Patchwork – Familie: Meine, deine, unsere Kinder

 

„Patchwork“ ist laut Duden eine Technik, bei der verschiedene Stoffflicken zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt werden.

 

Ging früher ein Elternteil eine Beziehung zu einem neuen Partner ein, nannte man diesen Stiefmutter oder Stiefvater  - und diese sind böse und gemein, wie wir alle aus dem Märchen wissen.

Heute nennt man eine bunt zusammengewürfelte Lebensgemeinschaft deshalb lieber Patchwork-Familie ( oder auch Fortsetzungs-oder Zweitfamilie ).

 

Die „normale“ Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern, ist heute immer seltener.

Rund zehn Millionen Familien leben derzeit in Deutschland – davon schätzungsweise 2,5 Millionen als Patchwork-Familie. Genaue Statistiken gibt es aber nicht, kein Wunder bei so vielen Varianten :  manchmal bringt nur einer der Partner Kinder mit in die Beziehung, manchmal auch beide, oft kommen Kinder nur am Wochenende zu Besuch und häufig bekommt das Paar auch noch gemeinsame Kinder. Das heißt, jede Patchwork-Familie ist anders in der Zusammensetzung, der Lebensgeschichte und in ihrem Familienleben.

 

Viele Zweitfamilien möchten gern sehr bald wieder eine „normale“ Familie sein – und damit ist die erste Enttäuschung schon vorprogrammiert.

Die gegenseitigen Erwartungen sind zu hoch und man lässt sich viel zu wenig Zeit, damit sich alle auf die neue Situation einstellen können.

Während sich Mann und Frau normalerweise erst als Paar finden und in aller Ruhe zusammenraufen können bevor die Kinder kommen, ist dies bei der Gründung einer Zweitfamilie nicht möglich.

Für den Elternteil bedeutet das anfangs oft eine Gradwanderung : auf der einen Seite fordern die Kinder ihre Rechte und ihren gewohnten Alltag , auf der anderen Seite braucht die neue Liebe auch Zeit und Zuwendung.

 

Für die neuen Partner ist die Situation auch nicht einfach. Sie kommen als Fremde in die Familie und müssen dort erst einmal ihren Platz finden. Vor allem für diejenigen, die vorher keine eigenen Kinder hatten, ändert  sich das ganze Leben.

Manche Männer hatten sich an ein Dasein als Junggeselle gewöhnt und sollen sich nun in einen Familienvater verwandeln.

 Auch Frauen, die sich selbst ganz bewusst gegen eigene Kinder entschieden hatten, um ihre berufliche Karriere besser verfolgen zu können, sehen sich plötzlich mit dem Nachwuchs des Partners konfrontiert.

 

Dies kann zu Problemen führen, denn der Alltag in einer Familie sieht eben ganz anders aus, als der eines Singles.

Die neuen Partner haben es nicht leicht :  sie tragen Verantwortung, beteiligen sich an der Erziehung und dem Unterhalt der Kinder, sind immer da, wenn sie gebraucht werden und teilen alle Sorgen – und trotzdem werden sie von den Kindern nur selten so geliebt, wie die „richtigen“ Eltern.

 

Gerade deswegen versuchen manche die Herzen der Kinder zu erobern, indem sie bereitwillig deren Wünsche erfüllen und den Nachwuchs mit Geschenken überhäufen.

Dadurch geraten die Kinder leicht in einen Loyalitätskonflikt. Kommen sie gut mit dem neuen Partner aus, fühlen sie sich schnell als Verräter gegenüber dem getrennt lebenden Elternteil.  Aus diesem Grund lehnen Kinder den Neuen oft ab, obwohl sie ihn eigentlich ganz nett finden.

 

Kinder brauchen viel Zeit, um über die Scheidung der Eltern zu trauern. Gerade im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren glauben sie häufig, an deren Trennung mit Schuld zu sein. Diese Schuldgefühle werden nicht selten auf den neuen Partner übertragen und äußern sich in Wut, Zorn und Eifersucht.

 

Noch viele Jahre nach einer Scheidung träumen Kinder davon, dass der weggegangene Elternteil wieder zurück kommt und alles so wird wie früher. Deshalb wird der „Eindringling“ als der Schuldige gesehen, der eine Versöhnung der Eltern verhindert und der Nachwuchs versucht mit allen Mitteln die neue Partnerschaft zu zerstören. 

Schimpfen, drohen oder bestrafen helfen dann überhaupt nichts – dies macht alles nur noch schlimmer. Denn in den Augen der Kinder stellen Sie sich damit auf die Seite Ihres Partners und die Wut auf diesen wird immer heftiger. In einer solchen Situation könnte der außerhalb lebende Elternteil helfen. Er kann klarstellen, dass er nie wieder in die Familie zurückkehren wird und dass dieser Entschluss nichts mit der neuen Beziehung von Vater oder Mutter zu tun hat.

