Selbstverletzung: Ein Hilfeschrei der Seele

 

 

Seit einigen Jahren werden bei Jugendlichen und jungen Menschen immer häufiger Selbstverletzungen beobachtet,  d.h. Handlungen, die bewusst gegen den eigenen Körper gerichtet sind. Meist kommt es zu selbstzugefügten Schnittverletzungen  („Ritzen“ ) mittels Rasierklingen, Messern und Scherben an Körperstellen, die gut bedeckt werden können und damit nicht sofort sichtbar werden. Aber auch Verbrennungen mit Zigaretten, Verbrühungen, Bisswunden bis hin zum Verschlucken von gefährlichen Gegenständen, sind Formen von  selbstverletzendem Verhalten  ( SVV )

Die Folgen sind neben „harmlosen“ Narben, die allerdings ein Leben lang als Erinnerung bleiben, oft schwerwiegende und mitunter sogar lebensgefährliche Verletzungen.

 

Selbstverletzungen gab es schon immer. Diese hatten aber in der Vergangenheit oft einen religiösen Hintergrund  ( Flagellanten peitschten sich im mittelalterlichen Christentum, um Buße zu tun ) oder wurden von schwer psychisch kranken Menschen verübt, wie das Beispiel des Malers Vincent van Gogh, der sich ein Ohr abschnitt.

Auch Soldaten im Krieg verletzten sich selbst, um von der Front zurück nach Hause geschickt zu werden.  

 

Selbstverletzungen können auch bei Menschen auftreten, die an einer Borderline- Persönlichkeitsstörung oder an einer Zwangserkrankung leiden, die drogenabhängig oder geistig behindert sind.

 

Bei den meisten Selbstverletzungen handelt es sich jedoch um keine bestimmte psychische Erkrankung, sondern um ein Anzeichen für schwere seelische Belastungen, die sich in Spannungszuständen, unerträglicher innerer Leere, Hass, Selbsthass und Trauer äußern und für die ein Ventil gesucht wird.

 

Genaue Zahlen, wie viele Menschen sich in Deutschland selbst verletzen gibt es nicht. Anhand von anonymen Befragungen und aufgrund medizinisch erfasster Behandlungen kommt man auf ca. 800.000 Betroffene, wobei die tatsächliche Zahl um ein Vielfaches höher liegen dürfte, da eben nur wenige Verletzungen ärztlich versorgt werden. Meist sind es weibliche Jugendliche und junge Frauen zwischen 13 und 25 Jahren, die Anzahl von männlichen Betroffenen ist deutlich geringer.

 

SSV beginnt häufig in der Pubertät, eine Phase in der ein großes Aggressionspotential auftritt, das vor allem Mädchen schlecht nach außen bringen können.

 Schon von klein auf dürfen Jungen ihre Wut besser  ausleben als Mädchen, d.h.  sie reagieren später eher fremdaggressiv, während Mädchen ihre Aggressionen mehr unterdrücken, nach Innen und gegen sich selbst richten.

 

Menschen, die sich selbst verletzen, haben in der Regel ein sehr geringes Selbstwertgefühl, das sich bis zu einem tiefen Selbsthass steigern kann.

Sie sind extrem selbstkritisch, haben eine schlechte Meinung von sich und neigen dazu, bei Problemen und Konflikten mit anderen die Schuld stets bei sich zu suchen.

 Mit (negativen) Gefühlen können sie nur schwer umgehen, sie sind sehr sensibel, fürchten von anderen abgelehnt zu werden und versuchen daher sich überall gut anzupassen und nicht aufzufallen.

Die Betroffenen kommen aus allen Gesellschaftsschichten und sind oft sehr intelligent.

 

Die Ursachen für Selbstverletzungen sind vielfältig. Manche Mädchen wurden Opfer von Misshandlungen, Vergewaltigungen oder Missbrauch und empfinden ihren Körper als abstoßend und schmutzig.

 Andere mussten schon früh lernen mit ihren Problemen selbst zurecht zu kommen, bzw. für sich selbst und für Geschwister die Verantwortung zu übernehmen, da die Eltern mit der Familiensituation überfordert waren oder z.B. ein Alkoholproblem hatten.

 

Die Mehrzahl jedoch lebt sicherlich in ganz „normalen“ Familien. Fragt man die Mädchen nach den Gründen, erzählen viele von Leistungsdruck und hohen Erwartungen der Eltern, von Mobbing in der Schule, Einsamkeit, von Liebeskummer oder von Streit und Spannungen in der Familie.

Sie selbst sehen sich oft als Außenseiter und sind der Meinung, dass keiner sie versteht und ernst nimmt.

 

Selbstverletzungen sind eine Reaktion auf psychische Überlastungen und daraus entstandenen inneren Druck. Zumeist wird auf diese Weise versucht unerträgliche Gefühle zu kompensieren, indem man sich körperlichen Schmerz zufügt, der den seelischen Schmerz überdeckt. Die Verletzungen geschehen oft zwanghaft, wie in Trance.

 

Der zugefügte Schmerz wird kaum empfunden, er wirkt vielmehr wie eine Erlösung: Endorphine ( Glückhormone ) werden ausgeschüttet, der Zustand der Anspannung verschwindet und Entspannung und Erleichterung machen sich breit.

Doch hier beginnt der Teufelskreis: Selbstverletzungen können wie eine Droge wirken. Auch wenn sich die Betroffenen nachher oft für ihre Tat schämen, bleibt die Erkenntnis, dass die Selbstverletzung „ geholfen“ hat. Die Jugendlichen verletzen sich häufiger und die Schnitte werden immer tiefer, die Wunden immer größer.

