Suizid: Der letzte Ausweg ?

       (  Freitod, Selbsttötung )

 

 

Ein Thema, das noch immer ein großes Tabu darstellt und das in der Öffentlichkeit oft auf Unverständnis stößt.

Auffallend häufig wurde in den letzten Wochen in den Medien über Fälle berichtet, in denen Eltern zuerst ihre Kinder und dann sich selbst töteten oder über Autofahrer, die absichtlich zum Geisterfahrer wurden und damit sich und andere in den Tod rissen.

 

Ganz bewusst vermeidet man inzwischen den Begriff „Selbstmord“, da er eine starke moralische Abwertung in sich trägt. „Mord“ ist schließlich die schwerste Straftat, die unser Gesetzbuch kennt und beinhaltet, dass jemand aus niederen Beweggründen handelt. Jemand, der sich selbst das Leben nimmt, ist aber kein Verbrecher, sondern ein zutiefst verzweifelter Mensch.

 

Der gewaltsame Tod eines Menschen ist immer ein schockierendes Ereignis, umso mehr, wenn jemand sich selbst tötet. Angehörige, Freunde, Kollegen und Nachbarn bleiben meist entsetzt und oft auch mit Schuldgefühlen zurück. Doch Suizid ist keine Randerscheinung: Jährlich sterben dadurch 14.000 Menschen in Deutschland – das sind doppelt so viele, wie durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen und 250.000 werden nach einem Suizidversuch in Kliniken behandelt. Die Dunkelziffer dürfte aber um ein Vielfaches höher liegen, da nicht jeder Suizid erkannt und nicht jeder Suizidversuch bekannt wird.

Besonders gefährdet sind Jugendliche, junge Erwachsene und ältere Menschen. Doppelt so viele Männer wie Frauen wählen den Freitod, aber wesentlich mehr Frauen unternehmen einen Suizidversuch.

 

Trotz dieser vergleichsweise hohen Zahlen erscheint es zunächst seltsam, dass in den Medien nur sehr selten Artikel darüber auftauchen. Dies liegt daran, dass sich der Deutsche Presserat freiwillig verpflichtet hat, über solche Todesfälle nur sehr eingeschränkt zu berichten, um den „ Werther-Effekt“  zu vermeiden. So wird das durch wissenschaftliche Studien belegte Phänomen bezeichnet, dass Suizide, über die in den Medien ausführlich berichtet wird, eine signifikante Zahl von Nachahmungstaten auslösen. Der Begriff geht zurück auf das Auftreten einer Suizidwelle nach der Veröffentlichung von Goethes Buch „ die Leiden des jungen Werther“ im Jahr 1774.

Gerade der Freitod von Prominenten hat eine gewisse Sogwirkung, vor allem wenn die Person sehr sympathisch und beliebt war. Auch Fernsehsendungen

(„Tod eines Schülers“) haben in Deutschland schon zu einer gestiegenen Suizidrate geführt.

 

Der so genannte Mitnahmesuizid oder erweiterte Suizid ist zum Glück eine zwar relativ seltene, aber besonders erschütternde Form der Selbsttötung. Darunter versteht man eine Suizidhandlung, bei der jemand ein oder mehrere Opfer gegen deren Willen tötet, um sich anschließend selbst das Leben zu nehmen. Meist handelt es sich dabei um Väter oder Mütter, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen, da sie diese nicht allein in einer für sie so feindlichen Welt zurücklassen möchten.

 

Die Gründe, warum Menschen für sich den Freitod wählen, sind sehr verschieden. Besonders gefährdet sind Menschen, die an Depressionen erkrankt sind oder die an Psychosen ( z. B. Schizophrenie ) leiden. Ansonsten spielen Trennungs- und Verlusterlebnisse ( Scheidung, Tod des Lebenspartners oder eines Kindes ), unheilbare und chronische Krankheiten oder finanzielle Notlagen eine große Rolle.

 

Bei Jugendlichen sind akute Auslöser oft Probleme in der Schule, familiäre Krisen ( Trennung der Eltern ), Liebeskummer oder Drogenprobleme. Die in dieser Altersgruppe typische Suche nach Identität, die Auseinandersetzungen mit Eltern und Lehrern, sowie das Scheitern der ersten Liebesbeziehung können zu schweren Selbstwertkrisen führen.

Die Ursachen, warum ältere Menschen sich das Leben nehmen sind: Einsamkeit und soziale Isolation, fortschreitende Krankheit und Behinderung, erniedrigende Armut, der Verlust der Selbständigkeit in der eigenen Wohnung und der Umzug in ein Altersheim – und die damit leider oft verbundenen Ängste vor schlechter Pflege und Misshandlung.

 

Suizid ist nur selten eine Kurzschlusshandlung. Meist liegen zwischen der Idee und der Durchführung mehrere Tage oder Wochen. Diese Zeitspanne wird von Psychologen in drei Stadien eingeteilt:

 

Im ersten Stadium der Erwägung wird ein Suizid als mögliche Problem – oder Konfliktlösung in Betracht gezogen. Der Betroffene sucht nach Methoden, wie er seinem Leben ein Ende setzen könnte.