 

Sie  selbst sollten Ihrem Nachwuchs sehr viel Zeit und Geborgenheit geben. Wenn Sie bisher feste Rituale hatten,  ( z.B. das Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte ) so behalten Sie diese unbedingt bei.

Hatten Sie bisher keine solche Rituale, so schaffen Sie welche für sich und Ihr Kind. Denn Rituale sind Inseln, die nur Ihnen und Ihrem Kind gehören und die ihm zeigen : „ du bist sehr wichtig für mich“.

 

Kritisieren Sie niemals den getrennt lebenden Elternteil in Gegenwart des Kindes. Das Kind sieht sich dann gezwungen diesen zu verteidigen und sich somit gegen Ihren neuen Partner zu stellen.

Schaffen Sie keine Konkurrenz zum leiblichen Elternteil. Die Aussage, dass der Neue viel besser Fußball spielen kann als Papa, mag ja stimmen, ist aber nicht sehr hilfreich. Besser wäre es Fähigkeiten, Hobbys und Interessen Ihres Lebenspartners vorzustellen, die in keinem Vergleich mit dem getrennt lebenden Elternteil stehen.

 

Vermeiden Sie, wenn möglich, tiefgreifende Veränderungen im Alltagsleben des Kindes.

Ein Umzug oder Schulwechsel erschweren die Situation anfangs ganz erheblich.

 

Ermutigen Sie Ihren neuen Partner auch einmal etwas alleine mit dem Kind zu unternehmen.

So bekommt er die Gelegenheit, sich vielleicht völlig ungezwungen von einer noch unbekannten Seite zu zeigen. Das Kind spürt, dass es sich auf ihn verlassen kann und er als Ansprechpartner zur Verfügung steht, wenn Sie mal nicht da sind.

Machen Sie Ihrem Kind klar, dass Sie ihm nicht böse sind, wenn seine Verbindung zu Ihrem neuen Partner noch nicht so gut klappt.

Aber auch, dass Sie sich nicht erpressen lassen und Sie keineswegs bereit sind, sich von Ihrer neuen Beziehung seinetwegen zu verabschieden !

 

Wenn Sie selbst neu in eine Familie kommen, sollten Sie sich erst einmal zurückhalten und den Erziehungsstil Ihres Partners und die bestehenden Regeln beobachten. So können Sie Ablehnung oder Rückzug der Kinder vermeiden.

Diese sind in der Regel nicht bereit, Sie sofort als „ Erzieher“ zu akzeptieren. Versuchen Sie sich als Berater und Vermittler für alle zur Verfügung zu stellen. Sie haben den Eltern gegenüber den Vorteil, dass Sie manche Erziehungsprobleme mit mehr Distanz und Gelassenheit sehen können. Dies kann Sie auch zur Anlaufstelle für Sorgen und Nöte der Kinder machen und Sie werden so zu deren Vertrauten.

 

Bringen beide Partner Kinder mit in die Beziehung, sollten bevor die Familien zusammengelegt werden, unbedingt die Rahmenbedingungen geklärt sein.

Wer von Ihnen ist künftig wofür zuständig ?

Einigen Sie sich auf gemeinsame Regeln, ( bzgl. Ordnung, Mithilfe im Haushalt, Pflichten, Taschengeld, usw. ) die für die Kinder künftig gelten sollen. Sprechen Sie über die Gewohnheiten Ihrer Kinder und über das, was für Sie in der Erziehung wichtig ist.

Erst wenn das alles geregelt ist, können Sie beide Familien langsam zusammenbringen. Dafür sind Ausflüge anfangs gut geeignet, weil so keiner einen „Heimvorteil“ genießt.

Für ein Kind kann sich durch „neue“ Geschwister einiges verändern. War es vorher ein Einzelkind, muss es nun plötzlich teilen. War es immer das Nesthäkchen, gibt es nun ein noch jüngeres Kind. So wird der neue Bruder ganz schnell zum Konkurrenten !

 

Die Kinder müssen die Erfahrung machen, dass alle Kinder in der Familie gleich wichtig sind und keines bevorzugt wird.

Natürlich wird die Beziehung zum eigenen Kind immer enger sein und man wird die Kinder des Partners nie so lieben können wie die eigenen – das ist nicht schlimm, solange Sie den Nachwuchs Ihres Partners akzeptieren und respektieren.

 

Schaffen Sie es trotz aller Bemühungen nicht, ein zufrieden stellendes Familienleben zu bekommen, sollten Sie nicht sofort aufgeben. Holen Sie sich Rat und Hilfe bei einer Erziehungsberatung oder einem Familientherapeuten.

 

Das Leben in der Patchwork-Familie verlangt von allen viel Kompromissbereitschaft und Toleranz. Und gerade das ist es, was Kinder gut dabei lernen können : soziale Kompetenz.