Orthorexie




Sich gesund zu ernähren ist zweifellos ein vernünftiger und sinnvoller Vorsatz. Doch für manche Menschen wird die Beschäftigung mit gesunden Lebensmitteln zur Obsession und krankhaften Fixierung.
Der amerikanische Arzt Steven Bratman prägte den Begriff der Orthorexie erstmals 1997, nachdem er selbst davon betroffen war.
Wörtlich übersetzt bedeutet dieser Begriff „krankhaftes Gesundessen"   (griechisch:  orthos = richtig, korrekt - und orexis = Appetit ). Im Gegensatz zu anderen Essstörungen steht dabei nicht die Menge der verzehrten Lebensmittel oder deren Kaloriengehalt im Mittelpunkt, sondern die Qualität.
Nach Schätzungen sind in Deutschland ca. 1 Million Menschen von dieser Störung betroffen - und es werden immer mehr. Die meisten sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, und im Gegensatz zu anderen Essstörungen sind sehr viele Männer unter den Orthorektikern zu finden.

Der Zwang
, sich gesund ernähren zu müssen, beginnt meist schleichend und anfangs denkt keiner an eine krankhafte Störung.  Ausgelöst durch ständig neue Lebensmittelskandale, durch Ermahnungen des Hausarztes ( schlechte Blutwerte, Übergewicht, hoher Blutdruck, usw.) oder durch Allergien und Unverträglichkeiten beginnen viele sich mit dem Thema „gesunde Ernährung" auseinander zu setzen. Dazu kommt noch der Anspruch unserer heutigen Gesellschaft an ewige Jugend, einen perfekten Körper und Gesundheit bis ins hohe Alter. Man beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Ernährungslehren und Diäten, liest sich durch unzählige Ratgeber und studiert Nährwerttabellen. Viele essen weniger Fett und Fleisch, verzichten auf Zucker, versuchen sich überwiegend mit Bioprodukten zu ernähren, manch einer wird zum Vegetarier oder Veganer.
 
Bis dahin ist alles in Ordnung, aber bei manchen Menschen beginnt das Ganze zu kippen :
ihr Ernährungssystem wird immer komplizierter, die selbstauferlegten Regeln und Rituale immer starrer und rigoroser. Was dabei als „gesund" und „nicht gesund" beurteilt wird unterliegt oft nur noch rein subjektiven Kriterien und hat mit ernährungswissenschaftlich fundierten Erkenntnissen nichts mehr zu tun. Die Gedanken drehen sich ausschließlich um die Mahlzeiten und deren Bestandteile. Der Einkauf, die Organisation und die Zubereitung des Essens nehmen immer mehr Raum ein - oft mehrere Stunden täglich. Genuss und Freude am Essen gehen gänzlich verloren. Die Auswahl der Lebensmittel, die noch als gesund, gut und damit erlaubt, betrachtet werden, wird immer geringer. Dafür werden die Regeln und Rituale immer strenger: bestimmte Lebensmittel dürfen nur in bestimmten Kombinationen oder zu festgelegten Zeiten verzehrt werden. Anderes muss auf eine gewisse Art und Weise zubereitet werden oder zwischen Ernte und Verzehr darf nur eine bestimmte Zeitspanne liegen.
Die Nahrungsmittel müssen aus bestimmten Regionen oder Ländern stammen (z.B. die Hirse aus Afrika) und auf eine genau festgelegte Art angebaut und geerntet worden sein. Viele Betroffene nehmen weite Wege in Kauf, oft hunderte von Kilometern, um ihre Einkäufe zu tätigen oder sind bereit, hohe Summen zu zahlen, damit ein Lebensmittel ihre strengen Auflagen erfüllt.

Können diese Menschen ihren Speiseplan einmal nicht einhalten, werden sie von Schuldgefühlen geplagt. Durch das extrem disziplinierte Essverhalten steigern sie ihr Selbstwertgefühl, können sich von Problemen ablenken und Ängste verringern. Sie haben das Gefühl sich selbst, das eigene Leben und den eigenen Körper voll unter Kontrolle zu haben, was ihnen eine subjektive Form von Sicherheit verleiht.
Die Folgen der Orthorexie können für den Einzelnen schwerwiegend sein. Je nachdem, wie „ungesund" die Ernährung ist, können Mangelerscheinungen und  Untergewicht auftreten. Die Leistungsfähigkeit lässt nach, die Betroffenen sind schnell erschöpft und ständig müde.
Die Planung, das Einkaufen und die Zubereitung der Mahlzeiten nehmen viel Zeit in Anspruch, darüber werden andere Aufgaben im Beruf oder die Familie vernachlässigt. Viele geben ihr ganzes Geld für Lebensmittel aus, die ihren hohen Anforderungen genügen und sind bereit auf alles andere zu verzichten.

