Midlife – Crisis

 

Kaum eine Woche vergeht, in der wir nicht durch die Boulevardpresse ausführlich darüber unterrichtet werden, dass wieder ein Promi seiner Midlife-Crisis zum Opfer gefallen ist.

Mit Schmunzeln, Schadenfreude oder Unverständnis nehmen wir zur  Kenntnis, wie jemand aus seinem Leben ausbricht und dabei ziemlich rücksichtslos agiert. Das kann man als harmlose Spinnerei abtun, aber Tatsache ist, dass die Anzahl der Suizidversuche ab 45 drastisch steigt, dass in diesen Jahren die Medikamentenabhängigkeit am höchsten ist und jeder zehnte an einer Depression erkrankt.

 

Während der Kindheit, der Pubertät und auch im Erwachsenenalter absolviert jeder Mensch Entwicklungsstufen und Lebenskrisen in Form von biologischen, psychischen und geistigen Veränderungen.

Ohne sie könnte unsere Persönlichkeit nicht reifen.

Auch bei der Midlife-Crisis, die ungefähr zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr einsetzt, handelt es sich um einen natürlichen und notwendigen Vorgang. Wie intensiv diese Phase erlebt wird und wie lange sie dauert ist allerdings individuell sehr verschieden. 

 

Ab Mitte vierzig fragen sich viele Menschen : „ War das jetzt schon alles ? Soll mein Leben so weitergehen ? Eigentlich ist alles in Ordnung, aber richtig zufrieden bin ich nicht !“.

Viele empfinden ihr Leben wie in einem Gefängnis. Zwar hat man sich dieses Gefängnis durch die Alltagsroutine und allzu viele Gewohnheiten selbst geschaffen und lebt objektiv gesehen gar nicht so schlecht darin, aber man fühlt sich doch manchmal eingeengt und eingesperrt.

Es werden Schuldige gesucht, und oft müssen der Partner oder andere Familienmitglieder dafür herhalten.

Manch einer schmeißt seinen Job hin, trennt sich von langjährigen Lebenspartnern oder verschuldet sich für einen Traum von Luxus.

 

Für kurze Zeit mag das Erleichterung bringen, aber das Problem lag ja weniger im Umfeld, als in einem selbst. Und vor sich selbst kann man nur schlecht fliehen.

Also werden die revolutionären Ansätze meist nicht sehr erfolgreich enden.

 

Doch was kann so eine Krise auslösen ?

 Ein großes Thema dieser Jahre ist der Abschied. Zuerst einmal heißt es Abschied nehmen von unserem äußeren Bild. Unser Körper verändert sich spürbar und sichtbar. Die ersten Falten tauchen auf, man braucht eine Brille, es wird zunehmend schwieriger das Gewicht zu halten und die körperliche Leistungsfähigkeit lässt merklich nach.

Gerade im Sport häufen sich die Unfälle und Verletzungen, weil man sich nicht eingestehen kann, dass frühere Leistungen nun nicht mehr möglich sind.

 

Man ist gezwungen sich mit dem Alter und dessen Folgeerscheinungen auseinander zu setzen – und das ist gar nicht so leicht in unserer Gesellschaft, in der wir anscheinend alle dem Zwang ewiger Jugend unterliegen.

Bis dahin hat sich kaum einer mit dem Thema „Rente“ auseinandergesetzt oder sich darüber Gedanken gemacht, wie er im Alter gerne leben möchte.

 

Leider müssen wir auch schon von einigen Freunden und Bekannten Abschied nehmen, die krank werden und sterben. Der Tod wird konkreter und damit wächst das Bewusstsein, dass das Leben nicht unendlich ist und vielleicht kürzer, als man es sich bis dahin vorgestellt hat.

Damit kommt auch der Gedanke auf, was man bisher alles versäumt hat und was man unbedingt noch erleben möchte.

 

Auch in der eigenen Familie wird sich einiges ändern. Die Kinder werden erwachsen und manche verlassen bereits das Elternhaus.

Gerade für Frauen, die wegen ihres Nachwuchses auf eine Berufstätigkeit verzichtet haben, ist es oft schwer, sich nun an einen Alltag ohne Kinder zu gewöhnen. Plötzlich ist Mutter – Sein kein Vollzeitjob mehr , das Leben muss neu strukturiert und ein neuer Lebenssinn gefunden werden.

Leider ist es für die meisten Frauen fast unmöglich bei der momentanen Situation auf dem Arbeitsmarkt, wieder berufstätig zu werden.

 

Das Ehepaar bleibt als „Restfamilie“ zurück. Dies führt oft zum Ausbruch verdrängter, nicht bewältigter oder neuer Konflikte.

Denn wenn bisher die Kinder der Mittelpunkt und Lebensinhalt der Familie waren, so verspüren die Partner oft eine große Leere – man hat keine gemeinsame Aufgabe mehr.

Insbesondere wenn das Paar nur wegen der Kinder zusammen geblieben ist, kommt es nun häufig zur Trennung. 

