Psychosomatik: Die Einheit von K├Ârper und Seele

 

 

Bei der Psychosomatik  ( griechisch : Psyche = Seele ; Soma =  Körper ) geht es um das Zusammenspiel zwischen seelischen , körperlichen und sozialen Faktoren, die Einfluss auf die Entstehung, den Verlauf und die Bewältigung von Krankheiten haben.

 

Durch die naturwissenschaftliche Forschung in der Medizin wurde das Augenmerk bei Erkrankungen in den letzten 50 Jahren überwiegend auf die körperliche Symptomatik gelenkt.

Moderne Labordiagnostik, Gerätemedizin und wirksame Medikamente sollten helfen, den Menschen von seiner Krankheit zu heilen.

 Allerdings haben viele Ärzte bald bemerkt, dass sich manche Patienten ,trotz aller Maßnahmen, schlecht fühlen, arbeitsunfähig sind und Schmerzen haben, die sich nicht erklären lassen.

So hat sich in letzter Zeit eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen wieder verstärkt durchgesetzt ; d.h. bei der Behandlung einer Krankheit werden psychische und körperliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt.

 

In jeder Kur – oder Rehaklinik gehören inzwischen Gespräche mit einem Psychologen selbstverständlich zum Behandlungsplan .

Dass körperliche Erkrankungen Auswirkungen auf die Seele eines Menschen haben, ist leicht verständlich. Die damit verbundenen Einschränkungen im Alltag, Ängste  und Schmerzen, vor allem bei chronischen Erkrankungen, bewirken, dass sich das Verhalten und die Lebensqualität der Betroffenen verändert. Es kommt oft zu großen psychischen Problemen , die dazu führen, dass die Erkrankten nicht mehr motiviert genug sind, um an ihrer Behandlung aktiv mitzuarbeiten – d.h. das Befinden verschlechtert sich und Schmerzen werden als noch qualvoller empfunden.

 

Bei einigen Krankheiten konnte bewiesen werden, dass deren Verlauf  (neue Schübe, Schweregrad ) und Bewältigung ganz wesentlich von psychischen Faktoren

abhängig ist.

Dies sind bei Erwachsenen z.B. Bronchialasthma, einige entzündliche Darmerkrankungen , rheumatoide Arthritis oder Bluthochdruck. Bei Kindern zählt die Neurodermitis zu dieser Gruppe .

Bei diesen „typischen“ psychosomatischen Erkrankungen existiert ein eindeutiger organischer Befund, der durch ärztliche Untersuchungen, Röntgenaufnahmen und Labordiagnostik belegt ist.

 

Es gibt aber auch eine Vielzahl an körperlichen Symptomen und Beschwerden, für die es keinen ausreichenden organischen Befund gibt. Dies sind die so genannten „ somatoformen Störungen“ – manchmal auch „ funktionelle Störungen“ oder „ vegetative Dystonie“ genannt.

Körperliche Reaktionen auf seelische Belastungen kennt jeder. Herzklopfen vor dem Vorstellungsgespräch, ein mulmiges Gefühl im Bauch vor einer Prüfung, hat sicherlich auch jeder schon einmal an sich beobachten können. Dies sind normale körperliche Reaktionen, die keinen Krankheitswert besitzen, so lange sie nur vereinzelt auftreten. Sie können aber helfen zu verstehen, wie sehr sich seelische Vorgänge auf den Körper auswirken können.

Deshalb haben viele „alte“ Formulierungen durchaus ihre Richtigkeit : „  mir ist etwas auf den Magen geschlagen“ oder „ mir liegt etwas im Magen“  - soll eigentlich heißen : „ich habe ein Problem, mit dem ich nicht fertig werde und das mich sehr belastet“.

 

Die Ursache für eine somatoforme Störung ist also eigentlich ein seelischer Konflikt, der nicht bearbeitet wurde und  sich dann in Körpersymptomen ausdrückt.

Ein Beispiel : ein Angestellter trägt einen Konflikt mit seinem Vorgesetzten nicht aus, sondern erkrankt an Magenschmerzen und zieht sich durch eine Krankschreibung aus der Situation zurück  - er „somatisiert“ seinen Ärger und seine Wut, statt den Konflikt zu lösen.

 

Diese somatoformen Störungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen in den Praxen der Allgemeinärzte. Bei ca. jedem fünften Patienten, der wegen körperlicher Beschwerden seinen Hausarzt aufsucht, kann trotz vielfältiger medizinischer Untersuchungen keine eindeutige körperliche Ursache für die geschilderten Beschwerden gefunden werden.

