Zeugnisärger und Notenstress

Zeugnisärger und Notenstress

 

Bald beginnen für Bayerns Schüler die langersehnten Sommerferien. Zuvor jedoch werden die Jahreszeugnisse verteilt und in vielen Familien hängt deswegen der Haussegen schief.

Auch wenn die meisten Eltern schon vorher ziemlich genau  wissen, welche Noten und Bemerkungen im Zeugnis stehen werden, ist es doch etwas anderes, es schwarz auf  weiß zu sehen : die bösen Vorahnungen haben sich bestätigt und die Noten in dem einen oder anderen Fach sind alles andere als zufriedenstellend, mancher Schüler hat sogar die Versetzung in die nächste Klasse nicht geschafft.

Gute Noten gelten als sichtbarer Beweis für Erfolg und Intelligenz. Wenn ein Kind jedoch bescheinigt bekommt, dass seine Leistungen nicht genügen, bezieht es das leicht auf seine gesamte Person und sieht sich schnell als Versager. Hinzu kommt das Gefühl, die Eltern enttäuscht zu haben. Jedes Jahr gehen deshalb unzählige Anrufe von verzweifelten Kindern bei den „Kummertelefonen“ ein. Dies zeigt, wie hoch die Leistungserwartungen mancher Eltern sind und wie groß der Druck ist, unter dem die Kinder stehen.

Durch ständige Misserfolge schwindet der Glaube an die eigenen Fähigkeiten und der Schüler wird immer demotivierter !

Besonders schlimm für viele Schüler ist es, ein Schuljahr wiederholen zu müssen. Dies passiert immerhin rund 250.000 Kindern jedes Jahr, weitere 200.000 müssen wegen schlechter Leistungen die Schule, bzw. Schulart wechseln ! Sie verlieren alte Schulfreunde, müssen sich in einer neuen Klasse zurechtfinden und langweilen sich oft mit altem Lernstoff.

Das kann erheblich am Selbstbewusstsein nagen und diese Kinder brauchen erst recht die volle Unterstützung durch ihre Eltern.

Schlechte Noten rufen bei vielen Eltern Zukunftsängste hervor. Sie sorgen sich, dass ihr Kind einen Schulabschluss nicht schafft und später keinen Einstieg ins Berufsleben findet. Das ist verständlich. Dennoch sollte man versuchen, die Sache realistisch zu sehen und bedenken, dass schlechte Noten nur eine begrenzte Aussagekraft für die Zukunft haben. Eine Englisch -Fünf in der siebten Klasse ist zwar ärgerlich, bedeutet aber nicht das Ende einer beruflichen Zukunft und als Erwachsener wird keiner mehr daran gemessen, ob er schon einmal eine Klasse wiederholen musste , - prominente Beispiele dafür gibt es genug !

Hinzu kommt, dass Leistungsschwankungen ganz normal sind und mit der persönlichen Entwicklung des Kindes zusammenhängen. In der Pubertät sacken viele Schüler richtig ab, zeigen aber ein oder zwei Jahre später wieder „normale“ Leistungen. Zudem fließen wichtige Fähigkeiten, wie selbstständiges Arbeiten oder Teamfähigkeit kaum in die Benotung ein.

 

Vorwürfe und Strafen sind sicherlich nicht der richtige Weg, um auf ein schlechtes Zeugnis zu reagieren. Hausarrest oder Fernsehverbot haben noch keine schlechte Note im Nachhinein verbessert ! Wichtiger und sinnvoller für die Zukunft ist es, die Ursachen für die schlechten Leistungen zu ergründen:

Eine häufige Ursache sind familiäre Probleme. Streit in der Familie, Trennungen der Eltern, das Leben in einer Patchwork-Familie, finanzielle Sorgen der Eltern, Arbeitslosigkeit aber auch Krankheiten oder der Tod eines Familienangehörigen, können für Kinder schwere Belastungen darstellen. Manche Ursache scheint uns Erwachsenen lächerlich, ist für das Kind aber ein großes Problem und muss daher ernst genommen werden!

Eine weitere Ursache kann auch Stress mit den Lehrern sein. Lehrer sind auch nur Menschen und leider fließen manchmal auch persönliche Gefühle oder Vorbehalte in die Benotung mit ein.

Auch Mobbing oder Gewalt durch Mitschüler kann zu schlechten Leistungen führen. Kein Kind kann sich auf den Unterricht konzentrieren, wenn ihm die Angst im Nacken sitzt.

Viele Kinder sind auch mit den Anforderungen der gewählten Schulart überfordert.  Es gibt Durchstarter und Spätentwickler, jedes Kind lernt anders, hat besondere Fähigkeiten, aber auch Schwächen – und somit ist nicht jede Schulart geeignet. Es wäre also ein völlig unnötiger Stress für den Schüler und die Eltern beispielsweise auf den Besuch eines Gymnasiums zu bestehen, wenn sich abzeichnet, dass das Kind den dortigen Anforderungen nicht gewachsen ist und in einer anderen Schulart gute Leistungen erbringen könnte. Es gibt nicht nur einen Weg zu einem Studium oder einem späteren beruflichen Erfolg !

Viele Schüler leiden unter Lernblockaden, die durch Ängste verursacht werden. Sie haben Angst zu versagen und in Prüfungssituationen kann sich diese Angst zu einer regelrechten Panik steigern und gelernte Inhalte sind nicht mehr abrufbar – der gefürchtete „blackout“ ist die Folge. Diese Schüler leiden auch oft unter Kopf- oder Bauchschmerzen und Schlafstörungen. Noch mehr lernen oder üben hilft in dem Fall nichts,  die Kinder müssen ein Gefühl für ihre Stärken entwickeln, um Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zu gewinnen.

