Zwänge: Alles unter Kontrolle ?

 

Wer von uns kennt das nicht :  man steht in der Abflughalle des Flughafens und sollte sich eigentlich nur noch auf den wohlverdienten Urlaub freuen, als man plötzlich beginnt daran zu zweifeln, ob man auch die Kaffeemaschine ausgeschaltet hat. Man wird immer nervöser und kann sich vielleicht erst dann beruhigen, wenn man die Nachbarin angerufen und sie gebeten hat, doch mal kurz nachzuschauen.

Oder man ist als Kind auf dem Schulweg  bewusst nur auf jede zweite Bodenplatte getreten.

Auch die genaue Kontrolle der Wohnung , bevor man sich auf eine längere Reise begibt, ist durchaus normal.

 

 Es handelt sich hierbei also nur um „Strukturierungshilfen“ für das Leben, allenfalls um kleine „spleens“.  Ein gesunder Mensch kontrolliert bei Unsicherheit allerdings nur einmal und gewinnt Sicherheit – jemand aber, der an einer Zwangserkrankung leidet, bleibt unsicher.

 

Unter einem Zwang versteht man Gedanken, Vorstellungen und Handlungen, die sich einem Menschen immer wieder aufdrängen, obwohl er sich intensiv dagegen zu wehren versucht.

Die Betroffenen empfinden ihre Zwänge als sinnlos, quälend und sehr belastend und sie befürchten „verrückt“ zu werden.

 

Meistens sind Zwangserkrankungen mit Befürchtungen verbunden, dass etwas Schlimmes passieren könnte, wenn man bestimmte Handlungen unterlässt. So wird die Zwangshandlung eher als unangenehm erlebt und dient nicht der Durchführung nützlicher Tätigkeiten, sondern verringert nur die Anspannung und die Ängste des Betroffenen.

 

Zwangserkrankungen sind noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Menschen mit einer solchen Erkrankung verstehen sich selbst nicht mehr und befürchten sich lächerlich zu machen, wenn sie anderen von ihrem Leiden erzählen.

 Dabei sind momentan  4 % der Bevölkerung daran erkrankt – die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Jeder Betroffene versucht eben seine Problematik möglichst lange zu verbergen , und somit vergehen im Durchschnitt sieben Jahre, bevor eine Behandlung begonnen wird.

 

Zwänge werden durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren verursacht. Genetik, neurologische Störungen, Traumata, Konflikte, belastende Lebensereignisse, erlernte Verhaltensmuster und biochemische Veränderungen können als Ursachen für eine Zwangserkrankung angesehen werden.

 

Zwangshandlungen kann man in verschiedene Arten und Kategorien einteilen. Manche Patienten leiden „nur“ an einem bestimmten Zwang, die meisten jedoch an mehreren.

Menschen, die unter einem Reinigungszwang leiden, haben geradezu panische Angst davor, mit Schmutz, Bakterien, Viren oder Exkrementen in Berührung zu kommen. Der Kontakt, oder auch nur die Vorstellung, rufen bei ihnen große Ängste hervor. Deshalb nehmen die Betroffenen viele Anstrengungen in Kauf, um sich vor Verunreinigungen zu schützen.

Dies führt dann dazu, dass der Kranke sich stundenlangen Waschritualen hingibt oder Gegenstände,  die infiziert sein könnten immer wieder sorgfältig reinigt. Die Folge sind massive Hautschäden durch den Einsatz von Bürsten, Desinfektionsmitteln und Seifen.

Um Verunreinigungen in der „schmutzigen“ Außenwelt zu entgehen, verlassen viele Betroffene möglichst selten ihre Wohnung und vereinsamen völlig.

 

Menschen, die an einem Kontrollzwang leiden, haben meist ein übertriebenes Verantwortungsgefühl.  Sie achten in Form ständiger Kontrolle darauf, dass sie sich und ihre Mitmenschen  nicht durch Unachtsamkeit gefährden und verspüren massive Schuldgefühle, falls sie nicht ausreichend kontrollieren können.