 Diese Störung kann sich in einer Vielzahl von Symptomen äußern :

Herz -Kreislaufbeschwerden, Muskelschmerzen, Magen-Darm-Störungen, Gliederschmerzen, Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen oder Schwindelgefühle.

 

Die Betroffenen leiden trotz der fehlenden Befunde genauso stark unter ihren Beschwerden, wie Menschen, die tatsächlich körperlich krank sind.  Es fällt ihnen jedoch oftmals sehr schwer, eine psychische Verursachung ihrer Beschwerden  ( z.B. durch Stress, Überlastung oder zwischenmenschliche Konflikte ) zu akzeptieren oder in Betracht zu ziehen.

Patienten mit somatoformen Beschwerden haben deshalb oft einen langen Weg durch das Gesundheitswesen hinter sich, bevor sie sich in psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung begeben.

 

Die Erkrankten wechseln häufig von Arzt zu Arzt , weil sie nicht verstehen können, dass keiner die Ursache ihrer Symptome findet und sie das Gefühl haben, mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen zu werden. Auch wenn mehrere Ärzte , unabhängig voneinander , dem Betroffenen versichern, dass er körperlich soweit gesund sei, kann dieser das nicht glauben.

Er zweifelt vielmehr an der fachlichen Qualifikation der Mediziner.

 

Auch die vorgeschlagenen Therapien und Medikamente zeigen keine ausreichende Wirkung, da sie nicht auf die eigentliche Ursache gerichtet sind, sondern lediglich körperliche Symptome beeinflussen.

 Dies zieht zahlreiche , meist völlig überflüssige, medizinische Untersuchungen und Behandlungen nach sich, die mit enormen Kosten verbunden sind.

So wird auch die dritte Magenspiegelung und das vierte EKG innerhalb kürzester Zeit keine andere Diagnose zutage bringen.

 

In ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung greifen viele Menschen dann zu Schmerzmitteln, um ihre Beschwerden zu lindern . Manche versuchen auch sich mit Alkohol zu betäuben, so dass sie dann noch zusätzlich in eine Abhängigkeit von diesen Substanzen geraten – Probleme in Partnerschaft, Familie und im Beruf sind dann die Folge. So mancher setzt auch seine Hoffnung in obskure Heilmethoden oder Wunderheiler.

 

Vor allem Patienten die an unerklärlichen Schmerzen leiden, neigen zu einem „ Schon –

verhalten“. Sie vermeiden körperliche Aktivitäten und ziehen sich mehr und mehr zurück.

Ihr Augenmerk ist nur noch auf das Thema „ Schmerz“ ausgerichtet und sie verlieren das Vertrauen in ihren Körper.

 

Bei einigen Betroffenen kommt es im Verlauf ihrer Krankheit zu einer übermäßigen Selbst –

beobachtung des eigenen Körpers. Auch kleinste, eigentlich „normale“ Symptome werden

bewusst wahrgenommen und als Zeichen einer weiteren Erkrankung gedeutet. Dies löst dann oft massive Ängste aus.

 Medizinische Fachbücher und Zeitschriften werden zur täglichen Pflichtlektüre und Fernsehsendungen, die über Krankheiten, Therapien usw. berichten , dienen der Unterhaltung. Irgendwann dreht sich das ganze Leben nur noch um das Thema „ Krankheit“ und das Verhalten des Betroffenen im Alltag ändert sich zusehends.

 

Familienmitglieder , Kollegen und Freunde wissen meist nicht, wie sie helfen können. Nicht selten werden die Erkrankten verdächtigt, ihre Beschwerden nur zu simulieren oder „krank feiern“ zu wollen : „ der Arzt hat doch gesagt, dir fehlt nichts – also stell´ dich nicht so an“.

Die sozialen Beziehungen des Betroffenen verschlechtern sich in gleichem Maße wie sein

Befinden. Er fühlt sich von seinen Mitmenschen unverstanden und allein gelassen.

 

Unnötige Untersuchungen und unnötig verschriebene Medikamente belasten die Krankenkassen :

 man geht davon aus, dass für Patienten mit einer Somatisierungsstörung das

Neunfache der durchschnittlichen Kosten für medizinische Behandlungen ausgegeben wird.

 

Somit könnte eine rechtzeitige psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung zu einer Kostenreduktion beitragen, lange Arbeitsausfälle und Krankschreibungen vermeiden und vor allem die Lebensqualität der Betroffenen enorm verbessern.