Streit über die richtige Kindererziehung




Familien-und Paartherapeuten, Psychologen und Familienberater  erleben es täglich: in vielen Familien wird oft heftig über Kindererziehung gestritten. Eigentlich kein Wunder, sieht man sich die enorme Anzahl von Erziehungsratgebern an, die auf dem Markt sind – und jeden Monat kommen noch ein paar mehr hinzu. Wie sollen sich da die Eltern einigen, wenn nicht einmal die Experten einer Meinung sind ? Während in dem einen Buch von mehr Grenzen für Kinder plädiert wird, ist in einem anderen von mehr Freiheiten die Rede. Einmal sind Kinder kleine Tyrannen, das andere Mal wieder absolut überfordert von den Anforderungen unserer modernen Leistungsgesellschaft. Schon das legt den Schluss nahe : die „richtige“ Erziehung gibt es nicht!
Deshalb heißt es für alle Eltern selbst festzulegen, wie sie ihre Kinder erziehen möchten.

Was in der Praxis gar nicht so einfach ist ! Schließlich hat jedes Elternteil bestimmte Vorstellungen davon, wie die richtige Erziehung aussieht. Diese sind davon geprägt, welche Erfahrungen man selbst als Kind gemacht hat. Je nachdem, ob man seine eigene Kindheit als insgesamt glücklich ansieht oder ob man sich vornimmt, es anders und besser zu machen als die eigenen Eltern. Denn das, was man selbst erlebt und als schlimm oder schrecklich empfunden hat, will man seinem eigenen Kind niemals antun. Das andere Elternteil hat natürlich ebenso eigene, wenn vielleicht auch andere Erfahrungen gemacht, an die es sich nur ungern erinnert.
Auslöser für den Streit sind oft Kleinigkeiten : die Höhe des Taschengeldes, noch ein Eis – ja oder nein, Diskussionen ums Zubettgehen oder Fernsehen. Manchmal geht es aber auch um Grundsätzliches : wie viel Freiheit und Selbständigkeit, aber auch welche Grenzen braucht das Kind für eine gute Entwicklung, und  überhaupt : welche Werte will man vermitteln ? Auch hier sind die Prioritäten ganz unterschiedlich gelagert. Für den einen mögen Sauberkeit, Ordnung und Ehrlichkeit sehr wichtig sein, für den anderen sind es mehr die Zuverlässigkeit,  Toleranz und  Höflichkeit.

Um zu vermeiden, dass die unterschiedlichen Ansichten jedes Mal in einem große Ehekrach enden, hilft nur eines : rechtzeitig miteinander reden ! Viele Paare nehmen sich im Alltag kaum  Zeit, um zu reflektieren, was gerade in der Familie los ist, was gut läuft und was weniger gelingt. Ist dann der Streit erst mal da und die Stimmung entsprechend gereizt, wird man nur schwer zu irgendwelchen sinnvollen Lösungen kommen. Daher wäre es gut, die Eltern würden sich einmal die Woche zu einem festen Termin zusammensetzen, um zu besprechen, wie die vergangene Woche mit den Kindern verlaufen ist, was sich ändern muss und was bleiben kann.
Gerade wenn es darum geht, welche Werte man vermitteln möchte, sind sicherlich viele Gespräche nötig. Denn es geht ja nicht nur darum was wichtig ist, sondern auch wie jedes Elternteil den entsprechenden Begriff definiert. Ist es schon unehrlich, wenn man das Kind bei einer kleinen Schwindelei ertappt ?  Gerade bei den Begriffen „Ordnung und Sauberkeit“ scheiden sich häufig die Geister : was für den Vater ein aufgeräumtes Kinderzimmer ist, ist in den Augen der Mutter das völlige Chaos.

Da es in der Kindererziehung nur selten ein absolutes „richtig“ oder „falsch“ gibt, kann auch die eigene Meinung oder die des anderen Elternteils nicht grundsätzlich „richtig“ oder „falsch“ sein.
Wichtiger ist es eigentlich herauszufinden, welche Überzeugungen, Maßstäbe und Erziehungsregeln für das eigene Familienleben am sinnvollsten sind. Denn schließlich gilt es bei mehreren Geschwistern ja auch noch die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Kindes mit zu berücksichtigen. Hat sich eine Erziehungsmethode bei dem einen Kind bewährt, kann es sich beim anderen als völlig nutzlos erweisen.