Auch wenn sie immer wieder prüfen, ob im Haus alle Fenster geschlossen und alle Elektrogeräte ausgeschaltet sind oder bestimmte Tätigkeiten erledigt wurden, verspüren sie keine Sicherheit. Dies führt dann z.B. dazu, dass die Betroffenen immer wieder in das Haus zurückkehren, um nochmals alles zu überprüfen.

 

Menschen mit einem Ordnungszwang sind nicht einfach nur pedantisch. Sie müssen alle Dinge in ihrer Umgebung nach einem ganz bestimmten, nur für sie verständlichen Muster anordnen, um sich wohl fühlen zu können.

Oft entscheiden nur wenige Millimeter darüber, ob ihnen das gelingt. In ihrem Perfektionsdrang verbringen sie viele Stunden damit, alles „richtig“ an seinen Platz zu stellen.  Dass sie damit natürlich auf erhebliche Widerstände bei Arbeitskollegen und in der Familie stoßen, dürfte klar sein.

 

„Sammeln“ als Hobby bedeutet , dass man Dinge , die für einen persönlich bedeutsam sind, aufbewahrt. Werden aber Gegenstände gehortet, die alt oder kaputt sind und die man gar nicht mehr benötigt, handelt es sich eher um einen Sammelzwang.

 Die Betroffenen können sich von nichts trennen, was dazu führt, dass die Wohnung immer mehr einer Müllkippe gleicht.

Meistens ist dieses Verhalten auf den privaten Bereich der Wohnung begrenzt und die Menschen wirken nach außen hin eher unauffällig. Besuch empfangen die Betroffenen kaum, sie schämen sich für ihr „Chaos“. Erst wenn die Wohnung zu klein wird und ein Umzug ansteht, wird die Erkrankung manchmal für Außenstehende ersichtlich.

 

Vor allem Wiederholungszwänge-und Rituale führen dazu, dass die Betroffenen kein normales Leben mehr führen können. Sie führen bestimmte Handlungen immer wieder durch  , – häufig in einer bestimmten Reihenfolge.

So entwickeln sich regelrechte Rituale :

Eine Person, die unter einem Reinigungszwang leidet, putzt und desinfiziert zum Beispiel täglich  die ganze Wohnung . Oder Kleidung und Körper müssen mehrmals hintereinander in einer gestimmten Reihenfolge gewaschen werden.

Diese Rituale können stundenlang dauern und das Leben der Betroffenen dreht sich nur noch um ihre Zwangshandlungen.

 

Irgendwann leben die Menschen nicht mehr mit ihrem Zwang, sondern nur noch für ihren Zwang.

Sie haben kaum mehr für andere Dinge Zeit , werden häufig arbeitsunfähig,-  sie schämen sich und ziehen sich mehr und mehr zurück. Die Verzweiflung und die Angst, verrückt zu sein werden immer größer.

 

Auch Angehörige und Freunde leiden sehr unter dieser psychischen Erkrankung – sie stehen der Sache hilflos gegenüber und Aufforderungen an den Kranken den „Unsinn“ doch zu unterlassen , nützen nichts.

 

Die meisten Betroffenen schaffen es nur mit professioneller Hilfe diese Erkrankung in den Griff zu bekommen.

Was kann man also tun ? Eine stationäre oder ambulante psychotherapeutische Behandlung , in Verbindung mit Medikamenten ( Antidepressiva ),  kann helfen.

Meist wird eine Verhaltenstherapie angewendet, die mit  Konfrontation arbeitet,

d.h. der Betroffene wird vom Therapeuten an eine Reizsituation herangeführt, die er früher nur mit Hilfe von Kontrollen im Griff hatte. Schritt für Schritt lernt der Patient diese Situationen zu bewältigen.

Auch Selbsthilfegruppen sind sehr nützlich, da Betroffene erkennen, dass sie nicht allein mit ihrem Problem dastehen und sie können erfahren, wie andere damit im Alltag umgehen.

 

In der Neurochirurgie wird zur Zeit die Wirkung von Hirnschrittmachern erforscht. Diese sollen Patienten eingepflanzt werden, die besonders schwer erkrankt sind. Bestimmte Impulse im Gehirn können damit umsteuert werden und so die Zwangshandlungen unterbrechen. Erste Erfolge gibt es bereits, aber es liegen noch keine Langzeitstudien vor.

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