Online - Spielsucht

    Gefangen in einer virtuellen Welt

 

Computerspiele geraten immer dann in den Fokus der Öffentlichkeit, wenn wieder ein Amokläufer ein Blutbad angerichtet hat. In den anschließenden Diskussionen wird häufig ein Zusammenhang mit den sogenannten „Killer-Spielen"  gesehen, die für einige Jugendliche eine Gefährdung darstellen können.

Eine weitaus größere Bedrohung für junge Menschen scheint dagegen kaum beachtet zu werden :  Das Suchtpotential, das in Internet-Rollenspielen ( World of Warcraft =WoW,  Herr der Ringe, Counter Strike , usw. ) liegt.

 

Wenn Kinder und Jugendliche das Internet für sich entdecken, dauert es meist nicht lange, bis sie auf die Welt der Online-Spiele stoßen.

In einer Umfrage wurden 16.000 Neuntklässler nach ihren Spielgewohnheiten befragt:  60 % gaben an, regelmäßig online zu spielen. Die durchschnittliche Spielzeit beträgt 4 Stunden täglich - 10 % allerdings sitzen für ihr Spiel mehr als 7 Stunden am Tag vor dem PC !  Der größte Teil davon sind Jungen, wenngleich die Anzahl der Mädchen ständig steigt.

Jedoch sind nicht nur Jugendliche von der Online-Spielsucht betroffen. Nach Schätzungen sind auch rund 2 Millionen Erwachsene ( durch alle sozialen Schichten und Berufsgruppen hindurch ) von der neuen Droge „Internet" abhängig und verbringen nahezu ihre gesamte Zeit vor dem Rechner - manche spielen Tag und Nacht, bis zur totalen Erschöpfung.

 

Für Kinder und Jugendliche sind Online-Rollenspiele besonders interessant, da sie persönlich in diesen Spielen gar nicht in Erscheinung treten müssen, sondern in Form ihres „Avatar", einer von ihnen selbst erschaffenen, virtuellen Kreatur, spielen, kämpfen und töten. In diese Spielfigur können eigene Wünsche und Sehnsüchte projiziert werden - so wird aus einem normalen Teenager schnell ein Wesen aus einer irrealen Welt : groß, überintelligent, gefährlich, tapfer, stark, mutig und unbesiegbar. Das Spiel ist viel aufregender als der Alltag und vieles gelingt leichter und besser als im realen Leben. Eigene Schwächen und Ängste können ausgeblendet und Frustrationen abreagiert werden.

 

Der eindeutige Favorit bei Jugendlichen ist das Spiel WoW ( World of Warcraft).  Einzelspieler haben hier keine Chance, denn die meisten Spielanforderungen können nur mit anderen Spielern gemeinsam in sogenannten „Gilden" bewältigt werden. In diesen Gilden herrscht eine strenge Hierarchie und wie reale Unternehmen arbeiten sie mit Belohnungssystemen.

Während Anfänger ohne große Anstrengung die nächste Spielstufe erklimmen und mit Gratifikationen beschenkt werden, kommen die Belohnungen ab einem bestimmten Spiellevel immer seltener, was den Ehrgeiz der Spieler anstachelt. Zudem hat dieses Spiel kein klar definiertes Ende. Die Spieler können im Laufe des Spiels immer besser werden und die investierte Spielzeit kommt der Stärke der eigenen Spielfigur zugute,-  was wiederum Einfluss auf Prestige und Rangordnung innerhalb der Gilde hat. Daher werden Spieler, die häufiger und länger vor dem Computer sitzen mehr belohnt als diejenigen, die nicht so viel Zeit opfern.

 Eine besondere Rolle spielt dabei auch der Gruppendruck, der von einer Gilde ausgeht. Das Gefühl der Zugehörigkeit und die gemeinsamen Erfolgserlebnisse sind gerade für Jugendliche, die im realen Leben eher Schwierigkeiten haben mit anderen Kontakte zu knüpfen, besonders reizvoll. Der große Nachteil für den Spieler ist, dass er pünktlich zu den von seiner Gilde angesetzten Spielen online sein muss, da ihm sonst Bestrafungen oder ein Ausschluss drohen. Dies bedeutet, dass eigene Zeitplanungen und Bedürfnisse der Gilde geopfert werden.

