Schmerz: Ein ständiger Begleiter

 

 

 

Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Schmerzen konfrontiert, die meist durch Verletzungen oder Infektionen ausgelöst werden. Dieser akute Schmerz hat eine Warnfunktion, er macht uns darauf aufmerksam, dass irgend etwas nicht stimmt.

Er veranlasst uns zu handeln ( z.B. einen Arzt aufzusuchen ) und dem Körper die benötigte Ruhe und Schonung zu gönnen. Die Schmerzen klingen meist nach dem Ausheilen der Erkrankung wieder ab.

 

Bei rund  7 Millionen Menschen in Deutschland ist das ganz anders. Sie leiden unter chronischen Schmerzen, d.h. die Schmerzen kehren regelmäßig wieder oder sind ständig vorhanden.

Rückenschmerzen stellen die häufigste Form chronischer Schmerzen dar, gefolgt von Kopfschmerzen und rheumatischen Schmerzen.

 Neben der stark verminderten Lebensqualität der Betroffenen, sind auch die volkswirtschaftlichen Belastungen erheblich : so werden die Kosten für Behandlungen, Reha – Maßnahmen, Arbeitsausfälle und frühzeitige Verrentung auf über 30 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

 

Chronischer Schmerz ist nie nur ein körperliches Problem , er erfasst immer den ganzen Menschen. Die ständigen Qualen und die damit verbundenen Schlafstörungen  machen reizbar und trübsinnig, was zu Konflikten in der Familie und der Partnerschaft führt.

 Die Fehlschläge bei wiederholten Therapieversuchen erzeugen ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein – das Selbstwertgefühl schwindet.

 Hinzu kommen häufig  Sorgen um den Job und finanzielle Probleme.

 Viele Schmerzkranke ziehen sich mit der Zeit immer mehr von Familie, Freunden, Kollegen und Bekannten zurück und geraten so in eine Spirale, in der sich psychische Belastungen und die Konzentration auf den Schmerz gegenseitig hochschaukeln und aus der sie ohne professionelle Hilfe nur noch schlecht herausfinden.

 

Ursache für chronische Schmerzen können schwere Erkrankungen wie zum Beispiel bösartige Tumore oder unheilbare Krankheiten, wie Rheuma oder multiple Sklerose sein.

Oft ist jedoch kein Zusammenhang mehr zwischen dem Schmerz und der Erkrankung, die einst den Schmerz auslöste, erkennbar. Der Schmerz hat seine Warnfunktion verloren und ist zu einem eigenständigen Krankheitsbild geworden. Dafür zuständig ist das so genannte „Schmerzgedächtnis“. Wenn sich akute Schmerzen ständig wiederholen, speichert der Körper diese Erfahrung an mehreren Stellen des zentralen Nervensystems - die schmerzleitenden Nervenzellen verändern sich und reagieren dann bereits bei geringsten Reizen mit starker Aktivität.

 

Eine weitere Ursache für Schmerzen können auch „seelische Verletzungen“ sein. Bei diesen psychogenen Schmerzzuständen gibt es keine zugrunde liegende körperliche Erkrankung.

 Diese seelischen Verletzungen können sehr unterschiedliche Gründe haben und sind dem Betroffenen nicht immer bewusst. Trennungen, Todesfälle von nahestehenden Menschen, Kränkungen und Zurückweisungen, aber auch andauernde Streitigkeiten und ungelöste zwischenmenschliche Konflikte können Auslöser von chronischen Schmerzen sein.

 Der Betroffene drückt über das Symptom „ Schmerz“  psychisch belastende Lebenssituationen, Angstzustände oder Depressionen aus – psychische Konflikte werden körpersprachlich dargestellt. Durch den Schmerz erfolgt also ein Umlenken vom psychischen in den körperlichen Bereich.

 

 Gerade diese Patienten sind oft am Verzweifeln, da für ihre Schmerzen trotz mehrfacher Untersuchungen und modernster Diagnostik keine Ursache zu finden ist.

Sie fühlen sich von den behandelnden Ärzten nicht ernst genommen und werden von ihrer Umgebung schnell aus Simulanten abgeurteilt.

 

Die Intensität des Schmerzes ist stets ein subjektives Empfinden und steht in keinem direkten Zusammenhang mit dem Schweregrad der Erkrankung.

 Zwei Menschen, die an der gleichen Krankheit leiden, werden die  Stärke ihres Schmerzes immer unterschiedlich empfinden. Die Schmerzwahrnehmung ist stark abhängig von der persönlichen Einstellung des Betroffenen zu seiner Erkrankung sowie seiner momentanen Stimmungslage und Befindlichkeit.