Vermeintliche Faulheit ist oft eine Art der Leistungsverweigerung. Wird der Druck durch die Schule und die Eltern zu groß, wehren sich manche Schüler, indem sie sich dagegen sperren und sich weigern zu lernen. Gerade in der Pubertät ist diese innere Protesthaltung oft der Fall : die Jugendlichen wollen so gegen die Ansprüche und Vorstellungen der Erwachsenen rebellieren – auch wenn sie sich damit letztendlich selbst schaden. Oft stellt sich dabei heraus, dass das Kind bisher nur gelernt und gute Noten erzielt hat, um den Eltern einen Gefallen zu tun und nicht „für sich“ gelernt hat !

Gerade bei Grundschülern können schlechte Noten auch an einer Lese-Rechtschreibschwäche oder einer Rechenschwäche liegen. Konzentrationsstörungen können auf AD(H)S hindeuten.

Eine gesicherte Diagnose bekommt man bei Kinderärzten, sowie Schul- und Kinderpsychologen, die dann bei Bedarf eine weitere Behandlung vorschlagen werden.

Ein schlechtes Zeugnis ist oft das Ergebnis fehlender Lernstrategien oder schlechter Lernbedingungen. Lernen ist nicht nur das Aneignen von Wissen, sondern auch ein ständiger Kampf gegen das Vergessen. Abhilfe schaffen in diesem Fall Kurse, in denen richtige Lerntechniken vermittelt werden – im Buchhandel gibt es auch genug Fachliteratur dazu.

Viele Schüler sind in der Organisation ihres Schulalltags sehr chaotisch. Sie vergessen wichtige Schulaufgabentermine, haben nie komplette Unterlagen oder lernen das Falsche. Vor allem jüngeren Schulkindern sollten Eltern bei der Organisation noch helfen, sie aber auch nach und nach zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erziehen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Schüler später blindlings auf die Hilfe der Eltern verlassen und  auf deren ständige Betreuung bei der Organisation ihres Schulalltags angewiesen sind.

 

Hat man die Ursachen für das schlechte Zeugnis erkannt, kann man auch gezielt dagegen vorgehen. Der erste Anlaufpunkt sollte ein Besuch bei dem Lehrer sein, der die Leistung beurteilt hat. Häufig kann er schon Hinweise geben, wie es weitergehen kann und entsprechende Kontaktadressen vermitteln.

Hilfsangebote gibt es je nach Ursache viele : Kinder- und Schulpsychologen, Psychotherapeuten ( bei Problemen in der Familie ),Lerntherapeuten, Hausaufgabengruppen und evtl. Nachhilfestunden.

Nachhilfe sollte aber immer zeitlich und  auf ein oder zwei Fächer begrenzt sein, um Wissenslücken zu schließen und den Anschluss an die Klasse wiederzufinden !  Dauerhafte Nachhilfe bringt wenig, ist oft nicht billig und führt zu einer ständigen Überforderung, da viele Schüler so kaum noch Freizeit haben – die sie aber dringend brauchen, um überhaupt leistungsfähig zu sein !

Zuhause  sollten die Eltern zunächst gemeinsam mit ihrem Kind festlegen, welche Fächer Priorität haben und wo am dringendsten etwas getan werden muss. Wie und was kann an der Lernsituation verändert werden?  Hat das Kind genug Zeit und Ruhe für die Hausaufgaben ?

Was will und muss das Kind selbst konkret tun, um die Noten zu verbessern ? Benötigt und möchte der Schüler die Hilfe der Eltern bei der Kontrolle der Hausaufgaben oder beim Vokabel abfragen ? Am Ende des Gesprächs sollte eine klare Vereinbarung zwischen Eltern und Kind getroffen sein, was genau von jetzt an anders gemacht wird.

In Familien mit mehreren Schulkindern sollten die Eltern unbedingt vermeiden, die Leistungen miteinander zu vergleichen. Das fördert nur das Konkurrenzdenken und der Familienfriede wird darunter leiden. Zudem ist es oft ungerecht. Manches Kind muss sich für eine Vier in Mathe schon gewaltig anstrengen, während das Geschwisterkind ein kleines „Mathe-Genie“ ist, dem die Eins ohne große Anstrengungen gelingt.

Deshalb sollten sich Eltern genau überlegen, ob es fair ist, gute Noten mit Geldgeschenken oder Taschengelderhöhungen zu belohnen. Damit schürt man auch die Erwartungshaltung der Kinder, dass  jede gute Leistung mit Geld bezahlt werden muss. Besser ist es sicherlich, die Anstrengungen der Kinder, unabhängig von den erzielten Noten, mit einem kleinen (!) Geschenk zu belohnen.

Vielleicht wäre aber auch, anstelle von einzelnen Belohnungen, ein gemeinsamer Ausflug mit der ganzen Familie die bessere Alternative ?

 

Für Kinder ist Schule oft harte und lästige Arbeit und unser Schulsystem ist nicht immer geeignet, ihnen Freude am Lernen zu vermitteln und den Sinn einer guten Schulausbildung begreiflich zu machen.

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“. Die Bedeutung dieses Zitates von Seneca wird uns meistens erst bewusst, wenn wir erwachsen sind.

 

Und für Notfälle hier noch die Nummer des „Kummer-Telefons“  für Kinder und Jugendliche  – kostenfrei und auf Wunsch anonym : 0800 111 0 333, 

sowie im Internet unter : www.nummergegenkummer.de