Schlimm ist aber die soziale Isolation in die die Orthorektiker geraten. Ihr strikter Ernährungsplan führt dazu, dass sie keine Einladungen mehr annehmen, nur noch bei sich zu Hause und ausschließlich das, was sie selbst eingekauft und zubereitet haben, essen wollen. Restaurantbesuche, Ausflüge oder auch Urlaub sind nicht mehr möglich. Das wird vor allem für die Familie zum Problem und es kommt zu teils heftigen Auseinandersetzungen über gesundes Essverhalten- vor allem dann, wenn in der Familie auch Kinder leben und der Orthorektiker bisher für den Einkauf und die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig war. Der Betroffene selbst jedoch empfindet seine Regeln als richtig und normal - was soll an „gesundem" Essen auch falsch sein? Daher versucht er oft mit missionarischem Eifer die Menschen in seiner Umgebung von seiner Ernährungsphilosophie zu überzeugen. Meist stößt er damit auf Unverständnis und Ablehnung, immer mehr Freunde und Kollegen ziehen sich zurück. Auch innerhalb der eigenen Familie gerät der Betroffene zunehmend ins Abseits: er kocht und kauft nur noch für sich selbst ein, da die Familie sich weigert, sich seinen Regeln unterzuordnen  und isst auch häufig allein und getrennt von den anderen.

Die Behandlung und Therapie einer Orthorexie sind schon deshalb schwierig, weil den Betroffenen  jegliche Krankheitseinsicht fehlt. Ein Grund, weshalb Mediziner diese Störung eher den Ess- und nicht den Zwangsstörungen zuordnen, auch wenn das Verhalten der Betroffenen zwanghafte Züge annimmt. Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, empfinden ihr eigenes Verhalten als anormal und unsinnig- sie können aber nicht anders. Orthorektiker hingegen sind von der Richtigkeit ihres Verhaltens überzeugt und wollen daran auch nichts ändern.
Selbst wenn die Betroffenen durch Mangelerscheinungen und Untergewicht schon krank geworden sind, ist dies für sie oft nur ein Hinweis darauf, dass sie sich noch zu „ungesund" ernähren und ihren Speiseplan noch restriktiver gestalten müssen.
Oft gelingt die Einsicht nur, wenn der Leidensdruck der Orthorektiker zu groß wird:
der Arzt gesundheitliche Schäden feststellt, alle Freunde sich zurückgezogen haben, der Partner mit Trennung droht, der Arbeitsplatz in Gefahr ist. Dann erst merken viele, dass sie jegliche Lebensqualität verloren haben und sind bereit Hilfe von außen anzunehmen.

Die Behandlung beginnt in schweren Fällen in der Regel mit einer mehrwöchigen, stationären Therapie in einer Klinik für Essstörungen. Oft schließt sich daran noch ein Aufenthalt in einer therapeutischen Wohngruppe an. In leichteren Fällen kann auch eine ambulante Therapie gelingen. In der Therapie lernen die Patienten ein neues, gesundes und normales Essverhalten. Auch bisher „verbotene" Lebensmittel werden  ausprobiert und im Speiseplan zugelassen. 
Daneben wird aber auch nach den Auslösern und tiefer liegenden Ursachen dieser Essstörung gesucht. Welche Ängste, Unsicherheiten und Probleme haben dazu geführt, dass der Patient dieses zwanghafte Essverhalten als eine, wenn auch letztendlich ungesunde „Lösung", ausgewählt hat?

Sicher hat es noch keinem geschadet, sich mit gesunder Ernährung auseinander zu setzen, seine eigenen Essgewohnheiten kritisch zu überprüfen und sich genügend Zeit zum Kochen und für die Mahlzeiten zu nehmen. Dabei sollten die Lebensmittel aber nicht zum Lebensmittelpunkt werden.