Soziale Phobie: Die Angst vor den anderen

 

Angst und Unsicherheit im Kontakt mit anderen Menschen, Lampenfieber oder Prüfungsangst  sind zwar unangenehm, gehören aber zu den üblichen Erfahrungen, die jeder schon einmal gemacht hat. Meistens schafft man es irgendwie sich diesen Herausforderungen zu stellen und sie zu meistern. Die damit verbundenen negativen Gefühle und körperlichen Begleiterscheinungen sind dann schnell wieder vergessen und spielen im Alltag keine Rolle mehr.

 

Bei rund 5 % der Bevölkerung übersteigen diese Ängste jedoch ein „normales“ Maß und hinter der vermeintlichen Schüchternheit verbirgt sich eine soziale Phobie, die einen Menschen in seinem gesamten Leben stark beeinträchtigen kann.

Die Einschränkungen sind vielfältig und umfassen alle Lebensbereiche. Viele Situationen, die normalerweise keine Belastung darstellen, sind für Menschen mit sozialen Ängsten kaum zu bewältigen, z. B. ein Bewerbungsgespräch führen, anlässlich eines Geburtstages eine kleine Rede halten, etwas in einem Geschäft reklamieren oder sich auf einem Fest mit anderen ( fremden ) Gästen unterhalten.

 

Menschen mit sozialer Phobie verspüren eine starke und andauernde Angst sich in Gegenwart anderer zu blamieren, sich lächerlich zu machen, zu versagen oder durch ungeschicktes Verhalten unangenehm aufzufallen. Sie befürchten in sozialen Situationen abgelehnt, verspottet oder kritisiert zu werden, „dumm“ dazustehen, die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr zu wissen, wie sie sich verhalten oder was sie sagen sollen.

Besonders unangenehm ist es für sie im Mittelpunkt zu stehen. Sie sind überzeugt, dass ihnen ihre Angst und Nervosität von anderen angesehen werden könnte, was ihre Unsicherheit dann oftmals noch verstärkt.

 

Als Folge dieser Angst treten in Situationen, in denen sie mit anderen Menschen Kontakt haben, häufig auch verschiedene körperliche Symptome auf , wie Erröten, Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Schwindelgefühle und Übelkeit.

 Vor allem das psychogene Händezittern wird als besonders unangenehm erlebt und kann dazu führen, dass die Betroffenen in Anwesenheit anderer nicht mehr trinken, essen oder schreiben wollen.

 

Um all das zu vermeiden, gehen Menschen mit sozialen Ängsten Situationen, in denen sie sich der Bewertung durch andere ausgesetzt fühlen, oft von vornherein aus dem Weg. Sie suchen ständig nach Ausreden, weshalb sie an bestimmten Aktivitäten nicht teilnehmen können, was langfristig zu einer sozialen Isolation führt.

Viele leben sehr zurückgezogen, vor allem die Suche nach einem Lebenspartner gestaltet sich oft schwierig. Das Risiko auf der Suche nach dem „richtigen“ Partner womöglich einige Ablehnungen hinnehmen zu müssen, erscheint einfach als zu groß.

Auch die berufliche Karriere, der Kontakt zu Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden ist meist stark beeinträchtigt.

 

Leider führt das Vermeidungsverhalten dazu, dass die Betroffenen aufgrund mangelnder Kontakte gar keine positiven Erfahrungen im Umgang mit anderen mehr machen können.

Jeder Mensch erfährt in seinem täglichen Leben hinsichtlich seines Verhaltens positive und negative Reaktionen seiner Mitmenschen. Dieses Feedback fehlt Menschen mit sozialer Angst und verstärkt ihre Unsicherheit.

 

Soziale Phobien sind fast immer mit einem niedrigen Selbstwertgefühl, sowie Furcht vor Kritik und Ablehnung verbunden. Meist finden sich typische Denkmuster, wie : „ ich bin dumm / uninteressant / langweilig / nicht liebenswert / unattraktiv“.

Diese verzerrte Selbstbewertung führt dazu, dass Menschen mit sozialen Ängsten sich nicht durchsetzen und ihre berechtigten Wünsche und Bedürfnisse nicht ausreichend vertreten können.

Auseinandersetzungen oder Diskussionen werden meist vermieden. Es fällt ihnen sehr schwer, sich gegenüber den Forderungen anderer abzugrenzen oder Nein zu sagen, da sie befürchten, dann nicht mehr anerkannt oder geliebt zu werden.

 

Um ihre Ängste zu verdrängen, lockerer zu werden oder die unangenehmen körperlichen Symptome abzuschwächen, entdecken viele Betroffene die „Wirksamkeit“ von Alkohol, Beruhigungsmitteln oder anderen Drogen / Medikamenten.