 

Den Spielern fällt es immer schwerer, die Balance zwischen virtuellen und tatsächlichen Verpflichtungen zu halten. Der Kontakt zur realen Familie, Freunden und Mitschülern bricht langsam zusammen - die Betroffenen sind immer weniger erreichbar und zunehmend gefangen in ihrer eigenen Welt.

Diese Art von Spiel hinterlässt auch im Gehirn bleibende Spuren : Bei einem Spielerfolg schüttet das Belohnungszentrum im Zwischenhirn Dopamin aus. Dieser Botenstoff sorgt dafür, dass körpereigene Opiate dem Spieler ein einmaliges Glückgefühl vermitteln. Wer dies einmal erlebt hat, möchte auf dieses Gefühl dann nicht mehr verzichten, sondern es immer häufiger verspüren - und so wird ein an sich „harmloses" Spiel unter Umständen zur Droge.

Nun ist aber nicht jeder Jugendliche, der mal länger am PC sitzt und spielt, gleich abhängig. Allerdings liegen Sucht und Gewohnheit nahe beieinander.

 

Bestimmte Warnzeichen können Eltern auf eine Suchtgefährdung hinweisen :

1.  Alle Gespräche, alles Tun und Denken dreht sich nur noch um den PC, bzw. das

     Online-Spiel. Das Kind ist nicht bereit, freiwillig für einen längeren Zeitraum auf

     das Spiel zu verzichten.

2.  Der Jugendliche verliert immer mehr die Kontrolle über die Zeit und die Häufigkeit,

     die er mit dem Online-Spiel verbringt. Er hält sich nicht mehr an die dazu mit den

     Eltern vereinbarten Regeln.

3.  Der Betroffene versucht, das Ausmaß seiner Spieltätigkeit zu verbergen. Er

     belügt Eltern und Freunde, spielt heimlich ( auch nachts ! ). Spricht man ihn auf

     seinen  exzessiven Spielkonsum an, streitet er dies ab oder reagiert gereizt.

4.  Der Jugendliche gibt bislang ausgeübte Hobbys auf, trifft sich nicht mehr mit

     Freunden.

5.  Die schulischen Leistungen lassen deutlich nach. Schule, Ausbildung oder Beruf

     und die damit verbundenen Pflichten und Anforderungen werden vernachlässigt.

     Selbst wenn das Verhalten schon eindeutig negative Konsequenzen nach sich        

     zieht ( z.B. Verlust des Ausbildungsplatzes, „Sitzenbleiben" in der Schule ) ,ist der

     Betroffene nicht  bereit, das Spielen aufzugeben.

6.  Der Jugendliche zieht sich immer mehr zurück und verlässt kaum noch sein

     Zimmer ( was meist völlig „vermüllt" ).  Er nimmt nicht mehr an Familienaktivitäten

     teil und isst nicht mehr gemeinsam mit der Familie, sondern am liebsten allein vor

     dem PC.      

7.  Der Betroffene ist häufig müde und leidet an Schlafstörungen, Kopfschmerzen

     und Kreislaufproblemen. Mitunter werden sogar Körperpflege, Trinken und

     regelmäßiges Essen vernachlässigt, da dies seine Spielzeit verringern würde.

8.  Ist der Jugendliche einmal gezwungen auf sein Spiel zu verzichten ( z.B. im

     Urlaub ) reagiert er nervös und aggressiv. Er kann sich weder anders

     beschäftigen, noch versucht er soziale Kontakte zu knüpfen.

     In schlimmen Fällen zeigen Betroffene regelrechte Entzugssymptomatiken :

     Schwitzen, Unruhe, Ängste und Blutdrucksteigerung.