Um eine Lösung für die kleinen Alltagsprobleme zu finden, hilft oft ein zeitlich begrenztes „Experiment“ . Die eine Woche setzt die Mutter ihre Vorstellungen zu einer bestimmten Thematik  um, die nächste Woche der Vater. Danach können beide gemeinsam entscheiden, welche Methode sich nun besser bewährt hat und wie die daraus entstehenden Regeln künftig aussehen.  Dazu ein Beispiel : Soll sich der siebenjährige Sohn gleich nach dem Mittagessen an die Hausaufgaben setzen oder erst eine Zeit lang spielen dürfen ? Beide Möglichkeiten werden nun jeweils eine Woche lang getestet, um dann zu entscheiden, was besser funktioniert hat und was vor allem speziell für dieses Kind das richtige ist.

Trotzdem wird es immer Dinge geben, über die man sich nicht einigen kann. Dies liegt aber meist nicht am mangelnden Willen, sondern an den bereits erwähnten Erfahrungen, die jeder in der eigenen Kindheit gemacht hat. Um die Ansichten des Partners besser nachvollziehen zu können und vielleicht sogar Verständnis dafür aufzubringen, muss man sich miteinander auch mal über die eigene Kindheit unterhalten. Was möchte man seinem Kind aufgrund eigener Erfahrungen ersparen und was soll es auch selbst erleben dürfen ? Hat man besonders schöne Erinnerungen an Familienurlaube an der Nordsee, möchte man natürlich dies auch dem eigenen Kind ermöglichen. Wurde man selbst als Kind mit Liebesentzug bestraft, soll das eigene Kind dies niemals so spüren müssen.
Nur wenn man weiß, was der Partner in seiner Kindheit erlebt hat, kann man auch seine Ängste verstehen und Gefühle und Ansichten respektieren. Das bedeutet, dass man in der Kindererziehung auch Kompromisse eingehen muss ! Die entscheidende Erkenntnis lautet dann : ich bin zwar nicht deiner Meinung, aber dir zuliebe machen wir das künftig so.

An eine Grundregel aber sollten sich beide halten : man darf die Kinder nicht zu Verbündeten machen. Das heißt, man sollte keine Heimlichkeiten hinter dem Rücken des anderen Elternteils fördern oder zulassen. Oft machen sich es die Erwachsenen damit zu einfach : Man hat gerade keine Lust oder Zeit sich mit seinem Partner auseinander zu setzen, ob die Tochter noch ein Eis haben kann und sagt dann zu dem Mädchen : „nimm dir noch ein Eis, aber sag´ nichts davon dem Papa“.
Auch  sollte es selbstverständlich sein, dass eine Entscheidung, die ein Elternteil kurzfristig getroffen hat, von dem anderen so erst mal respektiert wird und man sich nicht gegenseitig in den Rücken fällt. Ist man mit der Entscheidung absolut nicht einverstanden, sollte man dies in einem Gespräch unter vier Augen ausdiskutieren  (nicht im Beisein des Kindes !) und gemeinsam besprechen, wie man es künftig damit halten wird.
Kinder merken schnell, wie und ob sie ihre Eltern gegeneinander ausspielen können!  Und das schadet der ganzen Familie und stürzt die Kinder in einen Loyalitätskonflikt.

Häufig stecken hinter den Streitigkeiten über die Kindererziehung  grundsätzliche Probleme in der Paarbeziehung. Es geht also hierbei gar nicht um das Kind, sondern um einen Konflikt, den das Paar miteinander hat.
 Das Thema „Macht“ spielt dabei oft eine zentrale Rolle, – jeder will sich durchsetzen und die Erziehung wird zum Kampfplatz.
Aber auch Verhaltensweisen, die einen beim Partner stören, werden mitunter beim Kind thematisiert. Die Mutter ärgert sich z.B. über die Unordentlichkeit des Vaters und seinen Fernsehkonsum und macht dies beim Sohn zum Problem : „er ist schon genauso schlampig und fernsehsüchtig wie du“!
Generell ist es häufig so, dass sich Mütter in der Erziehung der Kinder allein gelassen fühlen und dass sie die Anerkennung der Väter für ihre Bemühungen im Familienalltag vermissen. Die Väter wiederum wissen oft nicht, wie sie die Anforderungen erfüllen sollen, die an sie gestellt werden. Diese beiderseitigen Frustrationen entladen sich dann schnell in der Partnerschaft, mit bitteren Vorwürfen und heftigen Schuldzuweisungen.