Es ist an der Zeit, die Ehebeziehung neu zu gestalten und zu beleben und gemeinsame Gesprächsthemen, Interessen und Aktivitäten zu finden.

 

Auch die eigenen Eltern sind nun alt, vielleicht sogar pflegebedürftig und können sich nicht mehr allein versorgen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die einem gar nicht so leicht fallen :

Kann man die eigene Mutter in einem Senioren – bzw. Pflegeheim unterbringen ? Müsste man sie nicht im eigenen Haushalt aufnehmen ?

1,2 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland werden in privaten Haushalten von Töchtern oder Schwiegertöchtern betreut, die häufig durch die Pflege so überlastet sind, dass dies zu eigenen gesundheitlichen Problemen und zu Konflikten innerhalb der Familie führen kann.

 

Im Beruf werden die Fünfzigjährigen meist den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht haben. Größere Aufstiegsmöglichkeiten hat kaum noch jemand.

Im Gegenteil : jüngere Kollegen rücken nach und mancher muss um seinen Arbeitsplatz bangen.

Für Menschen, die schon länger arbeitslos sind, sinkt die Chance auf einen Wiedereinstieg von Jahr zu Jahr.

 

Was kann man tun ? Es wird in diesem Lebensabschnitt Zeit, eine Bilanz zu ziehen. Ziel dieser Bilanz sollte sein, zu erkennen, was man in seinem Leben bisher erreicht hat, was man noch erreichen möchte und welche Ressourcen dabei zur Verfügung stehen.

Dazu ist eine ehrliche Bestandsaufnahme nötig, die das Fundament für eventuell notwendige Veränderungen bildet.

 

Helfen können einem dabei Gespräche mit seinem Partner ( wenn die Beziehung offen und verständnisvoll ist ), einem Freund, der einen gut kennt, oder aber mit dafür ausgebildeten Personen, z.B. einem Psychologen oder Therapeuten.

 

Bei den meisten Menschen wird diese Lebensbilanz ganz positiv ausfallen.

Wer allerdings dabei feststellt, dass sein Leben bisher ganz anders verlaufen ist, als er es wollte und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse auf der Strecke geblieben sind, für den ist es die vermutlich letzte Chance daran noch etwas zu verändern.

 

Das Problem ist aber oft weniger die Vergangenheit, als vielmehr die mangelnden Perspektiven für die Zukunft.

 Aber es gibt sowohl im Berufs – als auch im Privatleben immer wieder neue Herausforderungen, die uns Spaß machen können, die neue Kontakte versprechen und uns mehr Lebenserfahrung bringen.

Dazu müssen wir allerdings bereit sein, Gewohnheiten aufzugeben und manchmal unseren eingefahrenen Tagesrhythmus zu verändern. Möglichkeiten gibt es viele : ein neues Hobby, Kurse an der Volkshochschule ( vielleicht auch als Dozent ), eine ehrenamtliche Tätigkeit im Verein, freiwilliges Engagement in einer sozialen Einrichtung, in Parteien oder Verbänden oder berufliche Fort – und Weiterbildung.

 

Zuerst ist es also nötig zu erkennen, wo die eigenen einengenden „Gefängnismauern“ sind, diese systematisch abzubauen und somit neue Freiräume zu schaffen, die man mit Freude füllen kann.

Fragen Sie sich dazu : Was mache ich schon lange Zeit regelmäßig, obwohl ich es nicht gern tue ? Was könnte mehr Abwechslung in mein Leben bringen ? Was würde mich interessieren, was würde mir Spaß machen ? Welche Verpflichtungen möchte ich aufgeben ?

 

Hat man erst einmal eingesehen, dass eine Midlife – Crisis nicht nur Krise, sondern auch die Chance für Veränderungen bedeutet, wird vieles leichter.

In der chinesischen Sprache gibt es  übrigens für die Begriffe „Krise“ und „ Chance“ nur ein und dasselbe Schriftzeichen ! Krise bedeutet : entscheidende Wendung !

 

Die beiden großen Vorteile in der zweiten Lebenshälfte sind die gesammelte Erfahrung  ( know-how) und die geschlossenen Kontakte. Beides kann jetzt immer besser eingesetzt werden.

 Ebenfalls leichter wird der Verzicht auf Dinge, die man nicht wirklich braucht. Schafft man es zudem , sich mehr von gesellschaftlichen Konventionen zu lösen und  unsinnige Ziele aufzugeben ( z.B. um andere zu beeindrucken ), gewinnt man große innere Freiheit.

 

Die Aufgabe der Midlife – Crisis ist es, uns auf das Alter vorzubereiten und uns  Gelegenheit zu geben, sich in Würde von seiner Jugend zu verabschieden.

Wer erkennt , dass Jugend nicht verlängerbar ist, nicht alles machbar und erreichbar , aber vieles verändert werden kann, wird diese Phase schnell bewältigen.

Oft braucht es nur etwas Einsicht und Geduld, um sie gut zu überstehen.

 

Übrigens, die nächste Übergangsperiode kommt bestimmt : der Abschied aus dem Berufsleben und der Eintritt in den Ruhestand.