Perfektionismus : Fluch oder Segen ?

 

 

Sicherlich versuchen die meisten Menschen, die an sie gestellten Anforderungen und Aufgaben gut und richtig zu erledigen, sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. Nicht immer gelingt ihnen das und sie machen auch mal Fehler. Doch für  manche Menschen sind „gut" und „richtig" kein Maßstab, 100 Prozent genügen nicht - alles muss perfekt sein !

 

Diese Menschen tun sich nicht nur sehr schwer im Leben, sondern so ein Perfektionsanspruch ist das sicherste Mittel um auf Dauer unglücklich zu sein, da man letztendlich immer wieder daran scheitern wird. Eine absolute Perfektion gibt es eigentlich nicht, da sie stets von  (subjektiven) Beurteilungen anderer und von äußeren Einflüssen abhängig ist. Zudem wird ein Perfektionist nie mit sich zufrieden sein, weil er immer das Gefühl hat, er hätte es noch besser machen können. Hinzu kommt, dass er sich ständig mit anderen Menschen vergleicht. Doch dabei genügt es ihm nicht, genauso gut zu sein, sondern er möchte besser sein als andere.  Diese fixe Idee mündet in einen ewigen Wettkampf, den er nicht gewinnen kann. Denn er wird schnell feststellen müssen, dass es immer jemanden gibt, der etwas besser kann als man selbst. Und so empfindet ein Perfektionist die Tatsache, dass er nicht immer und  in jedem Bereich der Beste ist und dass es immer möglich sein wird , etwas noch zu verbessern, schnell als ein persönliches Scheitern und Versagen.

 

Doch was treibt Menschen in den Perfektionismus ? Die Sehnsucht nach Anerkennung spielt dabei eine wichtige Rolle. Natürlich genießt jeder Mensch die Bewunderung, Liebe, Aufmerksamkeit und die Wertschätzung, die andere ihm entgegenbringen. Der Perfektionist genießt dies jedoch nicht nur, er ist emotional davon abhängig. Besonders fatal dabei ist, dass er die Anerkennung anderer immer mit seiner eigenen Leistungsfähigkeit in Zusammenhang bringt. Da er jedoch mit seinen Leistungen selbst stets unzufrieden ist, ist sein eigenes Selbstbild so negativ, dass er sich gar nicht vorstellen kann, dass andere Menschen ihn einfach um seiner selbst willen schätzen und lieben.

 

Eine weitere Ursache ist oft ein mangelndes Selbstbewusstsein. Bekommt ein Perfektionist nicht von allen Menschen die Anerkennung und Wertschätzung, die er braucht und die er sich wünscht, kann er dies nicht einfach hinnehmen oder akzeptieren. Er wird seine Bemühungen intensivieren und noch mehr leisten, ganz nach dem Motto : „ ich bin nicht gut genug". Dabei erkennt er nicht, dass es ein völlig unmöglicher Anspruch ist, von allen Menschen gemocht zu werden.

Zudem haben Perfektionisten Angst, Fehler zu machen oder zu versagen. Sie neigen häufig zu einem für sie typischen Schwarz-Weiß-Denken : sie kennen nur ein „perfekt" oder „schlecht" - etwas dazwischen gibt es nicht. Selbst kleine Fehler werden so zu einem kompletten Versagen. Dies verhindert auch, dass Perfektionisten aus ihren Fehlern wirklich etwas lernen können. Sie analysieren ihre Fehler nicht und gewinnen keine Erkenntnisse für die Zukunft, sondern  sehen nur die eigene Unfähigkeit und empfinden ihre Fehler als Schmach und  Gesichtsverlust.

Die Bewertung von Fehlern wird noch aus einem anderen Grund zum Problem : Sie haben häufig die Meinung, dass ihre Mitmenschen sie nur achten, mögen und respektieren, wenn ihnen nie Fehler unterlaufen. So bleibt schnell das Gefühl zurück, nicht liebenswert zu sein und von anderen verachtet zu werden. Und da sich Perfektionisten in erster Linie über die eigene Leistung definieren, glauben sie, dass andere Menschen das auch tun und setzen sich selbst damit noch mehr unter Druck.

 

Die Wurzeln für perfektionistisches Denken und Handeln liegen oft im Elternhaus. Wenn Eltern ihrem Kind nur dann Zuneigung und Aufmerksamkeit schenken, wenn es gute Leistungen bringt oder wenn die Ansprüche generell immer so hoch sind, dass das Kind die Erwartungen der Eltern nie erfüllen kann, führt das oft zu späterem Perfektionismus. Um die fehlende Anerkennung der Eltern zu erlangen, versuchen diese  Kinder immer besser und besser zu werden und schrauben die Ansprüche an sich immer höher. Diese Denk- und Verhaltensmuster bleiben dann auch im Erwachsenenalter bestehen.