Eine besonders schwierige Situation stellt sich bei getrennt lebenden Eltern dar. Hier ist es oft noch weitaus problematischer, sich auf einen Erziehungsstil zu einigen. Leider geht es auch dabei meist weniger um die Frage, was gut für die Kinder ist, sondern vielmehr darum, dem Expartner für erlittene Verletzungen noch „eins auszuwischen“. Jeder will den Kampf um die Liebe des Kindes gewinnen,-  manchmal auch, indem man dem Nachwuchs etwas erlaubt, von dem man genau weiß, dass das andere Elternteil es verbieten würde. Der Verlierer ist in dem Fall immer das Kind, das die Feindseligkeiten zwischen den Eltern spürt und gar nicht verstehen kann. Schlimmstenfalls kommt es nämlich auf die Idee : „ich bin schuld daran, wenn Mama und Papa sich streiten – denn schließlich geht es dabei immer um mich“.
In so einer Situation kann eine neutrale dritte Person helfen, die zwischen den Elternteilen vermittelt und die vor allem das Wohl des Kindes im Auge behält. In einem Gespräch zu dritt können dann Absprachen über die Erziehung getroffen werden.

Aber es gibt noch weitere Menschen, neben Erzieher/innen und Lehrer/innen, die sich in die Erziehung der Kinder mit einbringen : die Großeltern. In vielen Familien gelingt der Alltag nur mit Hilfe von Oma und Opa. Sie holen die Kleinen vom Kindergarten ab oder betreuen nachmittags die Kinder, wenn die Eltern in der Arbeit sind, wegen Krankheit ausfallen oder etwas erledigen müssen. Oft stehen  sie auch als Babysitter zur Verfügung, wenn die Eltern mal etwas „Zeit zu zweit“ geniessen möchten.
Natürlich gehen die Ansichten zum Thema „Kindererziehung“ häufig auseinander, da die Großeltern einer anderen Generation angehören, mit anderen Werten und Normen. Zudem hat sich vieles in den letzten Jahrzehnten geändert : waren Ohrfeigen zu Opas Zeiten oft noch eine anerkannte Methode zur Kindererziehung, sind sie heute ein absolutes Tabu. Heute wird auch kein vernünftiger Mensch mehr den Babyschnuller in Honig tauchen, damit das Kleine Ruhe gibt. Deshalb dürfen die Großeltern also auch gerne noch etwas dazulernen !
Werden die Kinder nur zeitweise von Oma und Opa betreut, sollte man ruhig etwas großzügiger  sein. Kinder lernen schnell zu unterscheiden, dass zuhause andere Regeln gelten, als bei den Großeltern – und können dann auch gut damit umgehen. Wenn man sich an die eigene Kindheit erinnert, war das damals ja eigentlich genau so. Es gab manche Dinge, die waren nur bei Oma erlaubt,- es hat letztendlich nicht geschadet und man denkt noch heute gern daran.  Es ist das „Recht“ der Großeltern, die Enkel auch mal zu verwöhnen – eben weil sie keinen Erziehungsauftrag haben!
 
Anders ist die Situation, wenn die Großeltern die Kinder regelmäßig und oft betreuen – also aktiv an der Erziehung beteiligt sind. Sobald hier Konflikte und Unstimmigkeiten auftreten, sollten sich alle Erwachsenen zusammen setzen. Wenn die Eltern ihren Ärger anfangs hinunterschlucken, weil sie auf die Hilfe der Großeltern angewiesen sind, kommt irgendwann der Punkt, an dem das Ganze eskaliert und man wegen einer Kleinigkeit explodiert. Oft sind die Fronten dann so verhärtet, dass kein vernünftiges Gespräch mehr möglich ist.
Deshalb sollten die Eltern den Großeltern erklären, was ihnen in der Erziehung wichtig ist und welche Regeln sie für zuhause aufgestellt haben, die auch bei Oma und Opa so gelten müssen.
Halten sich die Großeltern nicht an die Absprachen, sind auch hier die Kinder die Verlierer : sie kennen keine klaren Regeln, an denen sie sich orientieren können und verlieren auf Dauer auch den Respekt vor den Eltern.
Häufig entstehen Konflikte zwischen Eltern und Großeltern auch durch Missverständnisse. Gerade Großmütter fühlen sich kompetent, was die Erziehung angeht – schließlich haben sie ja selbst Kinder groß gezogen. Was allerdings keine Garantie dafür ist, dass sie alles richtig gemacht haben ! Oft kommt ein Ratschlag an die Eltern dort nicht so an, wie er eigentlich gemeint war, sondern wird als Einmischung verstanden. Wie so oft, macht auch hier der Ton „die Musik“. Einen Rat kann man befolgen, eine Einmischung reizt zu Widerstand !
Kann man diese Missverständnisse nicht aus der Welt schaffen, sollten sich Großeltern an die goldene Regel halten : „Wir sagen nix – auch wenn es uns manchmal schwer fällt !“

Häufig brechen auch alte Konflikte zwischen den erwachsenen Kindern und den jetzigen Großeltern wieder auf. Eine Frau, die ihre eigene Mutter immer als wenig herzlich erlebt hat, wird sich schwer tun, diese jetzt als liebevolle Oma zu sehen und zu akzeptieren. Ein Mann, der seinen Vater stets als dominant erlebt hat, kann nicht begreifen, warum dieser jetzt bei seinen Enkeln so nachsichtig ist und alles erlaubt. Manchmal kommt fast so etwas wie Eifersucht oder Neid auf die eigenen Kinder auf, die jetzt so von den Großeltern verwöhnt werden.