Anfangs nur sporadisch eingenommen, kann schnell eine Abhängigkeit entstehen. Dies schafft dann noch zusätzliche  Probleme : Ärger mit Freunden und in der Familie, gesundheitliche Beschwerden und womöglich der Verlust des Arbeitsplatzes.

 

Soziale Ängste entwickeln Männer gleichermaßen wie Frauen und sie können in allen  Alters- und Bevölkerungsgruppen auftreten.

Es gibt auch keine typischen Situationen, in denen alle Betroffenen gleich reagieren. So kann jemand , der in seinem beruflichen Umfeld selbstsicher und nahezu problemlos agiert, im privaten Bereich unsicher und stark gehemmt sein.

 

Wie die meisten anderen Angsterkrankungen entstehen auch die sozialen Ängste nicht durch ein bestimmtes Ereignis.

Zuerst einmal spielt die Veranlagung eine Rolle. So sind schon manche Kleinkinder deutlich schüchterner und zurückhaltender als ihre Altersgenossen. Diese Tendenz kann dann unter Umständen durch den Erziehungsstil der Eltern noch verstärkt werden. Wird ein Kind überbehütet, darf nichts selbstständig tun oder Dinge altersgemäß frei entscheiden, wird es unsicher und zweifelt an den eigenen Fähigkeiten.

 Eltern, die ihr Kind ständig mit anderen Kindern vergleichen, es häufig kritisieren und selten loben, es vor anderen bloßstellen oder lächerlich machen, fördern schon früh die spätere negative Grundeinstellung : Ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin.

 Häufig sind die Eltern selbst auch sehr unsicher und gehemmt, was den Umgang mit anderen Menschen betrifft. Sie haben sehr genaue und oft überzogene  Vorstellungen davon, wie man sich zu verhalten hat, um nirgends unangenehm aufzufallen oder anzuecken. Dieses Verhalten wird dann an die Kinder weitergegeben und sozusagen „vererbt“.

 

Die Sozialphobie zeigt sich typischerweise in der Pubertät erstmals sehr deutlich, wenn bezüglich der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Selbstbildes noch vieles unklar ist.

Die Ängste entwickeln sich im weiteren Verlauf dann schleichend und bleiben zumeist bestehen, bzw. haben die Tendenz sich zu verstärken .

 Manchmal gibt es auch Zeiten, in denen die Betroffenen fast beschwerdefrei leben können, wenn es ihnen gelingt ihr Leben, wenn auch mit Einschränkungen, entsprechend ihrer Phobie einzurichten. Doch leider genügt oft nur eine kleine Veränderung im Alltag  ( Umzug, neuer Arbeitsplatz, usw. ) und die Ängste gewinnen wieder die Oberhand.

 

In einer Psychotherapie, insbesondere mit Hilfe der „Kognitiven Verhaltenstherapie“ können die Betroffenen lernen, ihre negativen Selbstbewertungen zu überprüfen und durch angemessene Bewertungen zu ersetzen.

Gleichzeitig lernen sie mögliche Kritik und Ablehnung zu ertragen, ihren Perfektionsanspruch aufzugeben, sich selbst besser zu akzeptieren und sich unabhängiger von der Meinung anderer zu machen.

 

 In einem Selbstsicherheitstraining  / bzw. sozialem Kompetenztraining lernen sie zudem soziale Fertigkeiten zu verbessern.

 Wie stellt man berechtigte Forderungen, wie beschwert man sich, wie bittet man jemanden um etwas ?

Ein weiteres Ziel ist  Nein - sagen zu lernen, sich nicht mehr ausnutzen zu lassen und auch nötigen Auseinandersetzungen nicht auszuweichen.

 Es ist wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und auf deren Erfüllung zu achten und es auszuhalten, wenn andere damit vielleicht nicht einverstanden sind.

 Die Betroffenen lernen außerdem Kontakte herzustellen und aufrecht zu erhalten , d.h. Gespräche führen, auf andere eingehen, Verabredungen treffen und auch mal im Mittelpunkt stehen.

Ebenso wird die nonverbale Kontaktfähigkeit verbessert, - dazu gehören Blickkontakt, Lächeln, eine offene Körperhaltung und angenehme Stimme.

 

Mit diesen Methoden ist es durchaus möglich, sich von einer sozialen Phobie zu befreien, auch wenn die Betroffenen vermutlich ihr Leben lang zurückhaltender und im Umgang mit anderen sensibler sein werden als so manche Mitmenschen.

Doch das muss ja kein Fehler sein !