 

Im Stadium der Ambivalenz entwickelt sich ein Kampf zwischen selbsterhaltenden und selbstzerstörerischen Kräften. Meist kommt es dabei zu verdeckten oder offenen Suizidankündigungen gegenüber anderen. Die Betreffenden machen Äußerungen wie: „ mir kann keiner mehr helfen“ oder sie planen nichts mehr langfristig  ( z.B. den nächsten Urlaub ).

Diese Appelle sind als Hilferufe und Kontaktsuche zu verstehen und müssen unbedingt ernst genommen werden!

Die Vorstellung: „ wer von Selbstmord spricht, tut es nicht“ ist erwiesenermaßen falsch! 80 % aller Menschen, die den Freitod wählen, haben vorher ihre Absichten angekündigt. Leider werden diese Ankündigungen vor allem dann nicht beachtet, wenn der Betreffende damit anscheinend einen Druck auf andere ausüben will. Doch mit „Erpressung“ hat das nichts zu tun!

 

Im dritten Stadium kommt es zum Entschluss. Der Umwelt fällt häufig auf, dass sich derjenige anscheinend beruhigt hat, da er nun keine Suizidabsichten mehr äußert. Leider handelt es sich hierbei oft um die „Ruhe vor dem Sturm“ und der Betreffende wartet nur noch einen günstigen Zeitpunkt ab, um seinen Plan umzusetzen.

 

Der Psychiater E. Ringel hat beschrieben, was sich in einem Menschen abspielt, der an Selbsttötung denkt:

Zuerst nennt er die so genannte „Einengung des Lebens“: Der Person erscheinen die eigenen Lebensumstände übermächtig, bedrohlich, unveränderbar – man fühlt sich klein, ohnmächtig und hilflos.

Die Gedanken, die Vorstellungen und die Grundstimmung gehen nur noch in eine Richtung  - alles erscheint grau und feindselig. Die Kontakte zu anderen Menschen werden immer weniger, der Betreffende wird einsam, fühlt sich verlassen und unverstanden. Die Bedeutung seines Lebens erscheint ihm immer geringer, Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit nehmen zu. Das Selbstwertgefühl und die Vorstellung etwas verändern zu können, nehmen ab. Der Sinn des Lebens wird gänzlich in Frage gestellt.

 

Zu den Gefühlen dieser Einengung kommen verstärkt Aggressionen, weil sich nichts ändert, weil nichts mehr zu gelingen scheint. Der Betreffende ist aber nicht in der Lage diese ohnmächtige Wut nach außen abzureagieren, sondern die Aggressionen richten sich gegen die eigene Person.

 

Hinzu kommen Todesphantasien. Er flüchtet sich aus seinem unerträglich empfundenen Dasein ins Phantasieren: er macht sich konkrete Gedanken über die Ausführung, hofft auf ein „besseres Leben nach dem Tod“, aber er denkt auch darüber nach, wie wohl seine Umwelt auf seinen Tod reagieren würde. Oft geht es dabei auch um Schuldzuweisungen und Rachegefühle.

 

Auf Grund dieser inneren Stimmungslage sind die Betroffenen dann oft nicht mehr in der Lage sich selbst zu helfen und sind auf Hilfe von außen angewiesen. Doch was können andere tun, wie sollte man reagieren, wenn ein Mensch Suizidgedanken äußert?

 

·         eine solche Ankündigung und andere Signale unbedingt ernst nehmen!

·         die gefährdete Person direkt auf ihre Absichten ansprechen und zuhören.

·         vorhandene Probleme nicht bagatellisieren, keine Floskeln ( „ das wird schon

·         wieder“), keine oberflächlichen Lösungsmöglichkeiten vorschlagen, sondern konkrete Unterstützung anbieten.

·         Professionelle Hilfe suchen und die gefährdete Person nach Möglichkeit
dorthin begleiten. In Frage kommen :  (Haus) Ärzte, Psychologen,
Psychiater, Psychotherapeuten, Krankenhäuser, sozialpsychiatrischer Dienst,
Beratungsstellen ( Ehe -
 und Familienberatung, Lebensberatung, Suchtberatung).

·         In akuter Krisensituation die Polizei oder einen Notarzt benachrichtigen und
so lange bei der Person bleiben, bis Hilfe eintrifft.

·         Gefährliche Gegenstände entfernen: Medikamente, Rasierklingen, Messer,  
Scheren usw.

 

Hilfe rund um die Uhr leistet die Telefonseelsorge unter der bundesweiten, kostenlosen Rufnummer:  0800 – 111 0 111,   sowie das

 

Kinder – und Jugendtelefon :  0800 – 111 0 333

 

Suizidgedanken sind nichts Ungewöhnliches. Viele Menschen haben in seelischen Krisen schon einmal an so eine „Lösung“ gedacht, sie aber genauso schnell wieder verworfen.

Die meisten Personen, die schon einmal einen Suizidversuch unternommen haben, sind heute froh noch zu leben. Sie sagen, sie wollten eigentlich gar nicht ihrem Leben ein Ende setzen, sondern sie wollten, dass all der Schmerz und die vielen negativen Gefühle ein Ende nehmen.

 

Suizid ist leider oft die endgültige Lösung für ein vorübergehendes Problem!