 

Die Auswirkungen und Konsequenzen, die so ein „ungesunder" Perfektionismus im Alltag nach sich zieht, sind vielfältig :

Das Streben nach Perfektion führt zu einer permanenten körperlichen Anspannung und innerer Unruhe. Die psychische und physische Erschöpfung kann zu Burnout, Tinnitus, Schlafstörungen, Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen führen. Viele Betroffene greifen zudem zu Suchtmitteln, wie Tabletten oder Alkohol.

 

Viele Perfektionisten haben ständig ein Zeitproblem, weil sie viel länger für Tätigkeiten brauchen, als gedacht und dadurch immer zu spät oder gar nicht fertig werden. Sie überprüfen oft alles doppelt und dreifach, aus Angst Fehler zu machen oder sie wiederholen alles so lange, bis ihnen das Ergebnis perfekt erscheint. Dadurch, dass sie versuchen immer alle Aspekte zu berücksichtigen, verlieren sie sich in den Details und halten sich mit Unwichtigem auf, verzetteln sie sich oft und haben dann keinen Überblick mehr.

Perfektionisten haben oft ein Problem damit, andere um Hilfe zu bitten oder Aufgaben zu delegieren. Dies ist für sie ein Zeichen von Schwäche. Auch Teamarbeit ist oft nicht ihre Stärke, da sie die gleichen hohen Ansprüche, die sie an sich selbst haben auch an andere stellen, was sie bei Kollegen oft unbeliebt macht.

Stundenlanges Grübeln und Nachdenken über ein Problem sind typisch für viele Betroffene. Bevor sie irgendetwas anfangen zu tun, wird oft übermäßig analysiert, geplant und organisiert - dazu gehört auch das ständige Anfertigen von Listen aller Art. Dies führt häufig dazu, dass es ihnen schwerfällt, sich bei mehreren Alternativen zu entscheiden. Aus Angst vor einer falschen Entscheidung werden Aufgaben hinausgezögert oder gar nicht angegangen.

 

Da es ein „gut genug" für Perfektionisten selten gibt, beißen sie sich oft an Projekten fest und haben Schwierigkeiten ein Ende zu finden. Außerdem konzentrieren sie sich immer nur auf das, was sie nicht können, anstatt auf das, was sie gut können. Sie suchen ständig nach Fehlern bei sich ( und anderen ) und finden natürlich auch immer etwas, das nicht perfekt ist. Aber jemand, der von seinen eigenen Fähigkeiten nicht überzeugt ist, dem trauen auch andere nichts zu. Und wer ständig andere kritisiert, kommt bei seinen Mitmenschen nicht gut an - auch wenn dies nicht aus Boshaftigkeit geschieht, sondern immer mit dem Ziel, das perfekte Ergebnis zu erhalten.

Perfektionisten können ihr Leben nicht genießen und sich auch nie über ihre Erfolge freuen, da sie überzeugt sind, sie hätten alles noch besser machen müssen. Sie erscheinen deshalb oft mürrisch, schlecht gelaunt und ständig unzufrieden mit sich und der Welt.

 

Dies alles zeigt, dass Perfektionismus keine besonders erstrebenswerte Eigenschaft ist und mehr Ärger als Segen bedeuten kann. Das heißt natürlich nicht, dass man deshalb nachlässig, gleichgültig oder unzuverlässig handeln sollte. Es geht vielmehr darum, in jeder Situation bewusst die Entscheidung treffen zu können, wie viel Einsatz man bringen möchte, bzw. jederzeit zu seinem persönlichen „gut genug" zu kommen und auch rechtzeitig eigene Grenzen zu erkennen. Ziel ist es, das Nichtperfekte akzeptieren zu lernen und das Erreichte schätzen und genießen zu können.

 

Trotz oft großen psychischen Belastungen fällt es Perfektionisten meistens lange Zeit schwer,  professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich in psychologische Behandlung zu begeben. Aufgrund ihrer hohen Erwartungshaltung an sich selbst, neigen sie leider dazu, „damit auch allein fertig werden zu wollen". Mit dieser Einstellung wird jedoch häufig über viele Jahre hinweg eine bessere Lebensqualität verhindert.

Dabei kann man mit einer kognitiven Verhaltenstherapie gute Ergebnisse erzielen. Bei dieser Therapieform geht man davon aus, dass die Art und Weise wie wir denken, wie wir Situationen und uns selbst beurteilen, unsere Gefühle und unser Verhalten bestimmen.

 

Das Ziel einer Psychotherapie ist nie der „perfekte" Mensch , sondern ein Mensch, der mit sich und seiner Umwelt im Einklang und zufrieden leben kann.