 

Der Ausstieg aus dieser Art der Abhängigkeit erweist sich oft als schwierig. Um zu vermeiden, dass es gar nicht erst soweit kommt, sollten sich Eltern schon frühzeitig mit dem Internetkonsum ihrer Kinder beschäftigen und verbindliche Regeln aufstellen, deren Einhaltung auch kontrolliert werden muss !

 

Zunächst erscheint  vielen Eltern das Interesse der Kinder an Computern und Internet eher positiv und zeitgemäß : der Nachwuchs ist zu Hause gut aufgehoben, es gibt keine lästigen Fahrdienste zu Sportveranstaltungen oder Freunden, es gibt im Haus keinen Lärm oder Unordnung und kein Gejammer über Langeweile. Oft bemerken die Eltern deshalb den fatalen Verlauf in Richtung Online-Spiel-Sucht zu spät.

Außerdem ist, wie bei so vielen anderen Dingen auch, das Vorbild der Eltern, welches das Verhalten der Kinder prägt : Wie gehen die Eltern selbst mit dem PC um, wie viel Freizeit  und womit verbringen diese vor dem Computer ?

 

Bei jüngeren Kindern hilft es oft schon die Spielzeit strikt zu begrenzen und zu überwachen  (Netzstecker und / oder Tastatur einziehen ), aber auch Alternativen zum Computerspiel anzubieten.

Bei Jugendlichen hilft oft nur noch ein rigoroses Vorgehen, um sie wieder in die reale Welt zurückzuholen. An erster Stelle sollte jedoch zunächst das Gespräch zwischen Eltern und Kind stehen. Manche Betroffene haben selbst gar nicht bemerkt, wie sehr sich ihr Alltag und ihr Leben durch das Spielen verändert haben. Manchmal helfen auch in Aussicht gestellte Belohnungen, die einen Bezug zur realen Welt haben. Allerdings sollten die Eltern damit rechnen, dass ihr Sprössling nicht ehrlich sein wird und versuchen wird, die Angehörigen zu beruhigen und zu täuschen, nur um weiterhin ungehindert an sein „Suchtmittel" zu kommen. Fehlt also jegliche Einsicht, heißt es handeln, auch wenn daheim dann heftige Auseinandersetzungen und Wutausbrüche stattfinden werden :

Die meisten Online-Rollenspiele kosten Geld, d.h. die monatlichen Beiträge müssen überwiesen werden. Dies sollten die Eltern konsequent ablehnen und eventuelle Abbuchungen vom Taschengeldkonto des Jugendlichen bei der Bank stoppen und sperren lassen.

Eltern, die sich mit dem PC auskennen, sollten das Spiel von der Festplatte löschen und die dazu gehörige CD vernichten. Bei manchen Spielen ist auch eine Elternfreigabe nötig - mittels Accountdaten ( Name des Spielers, Passwort ) lässt sich eine Sperre aktivieren.

Im Internet findet man unter www.rollenspielsucht.de viele Beiträge und Berichte von Betroffenen und ihren Familien, die anderen Eltern und Jugendlichen helfen können, auch für sich einen Weg aus der Online-Abhängigkeit zu finden.

 

Nützt dies alles nichts, sollten sich Eltern ( und Spielabhängige ) professionelle Hilfe bei Suchtberatungsstellen, Psychologen oder Psychotherapeuten suchen. Normalerweise gelingt es mit einer ambulanten Therapie, wieder aus der Abhängigkeit der virtuellen Welt, zurück in die Realität zu finden.

Da die Anzahl der süchtigen Internetnutzer ( Jugendliche und Erwachsene ) in den letzten Jahren so stark angestiegen ist, haben sich auch immer mehr Kliniken diesem Problem angenommen und bieten für Schwerabhängige auch stationäre Therapien an.

 

Leider steckt hinter diesen Spielen, wie bei allen anderen legalen Suchtmitteln, eine starke Lobby, die mit diesem Geschäft Milliardenumsätze verdient. Daher wird es in erster Linie die schwierige Aufgabe der Eltern bleiben, die Aktivitäten ihrer Kinder am Computer zu überwachen und notfalls auch einzuschreiten.