Nahezu in jeder Familie sind noch alte Kränkungen und Verletzungen vorhanden und frühere  Rechnungen offen, die jetzt über die Enkel ausgetragen werden. Treten solche alten Konflikte wieder auf, besteht jetzt die Chance ihnen auf den Grund zu gehen und sie auszuräumen !
Vielen Eltern fällt es schwer, mit den Großeltern oder Schwiegereltern das Thema Kindererziehung überhaupt zu diskutieren, womöglich deren Verhaltensweise zu kritisieren und die eigenen Vorstellungen davon durchzusetzen. Dies liegt im Rollenverhalten begründet:  für die eigenen Eltern bleibt man selbst immer Kind – und die Rolle als Kind macht es eben schwierig  die eigenen Eltern zu kritisieren oder zu hinterfragen ! Jeder muss als Erwachsener erst lernen, den eigenen Eltern auf einer „gleichberechtigten“ Ebene und auf Augenhöhe  zu begegnen.
Auch hier ist oft ein neutraler Vermittler die Lösung für alle Beteiligten. Dies kann auch ein Familienberater, Psychologe oder Psychotherapeut sein, der mit allen Beteiligten spricht und ihnen hilft, alte Verletzungen zu erkennen, den eigenen Standpunkt zu klären und Konflikte beizulegen.

Was vielen Eltern bei der Erziehung helfen würde, ist etwas mehr Gelassenheit und Selbstsicherheit ! Schon seit Jahren werden sie durch Medien und Erziehungsratgeber mehr verunsichert als gestärkt.  Die meisten Eltern haben dadurch ein ziemlich idealisiertes Bild von der Elternschaft entwickelt und verinnerlicht, welches sie ziemlich unter Druck setzt. „Perfekte“ Eltern kennen auf jede Frage die richtige Antwort, sie lösen jedes Problem, sind immer einfühlsam und geduldig, natürlich stets liebevoll und unternehmungslustig, nie müde, erschöpft oder genervt. Leider – oder zum Glück, gibt es solche Eltern nicht ! Auch Kinder müssen lernen, dass Eltern auch nur Menschen sind, die nicht immer funktionieren, Schwächen haben und auch mal eine falsche Entscheidung treffen.

Und zum Schluss noch ein paar Tipps :
Entscheiden Sie als Eltern bei der Erziehung ruhig mal aus Ihrem Bauchgefühl heraus und richten Sie sich nicht immer nach den Regeln, die andere aufgestellt haben. Legen Sie die Messlatte für sich und Ihr Kind etwas niedriger. Nicht jeder und alles kann und muss immer reibungslos funktionieren. Ein bisschen Chaos schadet keiner Familie,- viel wichtiger ist es, dass genug Zeit füreinander vorhanden ist, die Kinder Sicherheit und Geborgenheit verspüren und Platz für Spaß und Gemeinsamkeiten bleibt.
Gestatten Sie sich auch mal schlechte Laune oder Wutausbrüche – aber entschuldigen Sie sich anschließend bei Ihrem Kind, wenn Sie es dadurch ungerecht behandelt haben. Kinder müssen begreifen, dass auch die eigenen Eltern Grenzen haben, die respektiert werden wollen.
Machen Sie das Thema „Kindererziehung“ nicht zu Ihrer Lebensaufgabe und kümmern Sie sich auch um sich selbst! Der Lebensraum Ihres Kindes sollte nicht zu Ihrem eigenen werden. Wenn Sie also nur noch in Kindergärten, Elternstammtischen, Schulen und Kindersportgruppen Ihre Freizeit verbringen und Ihre Freundschaften danach aussuchen, ob diese Menschen „passende“ Kinder haben, ist es Zeit, auch wieder mehr an sich zu denken. Jedes Elternteil braucht auch mal eine Auszeit von der Familie. Ebenso wichtig ist es, dass Vater und Mutter auch Mann und Frau bleiben – und sich dafür auch Freiräume nehmen !