodiazepine längere Zeit  eingenommen, kommt es bei einem Entzug und plötzlichem Absetzen vermehrt zu Angstzuständen, depressiven Verstimmungen, Schlaflosigkeit, Alpträumen, Übelkeit, Zittern und Schwindel. Diese Entzugssymptome sorgen dafür, dass die Patienten vermehrt zu dem Wirkstoff greifen.

 

Von Schlaf – und Beruhigungsmitteln sind wesentlich mehr Frauen als Männer abhängig. Vor allem Frauen über fünfzig sind stark vertreten, während Männer bei Angstzuständen und Schlafstörungen eher versuchen, sich mit Alkohol zu „therapieren“.

 

Wie Drogen – oder Alkoholsucht führt die Abhängigkeit von Medikamenten langfristig zu einem psychischen wie physischen Verfall.

 Neben einer verminderten Leistungsfähigkeit, einer Einschränkung von sozialen Interessen und Beziehungsproblemen, kommt es auch zu Organschäden und Gefäßveränderungen.

Auf Grund ihrer Medikamentenabhängigkeit simulieren die Betroffenen Krankheitszeichen, sie wechseln häufig den Arzt, rufen nachts und am Wochenende oft den Notdienst und versuchen Dritte dazu zu überreden, ihnen Rezepte zu beschaffen. Gelingt ihnen das irgendwann nicht mehr, versuchen manche Abhängige  sich ihre „Droge“ auf dem Schwarzmarkt zu besorgen oder werden sogar straffällig, indem sie Rezepte fälschen.  

 

Die Therapie ist abhängig vom Medikamententyp. Während einige Medikamente auf einen Schlag abgesetzt werden sollten, dürfen andere nur langsam reduziert werden

 ( Vorsicht :  Entzugsdelir oder Entzugspsychose ! ). Bei einem massiven Entzug empfiehlt sich daher manchmal sogar eine stationäre Therapie.

 

Zudem benötigen die Betroffenen oft eine Psychotherapie, in der sie lernen, den Griff zur Pille zu vermeiden. Dazu ist es nötig, die eigentlichen Ursachen für die Probleme zu finden und Bewältigungsstrategien für den Alltag herauszuarbeiten. Dafür steht eine Vielzahl von psychotherapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung : Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, Gesprächstherapie oder Familien- und Paartherapie.

 

Die Tatsache, dass die Medikamentenabhängigkeit in den letzten Jahren stark gestiegen ist, hat sicherlich vielerlei Gründe. Zum einen sind die Ansprüche gewachsen, was einen Sofort-Therapieeffekt anbelangt. Jede noch so geringe Störung im Befinden muss sofort verschwinden und zwar möglichst ohne eigenes Zutun, wie Änderung in der Lebensführung, Abbau von Stress  usw.

Die Arzneimittelwerbung in Zeitschriften und im Fernsehen wird psychologisch raffiniert dargeboten und suggeriert schnell konsumierbare Gesundheit, medikamentös erreichbare Fitness und Wellness.

Zum anderen müssen viele Menschen in Zeiten sozialer Vereinsamung  mit einschneidenden Lebensereignissen  ( Tod des Partners oder eines Angehörigen, Trennungen, Arbeitslosigkeit, Krankheit ) ohne die Unterstützung von Familie, Freunden oder Nachbarn, fertig werden.

 

Tabletten sind der Ersatz für Gespräche und oft die einzige „Hilfe“, die jemand in einer seelisch belastenden Situation bekommt.