 

 Manche Mädchen bestrafen sich auch bewusst selbst, wenn sie die Erwartungen anderer nicht erfüllen konnten oder auch an ihren eigenen perfektionistischen Ansprüchen gescheitert sind. Dieses Verhalten findet man oft bei Mädchen mit Essstörungen, wenn sie gegen ihren selbstauferlegten „Hungerplan“ verstoßen haben oder eine „Fress-Attacke“ hatten.

 

Mitunter ist Selbstverletzung auch eine „Modeerscheinung“. Gruppenzwang oder einfach auch „cool“ sein wollen, führen dazu, dass ganze Schulklassen es ausprobieren. Die meisten Jugendlichen hören nach einiger Zeit damit auch wieder auf, leider bleiben aber zu viele in dem oben erwähnten Teufelskreis hängen. Für sie wird die Selbstverletzung zu einer „ Problemlösestrategie“.

Gerade in der Punk – oder Gothic – Szene benutzen Jugendliche die Selbstverletzung als Mittel zur Selbstdarstellung und als Ausdruck des Widerstandes.

 

Oft bemerken Eltern lange Zeit nichts davon, dass sich das eigene Kind verletzt. Viele auffällige Verhaltensweisen sind in der Pubertät eher normal: Rückzug vom Familienleben oder Stimmungsschwankungen.

 

 Aufmerksam sollten Eltern werden, wenn die Jugendlichen auch im Sommer nur noch langärmelige Shirts oder lange Hosen tragen, für Narben und Verletzungen keine glaubwürdigen Erklärungen geben können, nicht mehr mit ins Schwimmbad gehen oder Blutflecken auf der Kleidung sind ( plötzlich wollen sie ihre Wäsche selbst waschen ).

Verletzungen, die aus Versehen oder Unachtsamkeit entstanden sind, wird niemand versuchen zu verbergen – versteckt werden nur die Verletzungen, die sich die Jugendlichen selbst und bewusst zugefügt haben!

 

Wenn aus einem Verdacht dann Gewissheit wird, sind alle Eltern zunächst furchtbar schockiert und hilflos. Dennoch ist es sinnlos, mit Panik, Vorwürfen, Strafen, Kontrollen oder Druck zu reagieren – all dies würde die innere Anspannung der Betroffenen noch erhöhen und somit erneute Selbstverletzungen hervorrufen.

Die Eltern sollten sich klarmachen, dass hinter dem Verhalten keine böse Absicht steckt, sondern dass es sich hierbei um einen Hilferuf handelt! Besser ist es, dem Jugendlichen zu zeigen, dass man ihn und seine Probleme ernst nimmt, dass man sich Sorgen macht und ihm helfen möchte.

Manchmal kann man dies in einem Brief besser ausdrücken, vor allem wenn der Betroffene zunächst nicht gesprächsbereit ist. Mitunter genügt es schon seinem Kind mehr Beachtung, Verständnis, Anerkennung und vor allem mehr Unterstützung zu geben.

Viele junge Menschen werden heute „erwachsener“ eingeschätzt, als sie wirklich sind, da ihre körperliche Entwicklung oft wesentlich weiter ist, als ihre seelische und geistige.

 

Manchmal schaffen es betroffene Jugendliche so auch ohne psychotherapeutische Hilfe ihre selbstverletzenden Handlungen einzustellen.

Oft ist aber eine stationäre Behandlung in einer Fachklinik und / oder eine ambulante Therapie notwendig.

Hier wird das Selbstwertgefühl der Patienten gestärkt, ihr Umgang mit Gefühlen verändert und sie erlernen neue Methoden um Krisen und Probleme zu bewältigen. Wut, Trauer und Aggressionen sollen nicht mehr gegen die eigene Person gerichtet werden, sondern in einer sozial tragbaren Weise nach außen gewandt werden.

Ablenkungsmaßnahmen und Ersatzhandlungen werden erarbeitet, die zum Einsatz kommen, wenn der Drang sich zu verletzen sehr groß wird: auf ein Kissen einschlagen, sich körperlich auspowern, in eine Zitrone oder Chillischote beißen, Eiswürfel auf die Haut pressen, usw. Jeder Patient stellt für sich ganz individuell eine Liste zusammen, die ihm hilft, den Druck abzubauen.

 

 Außerdem werden in der Therapie die Ursachen und Hintergründe betrachtet, die bisher die Selbstverletzungen verursacht haben: waren sie der Ausdruck von Wut und Frust, dienten sie der Selbstbestrafung oder haben traumatische Erlebnisse dazu geführt?

 

Da die Ursachen für Selbstverletzungen oft im Umfeld der Betroffenen liegen, ist es fast immer sinnvoll die Familie in die Therapie mit einzubeziehen. Zum einen hilft es den Eltern das Verhalten ihres Kindes zu verstehen und zu erfahren, wie sie damit umgehen können. Zum anderen ist es aber für die Jugendlichen sehr wichtig, Schwierigkeiten innerhalb der Familie aufzuarbeiten.

 Häufig wurden bisher Konflikte und Probleme „unter den Teppich“ gekehrt, anstatt sie zu klären. Das Ziel solcher gemeinsamen Sitzungen ist es, das gegenseitige Verständnis zu stärken und die Familiensituation zum Positiven zu verändern.

 

Vielen Eltern und Betroffenen hilft es auch, sich in Selbsthilfegruppen mit anderen auszutauschen. So erfahren sie, dass sie keineswegs alleine sind und es weitaus mehr Fälle gibt, als oft angenommen wird.