 

Genau an diesem Punkt setzt die psychologische Schmerzbewältigungstherapie an, welche die medikamentöse und physikalische Behandlung ( Massagen, Bäder, Krankengymnastik usw. ) idealerweise ergänzen sollte.

 Mit dieser Therapie wird man die Grunderkrankung zwar nicht heilen können, das Ziel ist vielmehr eine Schmerzreduktion, die Verbesserung der Lebensqualität trotz fortbestehender Beschwerden, die Minderung der schmerzbedingten Beeinträchtigungen sowie eine Reduktion von schmerzstillenden Medikamenten.

 

Eine Schmerzbewältigungstherapie setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen :

Im Rahmen einer Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen ihre persönlichen Überzeugungen, Grundhaltung und Erwartungen im Zusammenhang mit dem Thema

„Schmerz“, bzw. „Krankheit“ zu identifizieren und gegebenenfalls zu verändern , vor allem solche, die zu ungünstigem Verhalten und negativen Gefühlen führen. Chronische Schmerzen werden durch negative Gedanken ( „ es wird immer schlimmer“,  „mir kann keiner helfen“ ) verstärkt. Mit Hilfe eines „Schmerztagebuchs“ wird vieles deutlich : in welchen Situationen und bei welchen psychosozialen Belastungen wird der Schmerz stärker, wann wird er schwächer ? Welche Behandlungsmaßnahme war erfolgreich ?

 

In einem Selbstinstruktionstraining erfährt der Patient, wie er sich selbst systematisch Anweisungen geben kann, um schwierige Situationen, die bisher oft schmerzauslösend waren, besser bewältigen zu können.

 

Durch das Erlernen der Progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson , sowie durch die  Hinzunahme autogener Elemente wie „Ruhewort“ und „Ruhebild“ erleben die Patienten eine bessere Wahrnehmung ihres Körpers, Stressbewältigung und die Entspannung von angespannten Muskelpartien.

 Das Gefühl, selbst aktiv gegen den Schmerz vorgehen zu können, stärkt das Vertrauen in die eigene Schmerzbewältigungskompetenz und den Durchhaltewillen.

 

Viele Patienten haben infolge ihres Schmerzleidens ihre körperliche Aktivität stark eingeschränkt, da sie überzeugt sind, dass Ruhe und Schonung ihre Schmerzen lindern würden. Auf diese Weise kann es zu einem Schmerz – Verspannungs- Teufelskreis kommen : die nicht bewegte Muskulatur verspannt sich, dies führt auf die Dauer zu Schmerz - und auf Grund des Schmerzes wird die Bewegung noch weiter eingeschränkt.

 Vor allem bei Rückenschmerzen ist dies häufig der Fall. Letztendlich kann der Betroffene dann nicht mehr unterscheiden woher der Schmerz kommt : von der ursprünglichen Erkrankung oder durch das Schonverhalten.

 In Zusammenarbeit mit Ärzten und Physiotherapeuten wird dann versucht die Aktivität wieder zu steigern, indem sinnvolle körperliche Betätigungen und ein neues Freizeitverhalten geplant werden.

 

Oft ist es auch notwendig, dass chronisch Schmerzkranke lernen mit Belastungen und Überforderungen anders umzugehen. Viele sind äußerst leistungsorientiert und neigen dazu, sich ständig zu viel abzuverlangen.

 Diese müssen dann lernen, sich nicht an Leistungsnormen, sondern am eigenen Befinden zu orientieren.

Häufig geht es darum, Pausen im Tagesablauf festzulegen – die Betroffenen sollen verstehen, dass angemessene Ruhepausen keine Zeitverschwendung sind, sondern dass ihr Körper Entspannungsphasen benötigt, um leistungsfähig zu bleiben.  

 

Für viele Patienten wird der Schmerz zum Mittelpunkt ihres Lebens. Kontakte zu Freunden und Bekannten werden weniger oder brechen ganz ab, da sie an manchen Unternehmungen schmerzbedingt nicht mehr teilnehmen können.

Um dann nicht völlig in die soziale Isolation zu geraten, wird eine Änderung in der Lebensführung   nötig, aber diese erfordert viel Eigeninitiative, Einsatz und Ausdauer.

 

 Hier liegt vielleicht mit die wichtigste Aufgabe der Schmerzbewältigungstherapie : Der Schmerzkranke soll Motivation und Unterstützung bei der Umgestaltung seines Lebensstils erfahren.

 Die Aufmerksamkeit soll sich weg vom Thema „Schmerz“ bewegen und das Augenmerk sich auf die Dinge richten, die trotz schmerzbedingter Einschränkungen, Genuss und Freude bringen.

 

 Das Ziel ist erreicht, wenn der Betroffene erkennt, dass auch ein Leben mit Schmerzen durchaus lebenswert sein kann.